Eigentlich hätte Clara Choisy an diesem Tag auch auf der anderen Seite stehen können. Doch im Finale der U17-Europameisterschaft der Frauen in Belfast trägt die Augsburgerin das deutsche Trikot. Ihre Mutter stammt aus Frankreich. Und wie könnte es anders kommen – als Deutschland gegen Frankreich das entscheidende Tor erzielt, ist Choisy mittendrin.
Clara Choisy: Im EM-Finale der U-17-Frauen
Frankreich bekommt den Ball nicht sauber geklärt, Choisy erkennt ihre Möglichkeit. Sie setzt nach, legt sich den Ball mit der Brust vor und schließt aus kurzer Distanz ab. Die französische Torhüterin pariert, doch der Abpraller springt zu Stürmerkollegin Marie Kleemann. Die trifft zum 1:0 – es bleibt das einzige Tor des Spiels. Deutschland ist Europameister. Und eine 17-jährige Augsburgerin ist daran maßgeblich beteiligt.
Ein paar Tage später klingt Choisy noch immer so, als müsse sie selbst erst begreifen, was da in Nordirland passiert ist. „Das ist unbeschreiblich“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. In diesem jungen Alter mit der Nationalmannschaft Europameisterin zu werden, sei „ein großes Privileg“. Für sie persönlich sei es „der bisher größte Erfolg“ ihrer Karriere. Nach dem Abpfiff ging alles rasch: Feiern mit dem Pokal in den Händen, am nächsten Tag schon wieder abreisen. „Ich kann es immer noch nicht richtig fassen, dass wir Europameister sind“, freut sich die Augsburgerin.
„Der Schlusspfiff im Finale war schon der besonderste Moment“, erinnert sie sich. „Und dann natürlich der Pokal.“ Choisy spricht in ihrer Erzählung auffällig oft vom „Wir“. „Unser Motto war ‚füreinanger‘, also füreinander und Germany in einem Wort“, erklärt sie. Wenn die Mannschaft ein Tor schießt, jubeln alle zusammen, auch mit der Bank. So war es auch beim Treffer, der den Titel klarmachte. Natürlich hätte Choisy den Ball auch gerne selbst reingemacht, sagt sie. Aber das stehe im Hintergrund. „Es geht ums Team.“ Choisy sei einfach nur stolz, dazu beigetragen zu haben.
EM-Finale gegen das Heimatland ihrer Mutter
Besonders war das Spiel für Choisy auch deshalb, weil der Gegner Frankreich hieß. Ihre Mutter Gaelle ist, wie sie selbst sagt, „hundertprozentig Französin“. Für wen sie im Finale mitfieberte, sei trotzdem klar gewesen: „Natürlich für die Mannschaft, in der meine Tochter spielt.“ Auch aus der französischen Verwandtschaft kamen reichlich Glückwünsche. Choisy selbst aber versuchte am Spieltag, den besonderen Hintergrund auszublenden. „Ich war voll im Tunnel“, sagt sie. Dass Choisy theoretisch auch für Frankreich hätte spielen können, habe in diesem Moment keine Rolle gespielt. Spätestens nach dem Titel ist sich die Augsburgerin aber sicher: „Ich würde sagen, ich habe die richtige Entscheidung getroffen.“
Der Weg hin zu diesem Moment begann in Augsburg. Choisy kommt aus Pfersee. Mit drei Jahren fing sie beim TSV Göggingen mit dem Fußballspielen an. Zehn Jahre lang kickte sie dort. Inzwischen läuft die Augsburgerin für die zweite Mannschaft des FC Bayern München in der 2. Bundesliga auf. Doch wenn Choisy über ihre Heimatstadt spricht, klingt das ganz und gar nicht wie ein abgeschlossenes Kapitel. „Der TSV Göggingen liegt mir immer noch sehr am Herzen“, sagt sie.
Dass Choisy damals mit den Jungs zusammenspielte, sieht sie bis heute als Vorteil. Sie wurde gefordert, musste sich körperlich behaupten, lernte Zweikämpfe. All das helfe ihr bis heute, wenn sie im EM-Finale gegen zwei größere Französinnen den Ball behauptet. Nach dem Titel meldeten sich auch alte Trainer und Wegbegleiter aus Augsburg. Wenn Choisy heute nach Göggingen zurückkommt, wollen Nachwuchstalente des TSV inzwischen sogar Autogramme von ihr. „Das fühlt sich schon besonders an, hierher zurückzukommen.“
Clara Choisy will in die erste Mannschaft des FC Bayern
Sportlich soll der nächste Schritt jetzt aber in München folgen. Im Sommer zieht Choisy in die Landeshauptstadt, um sich noch stärker auf den Fußball zu konzentrieren. Die erste Mannschaft des FC Bayern sei für sie „das nächste große Ziel“.
Auch mit der Nationalmannschaft ist der nächste Höhepunkt schon in Sicht. Deutschland ist für die U17-WM im Oktober qualifiziert, Choisy hofft, in Marokko auch wieder dabei zu sein. „Für Deutschland zu spielen, macht mir einfach großen Spaß“, sagt sie. Es sei eine Ehre, die Nationalhymne zu singen – „mit Stolz“.
Am Ende bleibt für Choisy vor allem ein Gefühl nach dieser EM. „Ich bin unglaublich stolz, glücklich und immer noch ein wenig ungläubig“, sagt die frisch gebackene Europameisterin. Auch wenn Choisy immer wieder den Teamgedanken betont: Dieses Turnier hat auch ihre eigene Geschichte erzählt: Eine Augsburgerin mit französischen Wurzeln, die für Deutschland spielt, im Finale gegen Frankreich am entscheidenden Tor beteiligt ist – und danach wieder in Göggingen die Jugend besucht.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren