Augsburg „Ich habe von Anfang an damit gerechnet, dass er freikommt.“ Vanessas Mutter Romana Gilg umschreibt mit diesen Worten, dass sie sich nie Illusionen darüber gemacht hat, wie schwierig es juristisch sein wird, den Mörder ihrer Tochter Vanessa auch nach Verbüßen seiner Haftstrafe einzusperren. Wenn es eines weiteren Belegs bedurft hätte, liegt er nun vor.
Wie unsere Zeitung exklusiv erfuhr, kommt ein neues psychologisches Gutachten im Gegensatz zu früheren Expertisen zu dem Schluss, dass Michael W. nicht in Sicherungsverwahrung genommen werden sollte. Der bekannte Psychologe und Kriminologe Helmut Kury befürwortet eine Freilassung des 29-Jährigen – wenn auch unter strengen Auflagen der Führungsaufsicht, die bis hin zu einer elektronischen Fußfessel gehen können (siehe Infokasten). Offenbar schätzt er die Rückfallgefahr bei W. geringer ein als einige seiner Kollegen. Dann wären die engen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts für eine Sicherungsverwahrung nicht erfüllt. Voraussetzung wäre ein hoher Grad der Gefährlichkeit und zugleich eine psychische Störung.
Was dieses neue Gutachten so gewichtig macht: Es ist allen bisherigen in einem entscheidenden Punkt voraus. Helmut Kury hat W. persönlich untersucht, er hat in den vergangenen Wochen sechsmal mit ihm gesprochen. Alle anderen Gutachten haben Psychiater und Psychologen aus den umfangreichen Akten erstellen müssen. W. hatte sich in den vergangenen Jahren immer geweigert, mit anderen Gutachtern zu sprechen.
Gericht wird sich intensiv mit den neuen Erkenntnissen befassen
Was bedeutet das für den Fortgang des Prozesses um die nachträgliche Sicherungsverwahrung? Das Kury-Gutachten ist natürlich kein vorweggenommenes Urteil. Doch aus den genannten Gründen können es die Richter der Jugendkammer am Augsburger Landgericht nicht ignorieren. Sie werden sich intensiv damit auseinandersetzen müssen. Und sie werden wohl die bisherigen Gutachter mit den neuen Erkenntnissen konfrontieren müssen.
Am Ende wird es so kommen, wie es kommen musste. Die Gutachter werden entscheidenden Anteil am Urteil des Landgerichts Augsburg haben. Die Frage ist nur: Welchem Gutachter folgen die Richter? Zwei Expertisen der ebenfalls renommierten Sachverständigen Frank Urbaniok und Ralph-Michael Schulte kamen zu dem Ergebnis, dass von W. eine hohe Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht und eine psychische Störung vorliegt.
Auch diese Schlacht der Gutachter hat Vanessas Mutter Romana Gilg vorausgesehen: „Dies ist ein Zeichen, wie schwierig das Thema psychiatrische Gutachten generell ist“, sagt sie. W. habe sich weiterentwickelt in den vergangenen zehn Jahren, ist Gilgs Eindruck aus dem Prozess. „Aber es gibt nach wie vor Rückstände“, ist sie überzeugt. Beunruhigend findet sie, dass W. immer noch denke, sein häufiger Konsum von Horrorfilmen habe nichts mit der Tat zu tun. W. hatte die zwölfjährige Vanessa nach dem Muster eines Horrorfilms im Schlaf erstochen, während das Ehepaar Gilg einen Faschingsball besuchte. Vanessas Mutter sagt: Mir wäre es lieber, wenn er noch ein Jahr bei intensiver Therapie hinter Gittern bliebe.“
Anwalt bleibt dabei: Justiz hat die Therapie abgebrochen
Um die Therapie für W. im Gefängnis ist mittlerweile ein handfester Streit zwischen Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) und W.’s Verteidiger Adam Ahmed ausgebrochen. Der Rechtsanwalt hatte den Justizbehörden vorgeworfen, die Therapie für seinen Mandanten abgebrochen zu haben, um ihn dann in Sicherungsverwahrung nehmen zu können. Merk antwortete, es sei umgekehrt gewesen: Erst werde geprüft, ob eine weitere Unterbringung notwendig ist – und wenn dies der Fall ist, sei eine weitere Sozialtherapie häufig nicht sinnvoll.
Verteidiger Ahmed sagt nun: „Dann soll die Frau Ministerin doch bitte erklären, weshalb ihr Ministerium den Abbruch der Behandlung und damit den Stillstand genehmigt hat.“ Ahmed bleibt bei den Vorwürfen, die Justiz habe mit Genehmigung des Ministeriums W.’s Therapie abgebrochen – und das, obwohl die Behandlung aus Sicht der Therapeutin vor einem Durchbruch stand. Das Vorgehen des Justizministeriums bei der Therapie habe, so Ahmed, offensichtlich unter dem Motto gestanden: „Abbruch statt Durchbruch.“