Es ist in der Kultur wie in anderen Bereichen: Etliche Persönlichkeiten, die im frühen 20. Jahrhundert geboren sind, gelten heute als moralische, nicht selten politisch progressive Vorbilder, sie sind Gallionsfiguren mit dem Nimbus des beinahe Heiligen. Gelegentlich wurden Straßen nach ihnen benannt. Wenn ihre Jahre im „Dritten Reich“ allerdings mit lediglich ein, zwei Sätzen erledigt werden, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. So bei Walter Oehmichen, dem hochverehrten „Vater der Augsburger Puppenkiste“: Es ist knapp zu lesen, dass er seit 1931 als Schauspieler und Oberspielleiter am Augsburger Stadttheater tätig war. Ausführlicher werden die Informationen erst über die späteren Jahre, in Zusammenhang mit der frühesten Form seines Theaters.
2020 erschien Thomas Hettches Roman über die Augsburger Puppenkiste. Der Autor lässt sich seitenweise über die Gräueltaten der Nationalsozialisten aus, Oehmichen aber erscheint „anders“, als eine Art „innerer Emigrant“, der bisweilen sogar die „Moritat vom Mackie Messer“ aus der „Dreigroschenoper“ des „linken“ Brecht gesummt haben soll. Auch sei er mit einem von dessen Jugendfreunden bekannt gewesen. Was will man mehr?
Antworten nach Oehmichens Vergangenheit wird aus dem Weg gegangen
Dann erzählt Hettche eine schöne Geschichte über die Entstehung und frühe Zeit der Puppenkiste. Ein Neuanfang: „Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden“, lässt er Oehmichen mit großer Geste deklamieren; so als hätte er selbst mit jenen Nazis nie etwas zu tun gehabt. Wohl lässt Hettche das Vergangene kommentieren, Fragen stellen, die das Nachkriegsidyll unterminieren, etwa eine an Oehmichens Tochter: „War Ihr Vater ein Nazi?“ Diese wiederum fragt den Vater: „Warum warst du Landesleiter der Reichstheaterkammer?“ Antworten wird aus dem Weg gegangen. Alles in allem bleibt Hettches Buch ein „Wohlfühlroman“.
Dichtung lebt vom Reiz des Offenen und Fiktiven. Die Wissenschaft ist uncharmanter und beantwortet diese Fragen, klar und eindeutig belegbar: Ja, Walter Oehmichen war Nazi.
Selbstreinigung mit Hilfe von Brecht
Seine Ernennung zum Landesleiter der Reichstheaterkammer, Gau Schwaben, ist der in sich schlüssige Höhepunkt einer geradlinig verlaufenden und erfolgreichen Theaterkarriere im „Dritten Reich“. Dass er mit seiner Puppenkiste 1960 jene „Dreigroschenoper“ Brechts in Szene setzte und dabei auch noch höchstselbst den Moritatensänger gab, mag vor diesem Hintergrund verstörend wirken, ist aber nicht außergewöhnlich. Es handelt sich um ein weiteres Beispiel eines postnationalsozialistischen Selbstreinigungsprozesses mit Hilfe des Werkes und der Autorität Brechts.
Oehmichen war sowohl als Regisseur als auch als Schauspieler an etwa zwanzig eindeutig nationalsozialistischen, ideologisch motivierten Inszenierungen beteiligt. Viele dieser Werke gehören zu den unheilvollsten, die das so genannte NS-Schrifttum hervorgebracht hat, ihre Autoren zählen zu den bekanntesten des „Dritten Reichs“. Es begann gleich 1933, anlässlich der Feierlichkeiten zu „Führers Geburtstag“. Oehmichen oblag die Spielleitung bei Hanns Johsts Drama „Schlageter“, „Adolf Hitler in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue“ gewidmet. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Frontsoldat Albert Leo Schlageter, der wegen Anschlägen auf Bahnlinien 1923 von der französischen Besatzungsmacht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Die NS-Propaganda stilisierte ihn zum „ersten Soldaten des Dritten Reichs“. Die Augsburger Nationalzeitung vom 27. April 1933 schreibt: Oehmichens „Regiearbeit war sachlich und gediegen […] Stumme Ergriffenheit lag über dem Hause. Erschütterung statt Beifall“. Er übernahm auch selbst eine Rolle: „Walter Oehmichen goldig und echt in seiner Treue als Bursche von Leutnant Schlageter.“ Johst ist der bekannteste NS-Dichter überhaupt, war seit 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer und später enger Freund Heinrich Himmlers, der ihn zum SS-Standartenführer ernannte.
Von den jetzt genauestens dokumentierten NS-Theaterproduktionen, bei denen Oehmichen gestaltend mitwirkte, seien zwei weitere genannt. Am 31. März 1935 war die Premiere von Hellmuth Ungers „Opferstunde“ (1934). Es handelte sich um eine Sondervorstellung für den NS-Ärztebund. Eine weitere Aufführung folgte am 20. April 1935, wieder war „Führers Geburtstag“. Unger war Arzt, Dichter und Wegbereiter der im NS-Staat seit 1939 angewandten „Kranken- und Kindereuthanasie“. Er war seit Mai 1933 tätig im Rassenpolitischen Amt der NSDAP, wurde Referent des Reichsärzteführers und Pressereferent der Reichsärztekammer. Unger war beteiligt an der Vorbereitung der „Aktion T4“, dem Massenmord von mehr als 70.000 Menschen mit Behinderung zwischen 1940 und 1941. Sein Roman „Sendung und Gewissen“ wurde die Vorlage des Euthanasiefilms „Ich klage an“ (1941) von Wolfgang Liebeneier.
Ungers „Opferstunde“ ist, dem genau entsprechend, ein Propagandawerk im Dienst der so genannten „Rassenhygiene“. Im Text heißt es: „Arme und erbkranke Geschöpfe […] Gibt es nicht gute und wirksame Heilmittel genug? Mittel, die schmerzlos einschläfern in einen Schlaf, aus dem man nicht mehr erwacht.“ Und: „Wenn einmal in dreißig, vierzig Jahren auch die letzten Heime für Schwachsinnige und für Idioten geschlossen werden müssen, […] weil es in unserem Vaterland geisteskranken Nachwuchs nicht mehr gibt, dann wird uns und der Welt der ganze Segen des Sterilisierungsgesetzes offenbar werden.“
Oberspielleiter und Gericht quasi Hand in Hand
Schräg gegenüber vom Stadttheater, im Justizgebäude, war das Augsburger „Erbgesundheitsgericht“ in dieser Zeit dabei, Beschlüsse zur Sterilisation „Minderwertiger“ und „Erbkranker“ auf der Basis des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 umzusetzen. Theater und Justiz waren aufeinander abgestimmt. Der Oberspielleiter und das Gericht arbeiteten sozusagen Hand in Hand.
Am 19. März 1936 inszenierte Oehmichen ein Stück von Ewald von Demandowsky. Der war seit 1939 Reichsfilmdramaturg, Günstling von Joseph Goebbels und Produzent jenes Films „Ich klage an“. Er wurde als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 1946 hingerichtet.
Oehmichen stellte sich in den Dienst der Machthaber
Fazit: Walter Oehmichen war nach diesem Erkenntnisstand kein gequälter Mitläufer, sondern Mitgestalter, willfähriges und bestens funktionierendes Rad, wenn nicht Antrieb der NS-Ideologie. Seine Kreativität als Regisseur stellte er in den Dienst der Machthaber, und es ging oft eben nicht um „weltferne“ Kunst, sondern um Agitation, die zum Schlimmsten führte. Oehmichen wurde 1937 Mitglied der NSDAP und für seine Treue belohnt: 1939 wurde er zum Landesleiter der Reichstheaterkammer ernannt, was ihn zu einem der höchsten NS-Funktionäre des Kulturlebens in Schwaben machte.
Nach 1945 ging Oehmichen nicht einfach zurück zum Theater. Doch er musste leben, Geld verdienen und rief die Augsburger Puppenkiste ins Leben. Ihre Erfolgsgeschichte ist einzigartig, wie ihr Nimbus des Unschuldigen. Generationen verbinden sie mit schönsten Kindheitserinnerungen. Doch ist sie nicht auch eine Geburt aus dem Geiste des Nationalsozialismus, aus der Not ihres Gründers, trotz seiner NS-Verstrickungen nach dem Krieg weitermachen zu müssen, irgendwie?
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren