Gefühlt jeder bayerische Bildungspolitiker war in den vergangenen 15 Jahren einmal in Finnland. Jetzt kommen die Finnen zu uns. Denn seit das Land im Jahr 2000 Spitzenreiter in der Pisa-Studie war, hat dessen glänzendes Bildungssystem ein paar Schrammen bekommen. Der Erfolg sei nur die späte Folge des autoritären Unterrichts gewesen, der erst in den Neunzigern vom Konzept des gemeinsamen Lernens abgelöst wurde, hieß es zuletzt. Sozialpsychologin Iiris Björnberg aber schaut nicht auf die Noten finnischer Schüler. Viel wichtiger seien ihre Probleme im Umgang mit Mitschülern und anderen Menschen, sagt die Wissenschaftlerin aus Helsinki. Um die aus der Welt zu schaffen, will die 58-Jährige ein Programm aus Augsburg in ihre Heimat importieren: Papilio. Der gleichnamige Augsburger Verein, geleitet von der Erzieherin und Diplom-Sozialpädagogin Heidrun Mayer und wissenschaftlich begleitet von der Freien Universität Berlin, steht für ein Erziehungskonzept, das Kindern schon im frühen Alter spielerisch soziale Regeln und den richtigen Umgang mit anderen vermittelt. Genau in diesen Punkten hätten finnische Kinder Nachholbedarf, sagt Björnberg. Sie ist mit drei Kolleginnen nach Augsburg gekommen, die sich zu Papilio-Trainerinnen ausbilden lassen. Denn verglichen mit Gleichaltrigen in anderen europäischen Ländern "sprechen finnische Kinder unter drei Jahren sehr wenig". Rund jeder zehnte Jugendliche habe kaum soziale Kontakte. Und eine Studie der Welt-Gesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 2013 belegt, dass fast die Hälfte der finnischen Schüler damals unter Leistungsdruck litt. "Die Kinder sind zwar immer noch gut in der Schule, aber sie gehen nicht gerne hin." Björnberg, die sich auf Ursachenforschung bei Amokläufen und deren Prävention spezialisiert hat, beschreibt ihre Landsleute so: "Die Finnen sprechen nicht gern über Gefühle." Das Papilio-Programm aber helfe schon den Kleinsten, in sich hineinzuhören und Emotionen auszudrücken. "Wenn die Kinder so etwas schon mit drei Jahren lernen, ist es für sie später ganz normal, über Gefühle zu reden und anderen dabei zu helfen." In Deutschland arbeiten inzwischen 6000 Erzieherinnen in zwölf Bundesländern mit dem Konzept des Augsburger Vereins. Seit dem Sommer sammeln 16 finnische Erzieherinnen erste Erfahrungen mit Papilio in dortigen Kindergärten. Zwei Universitäten wollen all das wissenschaftlich begleiten. Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte Papilios wurden die Inhalte dafür auf Englisch vermittelt. Jetzt kennt auch die Gruppe um Iiris Björnberg selbst die Hauptpersonen im Papilio-Programm: vier Kobolde namens Zornibold, Heulibold, Bibberbold und Freudibold. Die Figuren stehen für die Gefühle Ärger, Traurigkeit, Angst und Freude und wurden zusammen mit Künstlern der Augsburger Puppenkiste ersonnen. Im Bühnenstück "Paula und die Kistenkobolde" sind Marionettenspieler der Puppenkiste und das Papilio-Team regelmäßig auf Tour, zuletzt spielten sie 2014 auf 40 deutschen Bühnen. In Finnland, sagt Björnberg, kennen die meisten Kinder im Papilio-Programm die Marionetten der Puppenkiste bislang nur von Fotos. Das könnte sich bald ändern.
"Papilio"