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Autorennen: Die A95, Bayerns legale Rennstrecke: Nachts kommen die Raser

Autorennen

Die A95, Bayerns legale Rennstrecke: Nachts kommen die Raser

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    67 Kilometer und kein Tempolimit: die A95, hier nahe der Raststätte Höhenrain.
    67 Kilometer und kein Tempolimit: die A95, hier nahe der Raststätte Höhenrain. Foto: Felix Hörhager, dpa

    Träumst du davon, einmal im Leben die magischen 300 km/h zu erreichen? Genieß die deutsche Autobahn! Absolut keine Tempolimits. Ein Sportwagen, der dir das Hirn wegbläst. Jetzt buchen, 699 Euro im Porsche 911, 14.999 im Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse.

    Dieser Supersportwagen beschleunigt von Null auf 100 in 2,5 Sekunden – und ungefähr genauso lange muss man suchen, um Angebote für PS-Verrückte im Internet zu finden. Das hier stammt von einer Autovermietung aus Sachsen-Anhalt. Menschen aus aller Welt buchen solche Touren – und Angelika Schmid reißt es fast jedes Mal aus dem Schlaf, wenn nachts die Hobby-Formel-1-Fahrer mit röhrendem Motor Richtung Alpen donnern.

    Idyllisch könnte es hier sein – wenn nicht der Lärm wäre

    „Wenn die Raser kommen, stehst du im Bett“, sagt die 42-Jährige. Sie lebt in Haidach im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, nur ein paar Kilometer entfernt vom Starnberger See. Angelika Schmid ist viel draußen, man sieht es an ihrer gesunden Gesichtsfarbe. Idyllisch könnte es hier sein, mit dem kleinen Weiher am Ortseingang, auf den durch die Äste alter Bäume die Sonne fällt. Vögel hört man keine – sondern ein Rauschen, das Angelika Schmids Stimme um viele Dezibel überlegen ist. Es klingt wie das ständige Störgeräusch auf der Suche nach einem Radiosender, wie ein starker, andauernder Wind. Wenn ein Lastwagen oder ein Sportwagen vorbeidonnern, wird es lauter. Swusch.

    Hinter dem anderen Ufer des Weihers schneidet sich die A95 durch die Heimat der zweifachen Mutter. Bayerns legale Raserstrecke. Schauplatz einiger der heftigsten Autobahn-Unfälle der vergangenen Jahre. Auf rund 60 Kilometern zwischen München und Garmisch-Partenkirchen bremst kein Tempolimit. Der Kick, das Spiel mit der Gefahr, lockt die Geschwindigkeitssüchtigen hierher. Speed ohne Limits, damit werben die Autovermietungen. „Es sind immer dieselben Fabrikate“, sagt Schmid, die mit ihrer Familie in einem 300 Jahre alten Bauernhaus gleich hinter der Autobahn lebt. Lamborghini, Porsche, die mit den verheißungsvollen, teuren Namen.

    Deutsche Autobahnen sind ein Paradies für die Besitzer schneller Sportwagen.
    Deutsche Autobahnen sind ein Paradies für die Besitzer schneller Sportwagen. Foto: Frank Rumpenhorst, dpa

    Bayern-Stürmer Kingsley Coman fuhr hier 2018 seinen 720-PS-McLaren zu Schrott: Er hatte direkt nach der Aufhebung einer Geschwindigkeitsbegrenzung am Stadtrand von München das Gaspedal durchgedrückt. Die Fahrbahn war nass, Coman hing in der Leitplanke. Der Fußballstar blieb unverletzt – anders als das Opfer eines Raser-Unfalls, bei dem die Staatsanwaltschaft München I jüngst Anklage erhoben hat. Auf Höhe Oberdill starb der 23-jährige Beifahrer eines Mannes, der einen geliehenen Sportwagen auf mehr als 300 Stundenkilometer beschleunigt hatte.

    Ein illegales Autorennen kann man auch gegen sich selbst fahren

    Der Wagen brach aus, wurde von der Leitplanke in Stücke gerissen. Dem heute 25-jährigen Fahrer wird „ein verbotenes Kraftfahrzeugrennen mit fahrlässiger Tötung“ vorgeworfen. Dafür braucht es keinen Gegner. Ein Rennen kann man juristisch auch gegen sich selbst fahren. Das ist laut Gericht der Fall, wenn der Fahrer oder die Fahrerin grob verkehrswidrig und rücksichtslos versucht, die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Das Video eines tschechischen Millionärs, der Ende 2021 mit 417 Stundenkilometern über eine deutsche Autobahn geheizt war und im Internet mit der Aufnahme der zitternden Tachonadel geprahlt hatte, zeigt es einmal mehr: Deutschland hat ein Raserproblem.

    Die Verkehrspolizei Weilheim, die für die A95 zuständig ist, hat im vergangenen Jahr genau 179 Unfälle mit nicht angepasster Geschwindigkeit auf der gut 67 Kilometer langen Autobahn registriert – im Schnitt also alle zwei Tage einen. Die Unfallbilanz 2021: zwei Tote, zwölf Schwerverletzte, 48 Leichtverletzte. Sachschaden insgesamt: mehr als drei Millionen Euro.

    Schon ihr Vater kämpfte gegen den Lärm auf der A95

    Wenn ein Stau die Alpenausflügler zum Anhalten zwingt, wird es in Haidach ganz ruhig. „Die Stille fällt auf“, sagt Birgit Trischberger, deren Familie schon hier lebte, lange bevor die A95 Wald und Waldrand vor ihrer Haustür voneinander trennte. Und manchmal ist sie im Nachhinein auch gruselig und deprimierend, diese Stille. Dann nämlich, wenn sie in den Tagen danach in der Zeitung lesen, dass ein Unfall der Grund dafür war.

    Wenn Birgit Trischberger (links) und Angelika Schmid auf den kleinen Weiher vor ihren Häusern blicken, hören sie statt Wasservögeln die Autobahn.
    Wenn Birgit Trischberger (links) und Angelika Schmid auf den kleinen Weiher vor ihren Häusern blicken, hören sie statt Wasservögeln die Autobahn. Foto: Sarah Ritschel

    In den 1960er Jahren begann der Bau der A95. Schon Trischbergers Vater kämpfte vor 30 Jahren gegen den Lärm. Die Haidacher stehen nicht nur auf wegen der Raser, auch wegen der Lastwagen, die immer mehr werden, wegen des ständigen Geräuschpegels, der – davon ist die Mittfünfzigerin überzeugt – auf die Psyche schlägt. Hinter ihr verschwimmen die Autos zu einem grau-weiß-schwarzen Strom.

    Jetzt soll die Autobahn saniert werden, die Haidacher wittern die Chance auf eine Lärmschutzwand. Keine Raser, keine Lastwagen, einfach nur Stille beim Kaffee auf der Terrasse, beim Werkeln in Garten mit Blick auf den idyllischen See. Zeitzeugen, die die hügelige Gegend noch ohne Dauerbeschallung kennen? Trischberger überlegt. „Da gibt es nur noch zwei.“

    Ihr Dorf hat bloß ungefähr 20 Häuser, insgesamt ungefähr 60 Bewohnerinnen und Bewohner. In der Interessensgemeinschaft für den Lärmschutz sind doppelt so viele. Das Mitgefühl aus den anderen Ortsteilen ist riesig. Birgit Trischberger, die an diesem Tag im Homeoffice arbeitet, quasi jeden Raser und jeden LKW einzeln hört, sieht ihre große Chance auf Ruhe gekommen. Unzählige Briefe hat sie geschrieben, an die Gemeinde, an den Freistaat, ein Transparent pro Lärmschutz für die Ortseinfahrt haben sie organisiert: „Wir müssen auf den Umbau aufspringen. Wenn wir jetzt keinen Lärmschutz bekommen, wann dann?“

    Angebot: Drei Tage durch die Alpen brettern

    Mit atemberaubender Kulisse entlang der Raserstrecke werben die Reisebüros, die mit dem Geschwindigkeitsrausch Geld machen. Sie sitzen überall – im Nahen Osten, in Skandinavien, in Großbritannien. Eine Luxuswagenvermietung aus England hat ganz aktuell die „Exotic Car Tour German Alps“ im Portfolio: stilvolle Homepage, Bilder von blitzenden Roadstern in den leuchtendsten Farben, unterwegs vor einem sonnigen Bergpanorama. Das Angebot: ein bis drei Tage auf Autobahnen und Serpentinen durch die bayerischen Berge brettern. Dazwischen zwei Nächte im Luxusresort mit Alpenküche und Spa-Bereich. PS-Monster nach Wahl inklusive.

    Die Schlagzeilen ähneln sich dann: ein Junggesellenabschied aus Israel, die Teilnehmer brettern in acht Sportwagen über die A95. Dass sie beim Überholen andere in Gefahr bringen – egal. Fünf Briten in Lamborghinis und Aston Martins, am Ortsausgang von Garmisch-Partenkirchen fangen sie plötzlich ein Rennen an, rasen über rote Ampeln, die Kennzeichen abmontiert. Erst auf der A95 bei Schäftlarn kann die Polizei sie stoppen. Solche Raser-Trips „gehören verboten“, findet Birgit Trischberger. Nur: Rechtlich sind sie genauso erlaubt wie die gebuchte E-Bike-Tour an der Donau oder die Busreise an die Adria.

    Hans Urban, Landtagsabgeordneter der Grünen.
    Hans Urban, Landtagsabgeordneter der Grünen. Foto: Stefan M. Prager

    Hans Urban kennt all diese Probleme. Er ist einer der prominentesten Kämpfer für die Menschen entlang der A95 und Landtagsabgeordneter der Grünen. Urban stammt selbst aus Eurasburg, zu dem Haidach gehört, ist dort auch im Gemeinderat. Und er kämpft seit Jahren für zwei Ziele, die sich gegenseitig beeinflussen: für ein Tempolimit auf Autobahnen und dafür, dass die Anwohnerinnen und Anwohner vor dem Lärm geschützt werden. „Wenn wir wollen, dass die Raser-Unfälle weniger werden, dann brauchen wir endlich ein Tempolimit“, forderte der Politiker und Öko-Bauer in den vergangenen Jahren wieder und wieder.

    Als Urban geboren wurde, gab es Bayerns Raser-Autobahn schon zwölf Jahre. Er erinnert sich noch, wie er als Kind den Haidacher Berg Richtung Unterführung mit dem Bobbycar hinunterrollte. „Wir haben die Autos mit Beton ausgegossen, damit sie schneller werden“, erzählt er lachend. „In den vergangenen 50 Jahren hat sich das Verkehrsaufkommen, die Zahl der Fahrzeuge und deren Höchstgeschwindigkeit dramatisch erhöht. Warum sollte dann der Immisions- und Gesundheitsschutz nicht mitwachsen?“, fragt Urban. Er rechnet mit einer weiteren Verschärfung des Lärmproblems – und des Sicherheitsproblems. „Darum sollte jetzt, im Zuge der Sanierung, mindestens ein Tempolimit eingeführt werden.“

    Die A95 ist statistisch kein Unfallschwerpunkt

    Das Problem speziell auf der A95: Es gibt kein Problem. Zumindest nicht statistisch. „Die A95 ist kein Unfallschwerpunkt“, bestätigt man bei der Verkehrspolizei Weilheim – obwohl hier im Schnitt jeden zweiten Tag ein Einsatz ist. Wenn sie ein Unfall-Hotspot wäre, dann könnte man juristisch auch eine Geschwindigkeitsbeschränkung einführen. Doch ohne konkreten Anlass geht das in Deutschland nicht.

    Michael Siefener vom bayerischen Innenministerium verweist darauf, dass trotzdem kontinuierlich daran gearbeitet wird, die Zahl der Raser-Unfälle in Bayern zu verringern. „Wir haben die Radarkontrollen in den vergangenen Jahren verstärkt“, sagt Siefener. An Raser-Schwerpunkten wie der A95 sei die Polizei vermehrt mit Zivilfahrzeugen unterwegs. Wo kein Tempolimit ist, kann man zwar nicht blitzen, die Polizei kann aber gezielt auf die Jagd nach Dränglern gehen.

    Trügerische Idylle: Bei tief stehender Sonne müssen alle Verkehrsteilnehmer noch besser aufpassen.
    Trügerische Idylle: Bei tief stehender Sonne müssen alle Verkehrsteilnehmer noch besser aufpassen. Foto: Marc Müller, dpa

    Außerdem verweist Siefener auf die sogenannten Unfallkommissionen. Mehr als 100 dieser Gruppen gibt es für das Straßennetz in Bayern. Sie setzen sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Polizeidienststellen, der Straßenverkehrsbehörden und der Staatlichen Bauämter zusammen. Die Kommissionen versuchen, die Ursachen für Unfälle zu finden. Wenn sie zu dem Ergebnis kommen, dass die Leute auf einem Streckenabschnitt dauerhaft zu schnell unterwegs sind, ist ein Tempolimit denkbar. Am besten funktioniere das mithilfe von Schilderbrücken. „Unserer Erfahrung nach halten sich die Autofahrer daran besser als an ein Blechschild.“

    Warum, das ist nicht offiziell belegbar. Vermutlich, weil eine solche digitale Anzeige den Grund eines Tempolimits erklären und man es nur temporär anordnen kann. Ein Beispiel dafür sind Teil-Abschnitte der A8, wo am frühen Abend wegen tief stehender Sonne eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern gilt.

    Die Anwohner vor Lärm zu schützen, könnte auch so ein Grund für ein Tempolimit sein – wie zum Beispiel ebenfalls auf der A8 auf Höhe Neubiberg, wo seit März 2021 zwischen 6 und 22 Uhr Tempo 120 vorgeschrieben ist. Auf der A95 greift das nicht. „Die Anzahl der Fahrzeuge ergibt nicht die gesetzlich notwendige Lärmmenge“, sagt Grünen-Politiker Hans Urban. Heißt: Die A95 wird nicht von genügend Autos und Lastwagen befahren. Die Raser freut’s. Sie haben freie Bahn. Und die Haidacher mit ihren Interessen? Ausgebremst.

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