Sie haben zwölf Jahre lang leidenschaftlich als Grundschullehrerin gearbeitet und einen Instagramkanal, dem mehr als 35.000 Menschen folgen. Mit denen teilen Sie ihr Unterrichtsmaterial und Ihre Gedanken zum Thema Schule. Wie haben Ihre Followerinnen und Follower reagiert, als Sie Ihre Kündigung öffentlich machten?
JANA S.: Das war schon irre. Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viele Kommentare auf einen Post bekommen. Zu ungefähr 98 Prozent war das komplette Zustimmung. Ich bekam ganz viele Nachrichten, in denen es hieß: „Oh mein Gott, du bist so mutig. Ich bewundere diesen Schritt. Ich würde es auch so gern tun.“ Und es gab viele Nachfragen, wie das geht mit dem Ausstieg, was man alles regeln und beachten muss.
Interessant, dass so viele Ihre Entscheidung „mutig“ fanden. Was schließen Sie daraus?
JANA S.: Ja, das hat mich auch überrascht. Eine Followerin hat mir dann geschrieben: „Ist das wirklich mutig? Ist es nicht normal, dass man für sich und seine Gesundheit einsteht?“ Und es stimmt ja auch, in jedem anderen Job ist es normal, dass man mal die Arbeitsstelle wechselt. Da kräht kein Hahn nach. Nur bei Lehrkräften heißt es: „Oh mein Gott, sie kündigt.“ Das ist irgendwie einfach nicht vorgesehen.
Trauen sich Lehrkräfte nicht, zu kündigen?
JANA S.: Ja, da bin ich mir sicher. Gerade als Beamte ist ein Ausstieg mit finanziellen Einbußen verbunden. Es gibt eine Online-Plattform, Eduki, für die werde ich in Zukunft auf selbstständiger Basis Unterrichtsinhalte erstellen. Wenn ich diese Arbeit nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich auch nicht so mutig gewesen. Und mir hat der Gedanke Sicherheit gegeben, dass ich angesichts des Lehrkräftemangels, den wir gerade haben, höchstwahrscheinlich irgendwann wieder als Lehrerin anfangen könnte – was ich absolut nicht ausschließe. Vielleicht nicht unbedingt als Beamtin, aber Privatschulen werden ja auch immer beliebter.
Sie haben auf Instagram geschrieben, dass es sich aber auch so anfühlt, als würden sie Ihre Kolleginnen und Kollegen im Stich lassen.
JANA S.: Genau. Aber ich glaube, dass Lehrkräfte sich vor allem selber diesen Druck machen und sich einreden: „Ich lasse meine Kinder im Stich, ich lasse meine Kollegen im Stich.“ Aber eigentlich ist es doch so, dass man als Lehrkraft vom System im Stich gelassen wird und nicht andersrum. Ich stelle mir momentan so oft die Frage, warum das System nicht schon längst kollabiert ist. Ich denke, das liegt daran, dass Lehrkräfte so ein großes Pflichtbewusstsein haben. Sei es, dass auch die hundertste Stunde irgendwie vertreten wird, dass Schulleitungen selbst unterrichten, obwohl sie eigentlich andere Aufgaben hätten. Dass man abends nach 19 Uhr noch Elterngespräche führt. Man tut eben alles für die Kinder und die KollegInnen. Aber viele arbeiten damit über das vorgegebene Maß hinaus und sind deshalb so belastet.
Auf Ihrem Kanal haben Sie 15 Gründe für Ihren Ausstieg aufgelistet. Können Sie die drei wichtigsten Punkte rausfiltern?
JANA S.: Auf jeden Fall die gesellschaftliche Situation. Ich will Eltern nicht schlecht machen, ich sage mal so: Das Leben ist teurer geworden, Eltern müssen oftmals lange arbeiten gehen. Wenn Kinder häufiger fremdbetreut werden, werden halt auch mehr Aufgaben an Kita und Schule abgegeben. Das sind Aufgaben, die on top kommen, die wir aber so nicht leisten können. Es fängt schon damit an, dass manche Kinder keinen Stift halten können, wenn sie in die Schule kommen. Dass sie Sprachdefizite haben. Auch vom Staat kommen immer mehr Aufgaben dazu. Aktuell zum Beispiel die Verfassungsviertelstunde, das verpflichtende Lesetraining, die sogenannte Bewegungs-Halbestunde. Wir haben aber auch den Lehrplan noch zu erfüllen. Das ist einfach zu viel. Diese Waage funktioniert nicht mehr.
Was ist das zweite große Problem?
JANA S.: Fehlende Wertschätzung. Es geht nicht darum, dass jeden Tag jemand zu mir kommt und sagt: „Wow Jana, du bist echt eine Superheldin, du machst hier den besten Job.“ Darum geht es mir gar nicht. Ich meine Wertschätzung im Sinne von gehört und ernst genommen werden. Seit drei Jahren mache ich auf meinem Account darauf aufmerksam, welche Missstände es in der Schule gibt. Aber die Posts von damals könnte ich eins zu eins heute wieder posten. Es ändert sich einfach nichts.
Und der dritte Punkt?
JANA S.: Die Bedingungen im Klassenzimmer. Die Lautstärke in den teils sehr kleinen Räumen, in denen teilweise bis zu 30 Kinder sind. Ich war Sportlehrerin, ich habe irgendwann fast nur noch mit Konzertohrstöpseln gearbeitet. Teils habe ich private Treffen abgesagt, weil ich nur noch Ruhe wollte. Eines Tages habe ich mitgezählt, wie oft jemand meinen Namen ruft. Bis zur großen Pause um 9.30 Uhr hatte ich schon 28 Mal meinen Namen gehört, musste 28 Mal auf verschiedenste Bedürfnisse reagieren. Reizüberflutung kann man all das vielleicht nennen. Das macht auf Dauer krank.
An welchen Schrauben könnte man am einfachsten drehen, um Lehrerinnen und Lehrern den Alltag zu erleichtern?
JANA S.: Lehrkräfte brauchen mehr Unterstützung durch multiprofessionelle Teams. Dass wir zum Beispiel an jeder Schule einen Schulpsychologen haben oder einen Sozialarbeiter. Es gab wirklich keinen Tag, an dem ich nicht mindestens eine Viertelstunde damit verbracht habe, teils gewalttätige Streitigkeiten zu klären. Es wäre toll, wenn man jemanden hätte, der sagen würde: „Hey, schick die Kinder zu mir, ich kläre das und du kannst deinen Unterricht weitermachen.“ Auch das Thema Neurodivergenz spielt eine immer größere Rolle. Es gibt immer mehr Kinder mit Besonderheiten, mit ADHS, mit Hyperaktivität, mit Hypersensibilität. Dazu die Inklusion, über die kaum noch gesprochen wird. Und wir sind dafür einfach nicht ausgebildet.
Was würde es noch einfacher machen?
JANA S.: Mehr Freiheit beim Lehrplan, orientiert an Fragen wie: „Was braucht meine Klasse, was wollen die Kinder?“ Ein bisschen mehr Sport machen zu können, wenn man eine Klasse hat, die sich gern bewegt. Einer künstlerisch begabten Klasse mehr Möglichkeiten geben, ihre Kreativität auszuleben. Weg von diesem ständigen Druck, den Stoff bis zum Schuljahresende durchprügeln zu müssen. Ein Problem ist auch dieses irre Maß an Bürokratie. Allein die Ordner, die ich in den vergangenen zwei Jahren für irgendwelche Dokumentationen angelegt habe, füllen mittlerweile zahlreiche Fächer in meinem Regal.
Und was sind die großen Brocken? Was müsste sich ganz grundlegend ändern im Schulsystem?
JANA S.: Ein wichtiger Aspekt ist die Lehrerausbildung. Ich finde, dass man Leute aus dem Studium viel eher in die Praxis holen muss. Das wäre für die Schulen eine Entlastung. Wenn ich als Lehrkraft zum Beispiel fünf Kinder habe, die noch schwach im Lesen sind: Da würde es wahnsinnig helfen, wenn es einen Studenten gäbe, der mit ihnen rausgeht und Lesen übt. Die Studierenden selbst würden von der Praxiserfahrung auch profitieren. Weiter müsste man sich eben den Lehrplan ansehen, ob das überhaupt alles noch zeitgemäß ist. Und man müsste den Lehrkräften ein bisschen mehr Zutrauen schenken. Sie wissen am besten, was ihre Klasse braucht.
Beim Lehramtsstudium tut sich gerade etwas. Die Regierung will dazu Anfang 2026 einen neuen Plan vorstellen. Und die Uni Augsburg zum Beispiel bietet zusammen mit dem Schulwerk ein „duales Studium“ an, in dem sich Theorie und Praxis abwechseln. Aber würden Sie jungen Menschen heute überhaupt noch empfehlen, Lehramt zu studieren?
JANA S.: Das ist eine schwierige Frage. Was wir brauchen, sind motivierte Lehrer, die Lust haben, was zu verändern. Wenn man das nur macht, um in den Ferien freizuhaben und ein fettes Beamtengehalt zu kassieren: Nein, dann geht man in dem Job auf jeden Fall vor die Hunde. Aber wenn man Lehramt studiert, weil man etwas bewirken und für die Kinder da sein will, dann sollte man das auf jeden Fall tun. Lehrer sein ist oftmals einfach eine Berufung. Ich finde den Gedanken, den ich zu Beginn meines Studiums hatte, immer noch sehr schön: Man bringt Kindern die Grundkompetenzen bei, die sie brauchen, um im Leben klarzukommen. Wenn man dann am Ende des Schuljahres sieht, was man zusammen geschafft hat, das ist wunderbar. Ich erinnere mich noch gut, wie eins der Kinder in meiner Klasse sich zum ersten Mal getraut hat, im Sport von einem Kasten zu springen. Die ganze Klasse hat es angefeuert, ich habe Hilfestellung gegeben. Kindern sowas mitzugeben, Stärke, Selbstwertgefühl, ist so erfüllend. Und das wird mir auch echt sehr fehlen.
Trotz Ihrer Kündigung werden Sie weiter Unterrichtsinhalte erstellen, sie anderen Lehrkräften zum Kauf anbieten. Ihr Account auf Instagram existiert weiterhin. Wofür werden Sie ihn jetzt nutzen?
JANA S.: Das oberste Ziel ist, dort meine Materialien vorzustellen. Mein zweites Ziel ist, öffentlich noch mehr zu zeigen, wie es wirklich in Schulen läuft. Jetzt, wo ich keine Beamtin mehr bin, kann ich ja mehr oder weniger offen sprechen. Zum Glück folgen mir mittlerweile auch viele Eltern und Nicht-Lehrkräfte. Viele stellen sich den Beruf des Lehrers immer noch so vor: Man kommt rein, schlägt das Mathebuch auf, sagt „Wir machen Seite vier!“ und fährt nach der Schule ins Freibad. Aber so ist es nicht. Lehrkräfte machen einen super wichtigen Job, der viel mehr Wertschätzung und viel mehr Beachtung braucht, weil die Kinder und die Bildung unsere Zukunft sind.
Sind Sie dann jetzt hauptberuflich Bildungsinfluencerin?
JANA S.: (lacht) Früher . Ich dachte, die halten dreimal am Tag eine Creme in die Kamera, kriegen 5000 Euro und wandern nach Dubai aus. Heute weiß ich, wie viel Arbeit Instagram ist. Aber mein Hintergedanke war noch nie, damit reich zu werden und irgendwann mal aussteigen zu können. Ich konzentriere mich erstmal auf meine Selbstständigkeit bei Eduki. Auch wenn mein Freund seit unserem Sommerurlaub ständig von einem Haus auf Costa Rica träumt…
Zur Person
Jana S. (36), die öffentlich nur unter ihrem Instagram-Namen „Frau Espunkt“ auftritt, war zwölf Jahre Lehrerin, zuletzt an einer oberbayerischen Grundschule. Ihren Account betreibt sie seit vier Jahren. Den Durchbruch auf Instagram feierte sie mit einer „EM-Werkstatt“ mit Unterrichtsinhalten zur Fußball-Europameisterschaft.
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