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80 Jahre Augsburger Allgemeine: „Die gedruckte Zeitung ist Heimat in anfassbarer Gestalt“: Warum ich weiter Zeitung lese

80 Jahre Augsburger Allgemeine

„Die gedruckte Zeitung ist Heimat in anfassbarer Gestalt“: Warum ich weiter Zeitung lese

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    Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid ist leidenschaftlicher Zeitungsleser.
    Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid ist leidenschaftlicher Zeitungsleser. Foto: Paul Zinken, dpa (Archivbild)

    Die Milchflasche habe ich lange getrunken. Als ich damit dann doch fertig war, habe ich angefangen, Zeitung zu lesen. Wirklich wahr. Sobald ich lesen konnte, habe ich fürs Leben gern gelesen, und da kam mir die Heimatzeitung gerade recht, die eine Botin jeden Morgen ins Haus brachte. Heimat und Zeitung, das gehört für mich zusammen. Damals war es die Mittelschwäbische, die mir die Welt erschlossen hat. Als ich für ein entscheidendes jugendliches Jahrzehnt in die bayerisch-schwäbische Hauptstadt zog, war es die Augsburger Allgemeine. Heute sind es die Zeitungen in Berlin, wo ich seit Langem lebe. Aber wenn ich in meiner mittelschwäbischen Heimat bin, greife ich sofort wieder zur Heimatzeitung.

    Heimat ist die Zeitung, weil sie Vertrautheit und Geborgenheit vermittelt. Sie hilft dem Leser, der Leserin, vertraute Gewohnheiten zu pflegen, also zum Beispiel alltäglich zur selben Zeit in derselben Weise das Blatt aufzuschlagen und rituell zu lesen. Gewohnheiten sind wichtig fürs Leben, mit ihrer Hilfe lassen sich schwierige Dinge bewältigen, etwa der Übergang von der Nacht zum Tag, die Zeitung ist die ideale Hilfestellung dafür. In der vorwärtsstürmenden Zeit stellt sie ein zyklisches Element dar. Täglich kehrt sie in identischem Format wieder, täglich zur gleichen Zeit. Klar, Gewohnheiten sollten nicht überhandnehmen. Sie sind nicht dazu da, das Leben zu ersticken, sondern dazu, ihm einen festen Rahmen zu geben, um das Chaos besser auszuhalten, das eigene und das der Welt.

    Zeitunglesen ist eine gute Gelegenheit dafür, müßig zu sein, passiv, rezeptiv

    Ich bin kein Gegner der Digitalisierung, das Smartphone ist mein Büro und ich bin froh über die Online-Ausgabe meiner Zeitung, wenn ich sie auf Reisen nicht im Print bekommen kann. Aber meine Lebensstrategie besteht darin, mich den neuen und neuesten Möglichkeiten nicht restlos auszuliefern. Droht das digitale Fieber einen kritischen Wert zu übersteigen, ist ein Herunterkühlen mit analogen Hausmitteln angesagt. Die Printausgabe hilft mir dabei in ihrer nüchternen Sinnlichkeit. Sie ist die Welt, in Falten gelegt, und wenn ich sie entfalte, knistert sie. Dann liegt sie ausgebreitet vor mir, die Welt, übersichtlich in Rubriken eingeteilt. Die Zeitung bringt Ordnung in den Dschungel des alltäglichen Geschehens. Oben links dies und unten rechts jenes zu sehen, vermittelt mir ein Gefühl von Überblick. Zeitung ist Ordnung, sonst hat sie keinen Sinn. Natürlich ist die Welt nicht so, aber für einen Moment brauche ich sie so. Die Kunst, Zeitung zu lesen, findet ihren höchsten Genuss darin, wenigstens morgens um sieben die Welt noch für überschaubar zu halten.

    Anders als ein kleiner Bildschirm, gibt das Printformat auch einen Eindruck von der Größe der Welt. Ich finde es wichtig, dass das große Ganze präsent bleibt und nicht immer nur kleine Ausschnitte zu sehen sind. Das ist ein Grund dafür, warum ich Print liebe. Von vorne? Von hinten? Das ist die Gretchenfrage unter Zeitungslesern. Was mich angeht, werfe ich nur einen kurzen Blick auf die erste Seite, um die Überschriften zu überfliegen. Dann widme ich mich ausgiebig der letzten Seite, Buntes aus aller Welt. Weltpolitische Ereignisse stehen vorne, Eifersuchtsdramen hinten. Von hinten, wo es menschelt, arbeite ich mich nach vorne, wo die Politik so tut, als wäre sie frei davon. Das dauert, aber die Zeit nehme ich mir. Zeitunglesen ist eine gute Gelegenheit dafür, müßig zu sein, passiv, rezeptiv. Es ist eine spannende Entspannung. Die Printausgabe ermöglicht mir, in aller Seelenruhe hin- und herzublättern und, zusammengefasst auf einigen Seiten, das Geschehen der Welt gelassen zu betrachten. Nebenan steht nur die Kaffeetasse.

    Das Netz hingegen, das um die Online-Ausgabe meiner Zeitung herum lauert, verbreitet eine strukturelle Unruhe. Es ist aktueller, minutengenau erfahre ich, was geschehen ist, das kann aufregend sein. Aber nichts steht jemals fest, alles ist ständig im Fluss, immer locken noch weitere Möglichkeiten, das macht mich nervös. Statt Entspannung, ständige Angespanntheit. Nach allen Seiten hin führen Klicks zurück ins Chaos, denn das Netz bildet die Realität ab, wie sie ist, ungeordnete Gleichzeitigkeit des Tausendfältigen, alles gleichbedeutend oder unbedeutend. Sekundengenau erfahre ich, was geschieht, immer geht es um jetzt, jetzt, jetzt. Immerzu ploppt etwas auf, das auch noch wahrgenommen werden will. Ständig blinkt und blitzt ein Werbespot. Permanente Aktualisierungen prügeln mich durch den Tag. Nie erlöst mich das Gefühl, die letzte Seite zuklappen zu können und fertig zu sein für heute.

    Die Zeitung ist ein Moment des Innehaltens und Nachdenkens

    Die Zeitung ist ein Moment des Innehaltens und Nachdenkens. In rasender Bewegung ein stillgestellter Augenblick, als könnte das Leben für einen Moment angehalten werden, um es wie ein Stillleben zu betrachten. Online rennt der Zeit hinterher, Print hat etwas mehr Zeit dafür, Schneisen in den Dschungel der wuchernden Informationen zu schlagen, Komplexität in einem vertretbaren Maß zu reduzieren, Information von Desinformation zu unterscheiden, Themen zu gewichten, Bedeutung einzuschätzen und unterschiedliche Sichtweisen zu berücksichtigen. Mit der zeitlichen Distanz ist die bessere Auswahl möglich, was eine Nachricht ist und was nicht. Und ich kann mich darauf konzentrieren, wenn ich nicht von endlosen „Links“ in die Weiten des digitalen Weltalls entführt werde. Studien bestätigen diese Unterschiede zwischen Digital und Papier. Die elektrische Aktivität im Gehirn weist beim Lesen am Bildschirm Alpha- und Thetawellen auf, typisch für geringere Aufmerksamkeit, beim Lesen auf Papier hingegen Beta- und Gammawellen, die mit Konzentration verbunden sind. Für die Zeitung in dieser Form bewege ich mich gerne körperlich, um sie in Empfang zu nehmen, beim Händler oder aus dem Briefkasten.

    Klar, Zeitung ist Zeitdruck: Unter Zeitdruck wird sie hergestellt, aber sie ist auch Zeit-Druck, die Zeit in gedruckter Form, die Verlaufsform der Zeit in diesem Moment, in dem sie festgeschrieben wird, eine Illusion wenigstens für einen Tag, besser noch für eine Woche, schwarz auf weiß und nicht von der nächsten Aktualisierung gleich wieder davongeweht. Sie ist eine Definition der Wirklichkeit, bevor diese vom Sog der Ereignisse wieder fortgerissen wird. Was mir wichtig ist: Mehr als die nackte Information sollte es sein. Ich will genauer wissen, was die Zusammenhänge sind, welche Geschichten zu dem Moment geführt haben, welche Strukturen sich darunter verbergen, welche Menschen involviert sind. Dafür brauche ich die Recherche, wie nur gute Zeitungsredaktionen sie unternehmen können, solange sie die Ressourcen und Menschen dafür haben – und dafür sorge ich, der treue Leser.

    Am Entstehungsprozess der großen Weltgeschichte habe ich gerne in Form des kleinen Fortsetzungsromans teil, bei dem ich nicht von Sekunde zu Sekunde, aber von Tag zu Tag, von Woche zu Woche gespannt sein kann: Wie geht es weiter? Auf die Stimmigkeit der Geschichten, die ich lese, muss ich mich verlassen können, da ich nicht selbst alles überprüfen kann. Zahllose Informationströpfchen umfluten mich, beim besten Willen kann ich nicht alles kennen und schon gar nicht verarbeiten. Der Umgang mit Informationen ist eine Frage des Vertrauens und sogar ein Glaubensakt: Ich glaube, dass da korrekt gearbeitet und ausgewählt wird. Ein Zuviel an Information muss ich ignorieren, will die Ignoranz aber abmildern durch das Bewusstsein, dass von all dem, was ich missachte, dennoch vieles interessant sein kann. Nie will ich glauben, dass nicht existiert, wovon ich nichts weiß.

    Ich brauche ein Medium für den Tag, um über die Aktualität und die Geschehnisse vor Ort informiert zu sein

    Zunächst vertraue ich dem Medium am meisten, in dessen äußerer Ordnung ich mich zu Hause fühle. Das ist die Heimatzeitung. Hier finde ich mich rasch zurecht und picke das heraus, was ich interessant finde und fürs Leben brauche: Was geschieht in der Stadt, im Land und anderswo in der Welt? Was sollte ich wissen, was sind die neuesten Erkenntnisse? Wo finden welche Events statt, worauf sollte ich achten? Was steckt hinter einer Nachricht? Die Vertrautheit des Rahmens begründet ein Vertrauen auf die Inhalte. Vorausgesetzt, dass die Informationen sich wieder und wieder als zuverlässig erweisen. Dafür gebe ich Geld aus. Ich bezahle ungern im Netz, wo die umfangreiche Arbeit kompetenter Leute nicht so deutlich wie im Print mit Händen zu greifen ist. Und auf welcher Basis arbeiten sie? Handelt es sich um Institutionen mit gesicherten Strukturen über lange Zeiten hinweg wie bei Zeitungshäusern? Oder muss ich mir bald schon wieder neue Gewährsleute suchen?

    Anders als bei Zeitungen, deren Autoren und Autorinnen deutlich sichtbar mit ihrem Namen für Aussagen bürgen, habe ich es im Netz oft mit anonymen Algorithmen zu tun. Ihnen vertraue ich nicht. Außerdem besteht im Netz stets die Gefahr der Flüchtigkeit. Ich befördere sie selbst, wenn meine Ansprüche flüchtiger werden. Daher vergewissere ich mich immer wieder neu, blättere gelegentlich durch andere Zeitungen und Zeitschriften, höre mich durch Radiowellen und Podcasts, zappe durch TV-Kanäle, schaue mir Websites, YouTube, Instagram an, lese Kurznachrichtendienste. Wo in dieser Landschaft, in welchem Medium, welcher Kombination von Medien, ist meine Heimat? Wo kann ich verweilen? Ich brauche ein Medium für den Tag, um über die Aktualität und die Geschehnisse vor Ort informiert zu sein. Ein weiteres über den Tag hinaus, das mehr Zeit für aufwendige Recherchen hat. Und vielleicht noch zwei oder drei für ein paar Häppchen zwischendurch.

    Manche in der Medienlandschaft halten die Zeitung in gedruckter Form heute für verzichtbar. Aber die gedruckte Zeitung ist Heimat in anfassbarer Gestalt, das Festland, auf das Menschen flüchten können, wenn sie nicht im aufgewühlten digitalen Meer untergehen wollen. Wer Print wegdigitalisieren will, soll es ruhig tun. Das Wesentliche ist in seiner Abwesenheit am besten zu erkennen. Spätestens dann kann es von Neuem entdeckt werden.

    Zur Person

    Wilhelm Schmid (73), freier Philosoph und spätestens seit seinem Buch „Gelassenheit“ (2014) einer der meistgelesenen deutschen Denker, lebt in Berlin und stammt aus einem Ortsteil von Krumbach. Sein aktuelles Werk heißt „Die Suche nach Zusammenhalt“ und ist bei Suhrkamp erschienen. Am 18. November tritt er eben damit beim Tag der Demokratie am Bayernkolleg Augsburg auf, das er einst selbst besucht hat. Um 11 Uhr im Gespräch mit Norbert Lammert, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages, und um 19.30 Uhr mit Vortrag, Buchvorstellung und Diskussion.

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