Der 55 Jahre alte Alpinist aus dem Raum Karlsruhe, der wie durch ein Wunder ein Bergdrama an der Höfats in den Oberstdorfer Bergen überlebt hat, ist auf dem Weg der Besserung. Wie berichtet, war der Alleingänger abgestürzt und hatte sich dann schwer verletzt fünf Tage lang nach unten gearbeitet – vermutlich kriechend wegen mehrerer Brüche, Kopf- und Wirbelverletzungen. Schließlich war er von seinem 29 Jahre alten Sohn gefunden worden. Nach wie vor wird der Bergsteiger in Kempten im Klinikum behandelt.
Wie schaffte es der Verletzte, fünf Nächte im Freien zu überleben?
Norman Bücher (33), ein anderer Sohn des Verunglückten aus Waldbronn im Nordschwarzwald, bat gestern um Verständnis dafür, dass sein Vater derzeit noch geschont werden müsse. Entsprechend habe man Interview-Wünsche zunächst abgelehnt. „Wir wissen auch noch nicht, wie er später mit dieser ganzen Situation umgehen möchte“, so Bücher weiter. Auf jeden Fall sei die Familie zuversichtlich: „Vater geht es besser, und wir hoffen, dass er wieder vollständig genesen wird.“ Er habe sich mit seinem Vater schon unterhalten können, sagte Norman Bücher weiter.
Viele Fragen bleiben damit zumindest vorerst unbeantwortet: Was ist genau passiert? Wie hat der Verletzte es geschafft, fünf Nächte im Freien zu überleben? Wann hat er seinen Rucksack verloren? Hat er zumindest hie und da etwas trinken können? Ob die Einzelheiten des Bergdramas überhaupt je bekannt werden, ist fraglich. Denn der gerettete Bergsteiger kann sich an den Ablauf derzeit in keinster Weise erinnern. Er weiß lediglich noch, dass er nach Oberstdorf gefahren war, um die Höfats zu besteigen. Dann verliert sich die Erinnerung – noch bevor es, wahrscheinlich am Freitag, 23. September, zu dem folgenschweren Absturz kam.
Gedächtnislücken
Dass der Mann Gedächtnislücken hat, ist für Professor Josef Kessler von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) nicht weiter verwunderlich. Ein zeitweiliger Gedächtnisverlust könne beispielsweise Folge einer Schädel-Hirn-Verletzung sein. Aber es gebe Gedächtnisdefizite auch ohne organische Ursachen. Fachleute sprechen von psychogenen Amnesien. Sie entstehen zum Beispiel bei schrecklichen Unfällen oder anderen traumatischen Erlebnissen. Man könne dann von einem „abgespaltenen“ Bewusstsein sprechen, so Professor Kessler. Es könne sein, dass nicht mehr Erinnerbares nach einer gewissen Zeit wieder ins Bewusstsein kommt – manchmal sogar erst nach Jahren.
Es gebe Spekulationen, dass der schwer verletzte Bergsteiger auf dem Weg ins Tal ein zweites Mal abgestürzt ist, meint Luggi Lacher von der Oberstdorfer Bergwacht. Aber, wie gesagt – das ist nur eine Spekulation. Fest aber steht: „Der Mann muss einen unbändigen Lebenswillen gehabt haben“, sagt Professor Kessler von der Uni Köln.