Der Augsburger Laborarzt Bernd Schottdorf hat zum Auftakt seines Betrugsprozesses jegliche Schuld von sich gewiesen. Nachdem die Anklage verlesen ist, ergreift der 75-jährige Mediziner das Wort: „Hohes Gericht, die Vorwürfe sind nicht richtig. Ich habe keinen Abrechnungsbetrug begangen. Es gab keine Tat, es gab keinen Schaden, es gab kein Motiv“, sagt Schottdorf. Zuvor hat Staatsanwältin Simone Bader ihm und seiner Frau Gabriele 124 Fälle des Betrugs zur Last gelegt. Gabriele Schottdorf ist Geschäftsführerin des Großlabors mit gut 1000 Mitarbeitern allein in Augsburg. Ihr Mann hat im Jahr 2010 alle Chefposten aufgegeben.
Schottdorf wirkt angespannt, aber nicht ängstlich
Um 8.45 Uhr betritt das Ehepaar das Augsburger Strafjustizzentrum durch den Vordereingang. Einen Versuch, unerkannt in das Justizgebäude zu kommen, haben die Schottdorfs nicht unternommen. Gabriele Schottdorf, 60, geht mit ihren beiden Verteidigern voran. Beide werden an der Sicherheitsschleuse durchsucht. Bernd Schottdorf ist komplett in Schwarz gekleidet: schwarzer Anzug, schwarzes Hemd. Seine schlohweißen Haare bilden einen harten Kontrast zur Kleidung. Sein Gesicht ist wie zu einer Maske erstarrt. Er geht direkt hinein in das Blitzlichtgewitter und bleibt erst 40 Zentimeter vor den Kameras stehen. Der umstrittene Laborarzt wirkt angespannt, aber nicht ängstlich.
Er ist von seinem Schloss Duttenstein zwischen Heidenheim und Donauwörth gekommen, um sich zu verteidigen. Das herrschaftliche Anwesen wird Schottdorf für einige Zeit gegen die schlichte Funktionalität eines bayerischen Gerichtssaals tauschen müssen. Die 9. Strafkammer des Landgerichts Augsburg hat für den Prozess zunächst 23 Tage angesetzt.
Bernd Schottdorf und seine Frau Gabriele sollen Aufträge an Ärzte in ganz Deutschland verteilt haben. Eigentlich dürfen Laborärzte ab einem gewissen Auftragsvolumen nicht mehr den vollen Honorarsatz abrechnen. Sie müssten also Krankenkassen Rabatte einräumen. Um dies zu vermeiden, so die Anklage, sollen die Schottdorfs Analysen über andere Ärzte abgerechnet haben. Der Schaden wird von der Staatsanwaltschaft mit über 78 Millionen Euro angegeben. Schottdorfs Labor soll dabei rund zwölf Millionen Euro zu viel kassiert haben.
Bereits der dritte große Betrugsprozess
Doch der Mediziner gibt sich überzeugt, dass er auch dieses Mal die Vorwürfe ausräumen kann. Es ist bereits der dritte große Betrugsprozess, der in Augsburg gegen ihn geführt wird. Der erste wurde gegen eine Geldauflage eingestellt. Im zweiten wurde er freigesprochen. Und immer hat er selbst ausführlich erklärt, wie er die Dinge sieht. Bisher mit Erfolg. Also versucht es Schottdorf auch am Montag. Um 10.06 Uhr beginnt er seine Verteidigungsrede. Er greift weit zurück in seine berufliche Laufbahn, berichtet, wie er im Jahr 1960 per Anhalter auf dem Heimweg aus Marokko war und bei einem französischen Chirurgen ins Auto stieg. Der Mann habe zu ihm gesagt: „Die Zukunft der Medizin ist die Biochemie.“ Schottdorf hatte damals zwei Semester Medizinstudium hinter sich. Er packte zum Medizinstudium ein Biochemie-Studium drauf und promovierte auch in diesem Fach. Zu dieser Zeit arbeitete er bereits bei seinem Vater im Labor.
Aber Schottdorfs Herzensangelegenheit ist es zu erzählen, wie er Anfang der 70er Jahre begann, die medizinische Laborarbeit zu automatisieren und zu industrialisieren. Nach seinen Angaben war er der erste, der 1973 Computer im Labor einführte. Ein Russe, der ein herausragender Mathematiker gewesen sein soll, stand ihm dabei zur Seite. Der Erfolg der computergestützten Laboranalyse stellte sich rasch ein. Schottdorf war schneller als die Konkurrenz und konnte wesentlich größere Mengen an Proben bearbeiten. Der Arzt berichtet, wie Mitbewerber und einige Ärztefunktionäre sich gegen ihn stellten und nach seinen Worten versuchten, sein erfolgreiches Konzept zu torpedieren. Besonderen Wert legt Schottdorf auf die Feststellung, dass das deutsche Gesundheitssystem durch seine Innovationen Milliarden eingespart habe. So sollen es jedenfalls auch die Unternehmensberater von McKinsey in den 90er Jahren festgehalten haben.
Gabriele Schottdorf will am Mittwoch eine Erklärung abgeben. Das Gericht beginnt noch vor dem Mittag mit einer ausführlichen Befragung des Laborarztes.