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Kriminalität
01.12.2017

Bayern will Videoüberwachung und Gesichtserkennung ausbauen

Seit fast zehn Jahren arbeitet das bayerische Landeskriminalamt erfolgreich mit biometrischer Gesichtserkennung. Darum möchte das Innenministerium die Fahndungsmethode ausbauen.
Foto: Peter Kneffel, dpa (Archivbild)

Das Landeskriminalamt Bayern nutzt seit fast zehn Jahren biometrische Gesichtserkennung, um Tatverdächtige zu ermitteln. Das Innenministerium will die Methode nun weiter ausbauen.

Immer mehr Tatverdächtige werden in Bayern durch biometrische Gesichtserkennung ermittelt - und künftig könnten es noch mehr werden. Das Innenministerium will die Fahndungsmethode weiter ausbauen. Künftig soll auch die Videoüberwachung in Bayern erweitert werden. "Derzeit arbeiten wir daran, Bild- und Videodaten nach Tatverdächtigen automatisiert auszuwerten", sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Freitag in München. Momentan werde dafür eine Software getestet. Zudem stehe man in Kontakt mit Forschungseinrichtungen, Sicherheitsunternehmen und anderen nationalen und internationalen Polizeibehörden.

Die Videoüberwachung soll unter anderem im Personennahverkehr und an öffentlich zugänglichen Gebäuden wie Einkaufszentren und Konzerthallen ausgebaut werden. Mehr Aufnahmen solle es aber nur dort geben, wo sie für mehr Sicherheit der Bürger erforderlich seien, sagte Herrmann. 

Datenschützer warnen vor bedrohlichem Missbrauchspotenzial

Datenschützer kritisierten die Pläne. "Bei einer Videoüberwachung öffentlicher Plätze holt sich der Computer Daten von allen Personen, die sich im überwachten Raum aufhalten", sagte der Landesbeauftragte für den Datenschutz, Thomas Petri. "Das birgt erhebliche Risiken, dass auch unschuldige Personen ins Visier des Computers geraten."

"Menschen verhalten sich anders, wenn sie sich beobachtet fühlen", warnte Kerstin Demuth vom Verein Digitalcourage. "Wenn Videoüberwachung mit Gesichtserkennung uns bald auf Schritt und Tritt verfolgt, verlieren wir einen erheblichen Teil unserer Freiheit - für nichts." Der Datenbankabgleich berge zudem ein bedrohliches Missbrauchspotenzial durch Staaten und Kriminelle. 

Herrmann beschrieb die Pläne als unbedenklich. Denn innerhalb einer vorgeschriebenen Frist von zwei bis drei Wochen würden die Aufnahmen wieder gelöscht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Straftäter gefilmt werden, steige hingegen.

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Das bayerische LKA nutzt Gesichtserkennung seit 2008

Nicht nur Überwachungskameras liefern der Polizei Bildmaterial. Die Ermittler bekommen auch immer mehr Handy-Aufnahmen von Zeugen zugeschickt, wie der leitende Kriminaldirektor vom Landeskriminalamt, Bernhard Egger, erklärte. Auch diese Daten werden teilweise per biometrischer Gesichtserkennung ausgewertet.

Durch biometrische Gesichtserkennungen konnten im Freistaat im vergangenen Jahr 83 Tatverdächtige von der Polizei ermittelt werden. Die Zahl der Ermittlungserfolge ist in den vergangenen Jahren nach Angaben des Innenministeriums kontinuierlich gestiegen. Unter anderem konnten im vergangenen Jahr dadurch vier Täter "im Zusammenhang mit Terrorismusbekämpfung" ermittelt werden, sagte Egger. Offen blieb zunächst, ob den Verdächtigen im Nachhinein auch wirklich immer eine Straftat nachgewiesen werden konnte.

Das Bayerische Landeskriminalamt nutzt seit 2008 ein Gesichtserkennungssystem des Bundeskriminalamts zur Identifizierung von unbekannten Straftätern. Dabei werden Bild- und Videodaten von potenziellen Straftätern per Software mit der Datenbank Inpol abgeglichen, einem länderübergreifenden Informationssystem der Polizei. Das Programm überprüft Gesichtsmerkmale, die sich nicht leicht verändern lassen - etwa den Abstand der Augen oder die Seitenpartien des Mundes.

Biometrische Gesichtserkennung: Man muss mit Fehlern rechnen

Die Bilder werden automatisch erfasst, analysiert und abgeglichen. "In einem ersten Schritt sucht die Software das Gesicht im Bild, das ist der einfache Teil", erklärte Florian Gallwitz von der Technischen Universität Nürnberg den Vorgang.

"Dann kommt der schwierige Teil", so der Medieninformatiker. "Nämlich ein Maß für die Ähnlichkeit von zwei Gesichtern zu finden. Man muss eine Software so programmieren, dass das gleiche Gesicht erkannt wird, egal, ob die Person beispielsweise eine Brille trägt, oder einen Bart, oder eine Mütze. Das macht man heutzutage mit künstlichen neuronalen Netzen mit vielen Millionen Parametern."

"Die technischen Verfahren funktionieren schon verblüffend gut - besser, als der Mensch mehrere Fotos miteinander abgleichen könnte", sagte Gallwitz. "Aber hundertprozentige Trefferquoten hat man nicht, man muss immer mit Fehlern rechnen."

Gesichtserkennung soll wichtige Säule der Identifizierung werden

Die Zahl der Gesichtserkennungs-Abfragen beim Landeskriminalamt steigt laut dem leitenden Kriminaldirektor vom Landeskriminalamt, Bernhard Egger, kontinuierlich. "Wir haben vor sieben, acht Jahren etwa fünfhundert Abfragen pro Jahr gemacht", sagte er. Inzwischen sei man bei 8000 bis 9000 jährlich. Nach Plänen des Landeskriminalamts soll die Gesichtserkennung neben der Identifizierung durch Fingerabdrücke und DNA-Abgleich zur "dritten Säule des Erkennungsdienstes werden." dpa/lby

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