Wer Auto fährt, ohne eine aktuell gültige Fahrerlaubnis zu besitzen, macht sich nach Paragraf 21 des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) strafbar. Doch einige Menschen halten selbst die drohenden Bußgelder und Freiheitsstrafen nicht davon ab, sich ans Steuer zu setzen, obwohl sie gar keinen Führerschein besitzen oder ihnen die Fahrerlaubnis vorübergehend entzogen wurde. Dabei provozieren sie oftmals Unfälle, bei denen sie selbst oder andere Verkehrsteilnehmer zu Schaden kommen.
Doch wie verbreitet ist dieses Verhalten in der Bevölkerung und welche Beweggründe stecken dahinter? Um das herauszufinden, hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) eine umfangreiche Studie durchgeführt, in der sie amtliche Statistiken ausgewertet, rund 7500 Autofahrer befragt und Interviews mit Rechtswissenschaftlern, Verkehrspsychologen und Polizisten durchgeführt hat. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.
Wie verbreitet ist das Fahren ohne Führerschein – und wie groß ist der Schaden?
Die UDV arbeitete zunächst heraus, wie viele Autofahrer beim Fahren ohne Fahrerlaubnis erwischt und rechtlich belangt wurden. Hierfür stützten sich die Forscher auf die amtliche Strafverfolgungsstatistik (StVStat) aus dem Berichtsjahr 2021. Demnach wurden insgesamt 45.719 Personen nach Paragraf 21 StVG rechtskräftig verurteilt. 3,9 Prozent von ihnen waren in einen Unfall verwickelt. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 wurden 36.489 Menschen für das Fahren ohne Fahrerlaubnis verurteilt. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Anzahl also um 25 Prozent.
Zusätzlich zu dieser statistischen Auswertung führte die UDV Befragungen unter Autofahrern durch, um die Dunkelziffer der nicht belangten Täter zu ermitteln. Hier gaben 13 Prozent der befragten Personen an, schon einmal ohne Fahrerlaubnis gefahren zu sein. Drei Prozent erklärten, dies bereits mehrfach getan zu haben. Von diesen Ergebnissen seien die Unfallforscher selbst überrascht gewesen, verriet UDV-Leiterin Kirstin Zeidler im Spiegel. Demnach seien weitaus mehr Menschen als gedacht ohne Fahrerlaubnis im Straßenverkehr unterwegs.
In den meisten Fällen müssen die Fahrer keine negativen Konsequenzen für ihr Vergehen tragen. So wurden 89 Prozent der von der UDV Befragten beim unerlaubten Fahren nie kontrolliert. „Um Entdeckung und Unfälle zu vermeiden, fahren sie in der führerscheinlosen Zeit defensiver, während sie sonst nach eigenen Angaben einen riskanteren Fahrstil pflegen“, erklärte Zeidler in einer Pressemitteilung der UDV. Dennoch gaben sieben Prozent der befragten Personen an, beim Fahren ohne Führerschein schon einmal einen Unfall verursacht zu haben.
Das spiegelt sich auch in der amtlichen Unfallstatistik wider. Demnach verursachten Menschen ohne Fahrerlaubnis oder mit Fahrverbot im Jahr 2024 auf deutschen Straßen mehr als 7000 schwere Verkehrsunfälle. Dabei kamen 93 Menschen ums Leben, 1473 Personen trugen schwere Verletzungen davon. „Jeder kann Unfallopfer unerlaubt Fahrender werden“, betonte Zeidler angesichts dieser erschreckenden Zahlen.
Welche Menschen fahren am häufigsten ohne Führerschein Auto?
Laut der UDV-Auswertung der amtlichen Strafverfolgungsstatistik des Jahres 2021 ist etwa ein Drittel der nach Paragraf 21 StVG verurteilten Personen (33 Prozent) zwischen 30 und 39 Jahre alt. Der Großteil der Fahrer (85 Prozent) ist mindestens 25 Jahre alt. Damit widerlegt die Statistik die Klischeevorstellung, dass sich vor allem junge, unerfahrene Fahranfänger zum Fahren ohne Führerschein hinreißen lassen. Der Blick auf die Geschlechterverteilung ergibt ein eindeutiges Bild: Die überwiegende Mehrheit der für unerlaubtes Fahren verurteilten Personen sind Männer. Ihr Anteil liegt bei 92 Prozent, während Frauen nur acht Prozent der Verurteilten ausmachen.
Die Ergebnisse der Dunkelfeld-Befragung weichen bezüglich der Altersverteilung nur geringfügig von der StVStat ab. Das Durchschnittsalter der Menschen, die bereits ohne Fahrerlaubnis gefahren sind, liegt hier bei 42 Jahren. Im Hinblick auf die Geschlechter ergibt sich in der Befragung ein bemerkenswerter Unterschied zur offiziellen Statistik: Der Frauenanteil ist im Vergleich deutlich erhöht. So waren 39 Prozent der Fahrer ohne Führerschein weiblich und 61 Prozent männlich. Mit 94 Prozent besitzt der überwiegende Anteil der Personen die deutsche Staatsbürgerschaft.
20 Prozent der Menschen, die sich unerlaubt ans Steuer gesetzt haben, wurde die Fahrerlaubnis schon einmal entzogen, 13 Prozent wurde bereits ein Fahrverbot erteilt. Die am häufigsten genannten Ursachen hierfür waren das Fahren unter Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten, acht oder mehr Punkte in Flensburg sowie das Verursachen eines Unfalls oder Unfallflucht.
Warum setzen sich viele trotz Fahrverbot ans Steuer?
Auf die Frage, welche persönlichen Beweggründe oder Umstände zum Fahren ohne Fahrerlaubnis geführt haben, antworteten die meisten Befragten (29 Prozent), dass es sich um einen Notfall gehandelt habe. 27 Prozent führten den eingeschränkten Zugang zu alternativen Verkehrsmitteln als Motiv an. Aber auch berufliche Fahrten (22 Prozent), soziale Verpflichtungen und alltägliche Besorgungen (jeweils 21 Prozent) wurden als häufige Anlässe genannt.
Durch Tiefeninterviews mit Polizisten, Rechtsexperten und Verkehrspsychologen wurden in der UDV-Studie weitere Hintergründe für das Fahren ohne Führerschein herausgearbeitet. Demnach teilen viele Betroffene die Grundhaltung, dass sie mit dieser Handlung kein nennenswertes Unrecht begehen. „So nehmen viele Personen an, dass der Fahrerlaubniserwerb eine reine Bestätigung ihrer Fahrkompetenz darstellt, die sie mit Entzug der Fahrerlaubnis nicht verlieren. Dass zu diesem Recht jedoch auch bestimmte Pflichten gehören, wie sich an Verkehrsregeln zu halten, wird oftmals nicht anerkannt“, beschrieben die Unfallforscher.
Übrigens: Auch Prominente fallen in diesem Zusammenhang gelegentlich mit Verkehrssünden auf. So gestand kürzlich der Tatort-Schauspieler Ulrich Tukur, dass er jahrelang ohne Führerschein Auto gefahren ist. Sänger und DSDS-Gewinner Pietro Lombardi musste seinen Führerschein wegen mehrerer Delikte abgeben und sich einer MPU unterziehen, um ihn zurückzubekommen.
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