Frau Krohnen, seit 1984 sind Sie für die CSU Bürgermeisterin in Geiselbach in Unterfranken und damit Bayerns dienstälteste Rathauschefin. Macht Sie dieser Rekord stolz?
MARIANNE KROHNEN: Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Ich mache meine Arbeit mit Herzblut und freue mich, wenn ich für die Menschen in meinem Ort jeden Tag etwas Gutes tun kann. Das ist für mich ein Erfolgserlebnis.
Dabei war es vor mehr als 40 Jahren gar nicht Ihr Ziel, Bürgermeisterin zu werden …
KROHNEN: Auf keinen Fall, ich hatte zu dieser Zeit drei kleine Kinder, ich war ja zu Hause gefordert. Aber vor der Wahl 1984 hat die CSU keinen Kandidaten gefunden. Dann kam man in einer Sitzung auf die Idee, dass ich ja für das Amt kandidieren könnte. Als Verwaltungsangestellte kannte ich mich mit den Abläufen im Rathaus aus. Mein Mann, der damals in der Sitzung war, hat mir das vorgeschlagen. Ich war überrascht, dass man mir das in dieser Männergesellschaft zugetraut hat. Am nächsten Tag war ich die Bürgermeisterkandidatin.
Mit 32 Jahren wurden Sie zur Bürgermeisterin gewählt. Wie haben Sie den Spagat zwischen Rathaus und Familie gemeistert?
KROHNEN: Damals gab es keine Kinderkrippe und keine Ganztagsbetreuung, wie wir sie heute kennen. Ich hatte das Glück, dass ich auf die Großfamilie zählen konnte – auf meine Eltern und natürlich auch auf meinen Mann. Sie haben in all den Jahren sehr viel aufgefangen, sehr viele Aufgaben übernommen. Und wenn ich freihatte, habe ich mich voll um meine Familie gekümmert. In unserer Familie war das ein großes Geben und Nehmen, aber letztlich ein großer Vorteil.
Nach wie vor sind die Zahlen ernüchternd: Weniger als zehn Prozent der Bürgermeister in Bayern sind Frauen, die Quote ist deutlich niedriger als in anderen Bundesländern. Warum gehen so wenig Frauen in die Kommunalpolitik?
KROHNEN: Das ist eine Frage, die auch ich mir stelle. Auch in Geiselbach habe ich mich schwergetan, Frauen für den Gemeinderat zu motivieren. Von 14 Listenplätzen sind nur drei mit Frauen besetzt, eine davon bin ich. Manches liegt auch in der Natur der Sache: Trotz aller Betreuungsmöglichkeiten müssen sich Frauen immer noch überlegen, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Das erschwert ehrenamtliches oder politisches Engagement. Und Frauen setzen nach wie vor andere Prioritäten.
Das überparteiliche Bündnis „Bavaria ruft!“ will mehr Frauen in kommunalpolitische Verantwortung bringen – erst recht am Weltfrauentag. Schirmherrin Ilse Aigner betont, es brauche weibliche Vorbilder, um zu zeigen, „dass es kein Hexenwerk ist“…
KROHNEN: Ein Hexenwerk ist Kommunalpolitik zwar nicht. Aber man muss sich natürlich an den Ansprüchen der Bürgerinnen und Bürger messen lassen. Und man hat auch einen Gestaltungsauftrag. Es ist wichtig, die Belange der Menschen ernst zu nehmen. Ich selbst bin in allen Vereinen aktiv und bei fast jeder Veranstaltung dabei. Ich will wissen, welche Themen die Menschen vor Ort bewegen.
Ist das ein Faktor, der das Bürgermeisteramt gerade für Frauen so unattraktiv macht? Weil man viel Zeit am Abend und am Wochenende investieren muss?
KROHNEN: Es ist ein unermesslicher Vorteil, bei den Menschen im Ort präsent zu sein. Da erfährt man, was ihnen unter den Nägeln brennt. Man darf den zeitlichen Aufwand insgesamt nicht unterschätzen. Als Bürgermeisterin kann man nicht auf die Uhr schauen, gerade wenn es um Projekte geht, wenn man Gespräche führt oder Außentermine hat. Da braucht man auch eine Partnerschaft, die das versteht und mitträgt. Und zu meinem Glück habe ich die.
Braucht es aus Ihrer Sicht Quoten in der Kommunalpolitik, damit mehr Frauen in die Gemeinderäte und Rathäuser einziehen?
KROHNEN: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Quote da hilfreich sein kann. Wenn man eine Kommune führen will, ist Talent gefragt, Bürgernähe und der Wille, jeder und jedem gerecht zu werden. Auf diesem Posten muss man die Menschen mögen, man muss für sie da sein. Und man muss für ein Bürgermeisteramt auch geboren sein. Das ist eine Lebensaufgabe. Die lässt sich nicht über eine Frauenquote regeln.
Was machen Frauen an der Spitze einer Kommune Ihrer Meinung nach anders?
KROHNEN: Frauen denken gesamtheitlicher und über Generationen hinweg – von der Wiege bis zur Bahre. Das liegt schon daran, dass sich Frauen von jeher um die Familie kümmern, um die Kinder genauso wie um die Pflege der älteren Menschen.
Mit 74 treten Sie nun für eine achte Amtszeit an, Sie haben zwei Herausforderer. Was haben Sie noch vor?
KROHNEN: Ich habe noch einige Projekte, die ich zum Abschluss bringen will. Die Sanierung der Turnhalle, die Ertüchtigung der beiden Kläranlagen in Geiselbach und Omersbach und der Neubau eines Feuerwehrgerätehauses. Außerdem setzen wir gerade ein Seniorenprojekt um - eine Tagespflegestätte. Aber es wird definitiv meine letzte Legislaturperiode sein – nicht, weil ich keine Ideen mehr hätte, ich will irgendwann auch etwas anderes machen, mich etwa in der Seniorenpflege engagieren. Ich stelle in den nächsten Jahren gern die Weichen, aber dann müssen die Jüngeren ran.
Würden Sie Ihr Amt in sechs Jahren gern in die Hände einer Nachfolgerin geben?
KROHNEN: Persönlich wäre mir das sehr recht, wenn wieder eine Frau im Geiselbacher Rathaus sitzt. Ich strebe allerdings einen Generationswechsel an, den ich auch unterstützen werde. Letztlich muss es aber ein Kandidat oder eine Kandidatin sein, der oder die die alten Werte pflegt, zugleich modern aufgestellt ist, vor allen Dingen aber 24 Stunden leistungsbereit. Dazu gehört auch das Verständnis, dass der Mensch, der mir mit seinem Anliegen gegenübertritt, das Wichtigste ist. Die Bürgernähe ist das allerhöchste Gut in einer Gemeinde.
Zur Person
Marianne Krohnen ist seit 1984 Bürgermeisterin in Geiselbach im Kreis Aschaffenburg. Die CSU-Frau ist damit die dienstälteste Bürgermeisterin in Bayern. Die 74-Jährige hat drei Kinder, fünf Enkel und einen Urenkel.
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