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Bayern

20.05.2020

Abitur-Start in Corona-Zeiten: So chaotisch war die Vorbereitung noch nie

Nur noch wenige Tage, dann beginnen in Bayern die Abitur-Prüfungen.
Bild: Armin Weigel, dpa (Symbolbild)

Plus Am 20. Mai hat das Abitur begonnen. Zwei Schülerinnen erzählen von Achterbahnfahrten der Gefühle, beerdigten Träumen und der seltsamen Rückkehr ins Klassenzimmer.

Es ist ein frühlingshafter, sonniger Mittwoch, als Hanna ihre Pläne begräbt. Um ihre Noten fürchtet sie nicht, als Kultusminister Michael Piazolo an jenem 18. März die bayerischen Abiturprüfungen verschiebt. Die 18-Jährige aus Augsburg ist eine gute Schülerin, ihr Abi-Schnitt wird in Ordnung sein, ohne und mit Corona.

Nein, Hanna bangt um den Sommer ihres Lebens. Um die Monate, die alles neu machen. Sie wollte nach den Prüfungen ihren Führerschein schaffen, die Freiheit feiern, bevor der Ernst des Lebens beginnt. Sie wollte nach Frankreich, nach Italien, mit dem ganzen Jahrgang zum Campen, irgendwo am Meer. „Jetzt können wir uns nur leider darauf einstellen, dass keiner dieser Pläne klappen wird.“

Danke, Corona.

Abitur-Start in Corona-Zeiten: So chaotisch war die Vorbereitung noch nie

Wochenlang waren wegen des Virus alle Schulen in Bayern zu, auch für die Zwölftklässler. Und während ihre Lektürelisten voll sind von großen Werken über Selbstentfaltung, die Erlebnisgesellschaft und das Erkunden der Welt, saßen sie eingesperrt zu Hause und fragten sich, ob der Ernst des Lebens nicht irgendwie schon begonnen hat. Auf Standby sein und nicht wissen, wie die Geschichte weitergeht: Was macht das mit einem Schüler? Es verunsichert, es nervt, aber es führt auch zu fast übersinnlichen Erfahrungen – sagen jedenfalls die beiden Abiturientinnen, die unsere Redaktion in den letzten zwei Monaten ihres Schullebens begleitet hat.

Eigentlich sollte der größte Stress jetzt schon vorbei sein. Doch statt am 30. April starten die Abiturprüfungen jetzt am 20. Mai. Auch für Anna Lauber, die das Gymnasium im oberbayerischen Schrobenhausen besucht. Die 19-Jährige – Abifächer Deutsch, Mathe, Musik, Latein, Religion – hat schon in den Faschingsferien mit dem Lernen begonnen. Dass ihre Prüfungen vertagt sind, hat sie über WhatsApp in ihrer Jahrgangsstufen-Gruppe erfahren. Doch weil in Corona-Zeiten selbst Virologen jeden Tag ihre Aussagen relativieren müssen, traut Anna Lauber der neuen Terminsicherheit erst mal nicht. Denn Bayerns Kultusminister – ist es nun psychologisch ungeschickt oder einfach nur ehrlich – schließt an diesem 18. März „weitere Veränderungen im Ablauf der Abiturprüfung 2020“ nicht aus.

Anna fragt sich: Wieso lern‘ ich eigentlich?

Der Lernfrust kommt, auch weil zwischendurch noch die Nachricht von einer kompletten Abi-Absage in Kiel hineinplatzt. Im Nachhinein entpuppt sich das als falsch. Doch Anna Laubers Gedanken kreisen um die Frage: „Ja wieso lern’ ich eigentlich, wenn man noch nicht mal weiß, wann das Abi ist und ob wir es hundertprozentig schreiben?“

Zu diesem Zeitpunkt sind es noch etwas mehr als sechs Wochen bis zum ersten Test in Deutsch. Die Gymnasiasten in Hessen etwa haben ihr Abi da schon längst hinter sich – Corona zum Trotz. Anna Lauber findet die Schulschließungen in Bayern dennoch „nachvollziehbar und leider notwendig“. Sie ist sich sicher: „Sonst würde die Zahl noch um mehrere tausend Corona-Infizierte steigen.“ Die Sicherheit aller ist wichtiger als die Unsicherheit des Einzelnen, so sehen das viele.

Hanna fühlt sich trotzdem irgendwie betrogen. Es ist jetzt der 7. April – und statt sich mit ihren Freunden vom St.-Anna-Gymnasium vorzubereiten, lernt sie einsam daheim. „Eigentlich kennt man es von älteren Jahrgängen, dass im gemeinsamen Abistress die besten Erinnerungen entstehen und man noch mal richtig viel Spaß hat, bevor alle in verschiedene Richtungen gehen.“ Doch für die älteren Jahrgänge war Corona nur ein uncooles Bier und keine ansteckende Krankheit.

Jetzt schwankt ein Fixpunkt, auf den man zwölf Jahre lang hinarbeitet. Denn das Abitur ist heute mehr als ein Zeugnis. Es ist das größte Event eines jungen Lebens.

Endspurt: Anna Lauber konzentriert sich jetzt ganz aufs Lernen.
Bild: Lauber

Die Freude auf den Abiball - alles dahin

Beim Abiball fängt es ja schon an. Noch vor 15, 20 Jahren dachte niemand darüber nach, woanders als in der Aula oder der Schulturnhalle zu feiern. Der Sportlehrer machte die Fotos und danach legte ein DJ auf, dessen Namen keiner mehr parat hat. Heute erinnern Abibälle eher an die „Oscar“-Verleihung. Rebellisch in zerschlissenen Jeans nimmt fast keiner mehr sein Zeugnis entgegen.

Und dann die Abi-Reise: Professionelle Agenturen überbieten sich mit Angeboten, all inclusive nach Mallorca, Lloret de Mar oder Las Vegas. Überall dahin, wo jetzt Dauersperrstunde herrscht.

„Es geht um Inszenierung.“ So erklärte die Augsburger Kulturwissenschaftlerin Margaretha Schweiger-Wilhelm in unserer Zeitung einmal den Kult ums Abitur. Sie arbeitet im Münchner Amerikahaus und hat zu Übergangsriten in verschiedenen Lebensphasen geforscht. Gerade Abibälle würden heute mehr denn je der Selbstvergewisserung dienen. „Sie sollen zeigen: Ich habe etwas geschafft, mir steht die Welt offen.“ Aber heuer ist die Welt dummerweise dicht.

Das setze den Schülern zu, sagt Schweiger-Wilhelm jetzt. Es seien „vor allem die Enttäuschung und die Trauer darüber, seinen Erfolg nicht teilen und nicht feiern zu können. Die Inszenierung und die performativen Elemente, die viele Übergangsrituale ausmachen, müssen ausfallen.“ Damit fühlt sich das Abi diesmal eben auch nicht wie der Aufbruch in ein neues Leben an.

In den USA habe man eine Lösung für das Problem gefunden, sagt die Amerika-Expertin. „Dort wird sich unter anderem der ehemalige Präsident Barack Obama an einer virtuellen, landesweiten Abschlussfeier für alle High Schools beteiligen.“ Graduate together – zusammen Abschluss machen – heißt die Aktion, die live im Fernsehen und im Netz gezeigt wird. Ein Modell für Deutschland, eine Abschlussrede von Kanzlerin Angela Merkel? Sie würde sicher die richtigen Worte finden – so wie sie 2019 in einer Rede für die Absolventen der US-Elite-Universität Harvard treffend formulierte: „Nichts ist gewiss, aber alles ist möglich.“

Hanna und ihre Freunde sind zunehmend genervt

Hanna und ihre Freunde sehen bisher vor allem den ersten Teil des Merkel-Satzes bestätigt. Mitte April, einen Monat vor den Prüfungen, sind sie zunehmend genervt. Noch immer weiß niemand, wann sie wieder in die Schule dürfen. Der Kontakt mit den Lehrern funktioniert übers Internet unterschiedlich gut. Die Deutsch-Lehrkraft beantwortet Mails mit einer ganzen Liste an Fragen innerhalb einer Stunde. Die Antwort eines zweiten Pädagogen lässt selbst nach Tagen noch auf sich warten. Hanna lernt gerade für eine Klausur in Geometrie, von der sie später erfährt, dass sie sie nie schreiben wird. Denn das Kultusministerium wird alle verbleibenden Schulaufgaben streichen.

16. April. Jetzt ist immerhin eines klar: Die Schulen bleiben mindestens drei weitere Wochen zu. Doch die Abschlussklassen dürfen an allen Schularten ab dem 27. des Monats wieder lernen. Endlich Zeit, sich gezielt vorzubereiten? Nein. Im Internet ploppen immer mehr Petitionen auf, in denen Schüler die Absage aller Prüfungen fordern oder die Rückkehr an die Schulen ganz allgemein anprangern. Sie wollten keine „Versuchskaninchen der Regierung sein“, heißt es in einer davon. Die erfolgreichsten Petitionen unterschreiben an die 150000 Leute – auch Schüler aus Augsburg.

Ein paar Tage später, am 22. April, lädt der blauhaarige Youtuber Rezo, Jahrgang 1992, ein neues Video hoch. Er schießt gegen die Entscheidung der Kultusministerkonferenz, dieses Jahr Prüfungen zu schreiben, verweist auf Ansteckungsrisiko, psychischen Druck, Horror-Toiletten und nennt seinen Beitrag „Wie Politiker momentan auf Schüler scheißen“. 1,8 Millionen Menschen sehen sich ihn an.

Rezo gilt seit seinem frisch mit dem Nannen-Preis ausgezeichneten Video „Die Zerstörung der CDU“ als Stimme der jungen Generation. Für die beiden Abiturientinnen Hanna und Anna Lauber spricht er nicht. „Ich bin sehr glücklich, dass wir wieder in die Schule dürfen. Vor allem, weil das heißt, dass ich – wenn auch auf Distanz – endlich meine Freunde wiedersehen darf“, sagt die Augsburgerin. Was es noch bedeutet: Das Abitur findet wie geplant am neuen Termin statt. Noch mal eine Verschiebung hätte sie „schon sehr genervt“, sagt die 18-Jährige.

Anna Lauber und Luis Sigmund besuchen das Gymnasium Schrobenhausen und schreiben in diesem Jahr ihre Abiturprüfungen. Wie Sie die Corona-Krise und die damit verbundenen Unsicherheiten erleben, erzählen sie im Video.
Video: Anna Lauber

Der neue Corona-Alltag an der Schule

Dennoch gleichen ihre Schilderungen von der Rückkehr ins Klassenzimmer der Erkundung eines fremden Planeten. Ihr prägendster Moment: Als sie mit Freunden auf dem Boden der Aula sitzt und plötzlich ein paar kleine Kinder aus der Notfallbetreuung um die Ecke gerannt kommen. „Wir haben uns angeschaut wie Aliens.“

Anna Lauber fühlt sich in den ersten Tagen auch ein bisschen, als sei sie auf einer fremden Umlaufbahn unterwegs: „Ich glaube, das ist die surrealste Schulwoche meines Lebens.“ Ja, sie habe sich über das Wiedersehen mit ihren Freunden und ein Stückchen Alltag gefreut. Aber es ist eben Corona-Alltag.

Vielleicht wird sie einmal ihren Kindern erzählen, wie sich das anfühlte: Unterricht unter Sicherheitsauflagen wie auf einer Isolierstation. „Ich fand es manchmal etwas überfordernd, weil wir nach mehreren Wochen Selbstquarantäne wieder in einen Haufen Menschen geworfen wurden und man teilweise nicht weiß, wie man damit umgehen soll.“ Gut, dass die Lehrer einen Plan haben – und Reinigungstücher, mit denen sie nach jeder Unterrichtseinheit die Tische abwischen müssen.

Einer dieser Lehrer, genauer gesagt der Schulleiter in Schrobenhausen, ist Markus Köhler, ein erfahrener Rektor mit einem Faible für Krawatten, die jedes Gruppenfoto ein bisschen bunter machen. 106 Schüler müssen er und seine Lehrer in diesem verrückten Jahr zum Abitur führen. Eine Woche nach dem Neustart ist Köhler zufrieden. Mehr noch: Er ist sich sicher, dass die diesjährigen Abiturienten besonders gut aufs Abi vorbereitet werden.

Volle Konzentration aufs Abitur - wenn das so einfach wäre

Bitte was? Natürlich kann der Schulleiter seine steile These begründen: In „normalen“ Schuljahren haben Abiturienten bis zu ihren Abschlusstests Unterricht in allen Fächern. Heuer stehen nur noch die Prüfungsinhalte auf dem Stundenplan, um den Unterrichtsausfall im März und April wieder aufzufangen. „Das heißt, es bleibt mehr Zeit für die reine Abiturvorbereitung als sonst.“ Köhler ist zuversichtlich, dass die verpassten Schulstunden so wieder aufgeholt werden können. Die Schüler, sagt er, seien sehr bedacht darauf, alle Regeln einzuhalten und sich nicht anzustecken. „Man merkt, sie wollen jetzt einfach Abitur machen.“

Anna Lauber will sich nicht mehr ablenken lassen. Es ist Anfang Mai geworden, nicht einmal mehr zwei Wochen bis zur ersten Prüfung: Deutsch. Jetzt noch mal zur Übung die Literatur-Epochen zusammenfassen. Die 19-Jährige seufzt. Sie klingt erschöpft und zuversichtlich zugleich. Hanna in Augsburg sitzt über ähnlichen Aufgaben, durch die Deutschprüfung muss jeder. So ganz aufs Lernen konzentrieren kann sie sich immer noch nicht. Weil sich so viele Fragen stellen: Wann geht es mit den Fahrstunden wieder los? Darf man wenigstens in Deutschland ein paar Tage Urlaub machen? Und wann kann sie ihr freiwilliges soziales Jahr im Rettungsdienst anfangen?

Den Abiball verschieben die Gymnasiasten von St. Anna wohl auf September – oder vielleicht gleich ins nächste Jahr. Die Schüler haben einen festen Plan. Über dem Sommer ihres Lebens mögen Wolken hängen. Aber den Abi-Ball lassen sie sich nie und nimmer nehmen. „Sang- und klanglos“ nämlich wollen sie auf keinen Fall abtreten.

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