Dr. Harry S. war ein Vorbild beim Roten Kreuz in Augsburg. Er war seit vielen Jahren mit dabei, rettete als Notarzt viele Leben, engagierte sich als Chefarzt im Kreisverband. „Er war ein Guter“, sagt Michael Gebler, der Geschäftsführer beim Augsburger BRK. Als sich im Herbst vorigen Jahres die Nachricht verbreitet, dass S., 40, wegen des Verdachts des mehrfachen Kindesmissbrauchs verhaftet worden ist, wollen es viele Rotkreuzler zunächst kaum glauben. „So etwas hat man sich bei ihm nicht vorstellen können“, sagt Gebler. „Niemals.“
Der Fall Harry S., im Hauptberuf Kinderarzt, löste beim Roten Kreuz Schockwellen aus. Nach der Verhaftung des Arztes gab es immer wieder neue Nachrichten, die zeigten, wie sehr er offenbar seine Vertrauensstellung als Arzt und BRK-Mitglied ausgenutzt hat. Erst nach und nach deckte die Kriminalpolizei auf, wie viele Kinder er wohl missbraucht hat. 21 Namen von minderjährigen Opfern listen die beiden Anklageschriften auf. Am Montagnachmittag soll in Augsburg vor der Jugendkammer des Landgerichts Augsburg der Prozess gegen Harry S. beginnen.
Seit 1998 soll Harry S. Kinder missbraucht haben
Die Fälle reichen zurück bis ins Jahr 1998. Damals ist er eng mit einer Frau befreundet, die er beim Rettungsdienst kennengelernt hat. Die Frau hat einen Sohn im Grundschulalter, Harry S. wird für ihn zu einer Art Ersatzvater. Mehrfach soll er den Jungen in den Jahren danach missbraucht haben, unter anderem bei einem Urlaub in Florida und bei einem Ausflug in den Freizeitpark Phantasialand in Brühl.
Später, im Jahr 2008, vergreift er sich der Anklage zufolge wieder an einem zehnjährigen Jungen, dessen alleinerziehende Mutter ihn als überzeugten Rot-Kreuz-Mann und Arzt kennenlernt. Der Junge – auch für ihn ist Harry S. wie ein Vater – ahnt jahrelang nichts von dem Missbrauch, weil er offensichtlich betäubt worden ist. Er erfährt es erst, als Kripobeamte nach der Verhaftung von S. auf einem Computer des Arztes entsprechende Fotos finden. In vielen Fällen können die Ermittler den Nachweis führen, weil der Arzt die Kinder fotografierte und die Dateien in einem sogenannten digitalen Tresor speicherte.
BRK-Geschäftsführer Michael Gebler sagt, man habe beim Roten Kreuz mehrfach über den Fall gesprochen, vor allem mit jenen Mitgliedern, die mit Harry S. viel zu tun hatten. „Denen, die lange mit ihm zusammengearbeitet haben, ging es erst mal schlecht“, sagt Gebler. Im Prozess werden auch Kinderausflüge eine Rolle spielen, die Dr. S. in den Jahren 2013 und 2014 organisierte. Er schickte offiziell wirkende Einladungen an Grundschulen, bei denen er sich als „Chefarzt des Roten Kreuzes“ vorstellte und auch das BRK-Logo nutzte. In den Einladungen war die Rede von einer „Bubengruppe“ für sozial benachteiligte und gesundheitlich belastete Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren. Bei drei Ausflügen soll es zu Übergriffen gekommen sein.
Von einem dieser Ausflüge hatte man beim BRK hinterher erfahren – ohne zu ahnen, was sich dabei abgespielt haben soll. S. wurde damals ermahnt, dass er die Freizeiten nicht im Namen des Roten Kreuzes anbieten darf. Verdacht schöpfte aber keiner. Ein Ehrenamtlicher beim BRK sagt: „Harry war beliebt, auch ich hätte ihm sofort meine Kinder anvertraut.“ Erst nach der Verhaftung ergab sich ein anderes Bild.
Prozess gegen Harry S. in Augsburg wird ein Mammutverfahren
Der Prozess gegen Harry S. wird ein Mammutverfahren – allein wegen der vielen Beteiligten. Mehr als ein Dutzend Opfer lässt sich in dem Verfahren von Anwälten vertreten. Am gravierendsten war der Anklage zufolge ein Fall in Garbsen bei Hannover, wo S. zuletzt als Kinderarzt arbeitete. Dort soll er einen Jungen entführt, betäubt, missbraucht, geschlagen und beschimpft haben. Harry S. hat – nach über einem Jahr des Schweigens – die Taten inzwischen weitgehend eingeräumt.
Der Prozess, der bis ins Frühjahr terminiert ist, wird beim Roten Kreuz viele beschäftigen, die Harry S. kennen und ihm vertraut haben, glaubt Michael Gebler. Danach, so hofft er, kann auch beim BRK wieder Ruhe einkehren. „Wir müssen irgendwann damit abschließen.“