Ein Leben, das der Mann mit den weißen Haaren und der braunumrandeten Brille ganz allein und ohne Haushaltshilfe in seiner Wohnung am Jettinger Ortsrand verbringt. Seine vier Wände bezeichnet er immer wieder als „Glücksfall“. Seine alten hatte er nach dem Unfall aufgeben müssen, sie waren nicht behindertengerecht.
Schreiber kauft immer noch selbst ein, wäscht, putzt, räumt auf. „Ich bin da eigenwillig.“ Nur auf Kochen hat er nicht mehr so viel Lust, „ich lasse mich lieber bekochen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Und wenn er eine Pause braucht, erholt er sich bei klassischer Musik und Lektüre. Wann immer es geht, fährt er mit seinem Auto mit Automatikschaltung in den Ort, trifft Bekannte, genießt das Leben. „Jeder Tag ist ein Geschenk.“ Wie schnell alles vorbei sein kann, weiß Schreiber nur zu gut. Damals, an jenem 9. März 2006, hätte es ihn fast erwischt.
Auto in Jettingen rast in Menschenmenge
Es ist 10.39 Uhr. Eine hundertköpfige Gruppe ist gerade auf dem Weg von der Kirche zum Jettinger Friedhof. Sie alle wollen einer ehemaligen Zeitungszustellerin das letzte Geleit geben. Ziemlich weit vorne marschiert Ferdinand Schreiber. Er erinnert sich noch, dass neben ihm der Bürgermeister lief.
Dann hat er einen klassischen Filmriss. „Was passiert ist, weiß ich nur vom Hörensagen, aus der Zeitung oder dem Fernsehen“, sagt er. Dass ein schwarzes Auto auf ihn zuschießt, ihn am linken Bein mitreißt und durch die Luft wirbelt, weiß er nicht mehr. Nur, dass es „eine ganz knappe Geschichte“ war. Erst als ein Notarzt seine Hose aufschneidet, kommt Schreiber kurz zu Bewusstsein. Schmerzen spürt er keine. Weil sein Gesicht voller Blut ist, sieht er alles „düster und dunkel“. Er bekommt noch mit, dass er auf einer Trage zum Helikopter gebracht und nach Augsburg geflogen wird. Der erste Flug seines Lebens. Dann wird es schwarz um ihn, er erwacht erst Tage später aus dem Koma. Bei dem Unglück starben vier Menschen, 56 wurden verletzt, 27 von ihnen teils schwer.
Zehnter Jahrestag des Unglücks: Die Wunden heilen vielleicht nie
Ferdinand Schreiber verbringt fast ein Jahr in Kliniken
Jetzt beginnt das wahre Martyrium. Dass Ferdinand Schreiber einen offenen Trümmerbruch am linken Bein und schwere Kopfverletzungen erlitten hat, ist noch das Geringste. Nach fast einem Dutzend Operationen fängt sich Schreiber immer wieder Keime an seinem Bein ein. Er muss isoliert werden, Antibiotika schlucken, hängt insgesamt ein Vierteljahr lang am Infusionsschlauch und verbringt fast ein Jahr in Krankenhäusern und Rehakliniken.
Als sich zum dritten Mal ein Keim in seinem Knochen festsetzt, hat er keine andere Wahl: sein linkes Bein muss oberhalb des Knies amputiert werden. Später folgt noch eine Rückenoperation, wieder nisten sich Keime ein, erst zwölf Monate nach dem Unfall ist er schmerzfrei. Wenn ihn nicht Phantomschmerzen plagten. „Es war der gelebte Albtraum“, sagt Schreiber kopfschüttelnd. Er sei verzweifelt, am Ende seiner Kräfte gewesen, habe mit dem Schlimmsten gerechnet. „Ich muss mich selbst wundern, wie ich es geschafft habe.“
Ja, wie eigentlich? Glück habe er gehabt. Und vor allem einen unbändigen Willen und mentale Stärke. Einen Bruder und den Bürgermeister an der Seite, die ihn immer wieder besucht und aufgerichtet hätten. Und Hilfe „von oben“. Sein Glaube an Gott habe ihm durch die Zeit hindurchgeholfen, Halt gegeben. Er ist sich sicher, dass alles „reine Schicksalsfrage“ ist. „Manche Dinge im Leben müssen einfach passieren, dass man neue Erfahrungen macht.“
Erst vor zwei Jahren hat Ferdinand Schreiber einen Schlaganfall erlitten, musste ein Vierteljahr im Krankenhaus verbringen. Er habe sich zwar ganz gut erholt, aber „meine Energie hat sich verloren“. Aufgeben gilt für ihn trotzdem nicht: „Man muss das Beste daraus machen, sich an kleinen Dingen freuen.“ Über das Unglück und seine Folgen hat er sich nie mehr den Kopf zerbrochen, lieber nach vorn geschaut. Erst jetzt, zehn Jahre danach, blickt er wieder zurück.