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Festivalsommer: Reggae in Wulf und andere kämpfen ums Überleben

Festivalsommer

Ein letztes Mal Reggae in Wulf? Wie kleine Festivals zu retten sind

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    Das Wudzdog-Festival in Dornstadt (Kreis Donau-Ries) findet am Wochenende statt. Man hofft auf gutes Wetter, weil viele Menschen ihren Ticketkauf davon abhängig machen.
    Das Wudzdog-Festival in Dornstadt (Kreis Donau-Ries) findet am Wochenende statt. Man hofft auf gutes Wetter, weil viele Menschen ihren Ticketkauf davon abhängig machen. Foto: Anton Kutscherauer (Archivbild)

    Am Anfang war diese Wiese, und diese Wiese wurde eine Vision. Peter Großhauser stand da im Gras, im Schatten eines Wäldchens bei Nordendorf. Er sah die Bühne vor sich. Vor fünf Jahren war das, er hatte gerade das nahe Wirtshaus übernommen und daraus die Kulturwirtschaft Walden gemacht. Ein paar Jahre später besuchte Künstlerin Monika Nuber aus München seine Kulturwirtschaft. Auch sie stand auf der Wiese und sah die Bühne, die Menschen, die Atmosphäre. Beide hatten denselben Gedanken: Hier muss ein Festival entstehen.

    Ende Juni findet das Festival in der Kulturwirtschaft Walden statt. Zum ersten Mal. Es trägt den Namen „Hoi“, ein Ausdruck der Schwaben, wenn sie staunen. Und ein bisschen was zum Staunen findet sich da durchaus. Von einem Nischenfestival spricht Peter Großhauser. Verspieltes Zeug und Geheimtipps wird es geben, sagt Monika Nuber. Großhauser stammt aus Donauwörth, es zog ihn jung nach Berlin, wo er Musikkneipen betrieb. Bei seiner Rückkehr brachte er den Geist der Berliner Bohème mit. In seiner Kulturwirtschaft veranstaltet er Lesungen, Vorträge und Konzerte. Warum nicht auch ein Festival? Familiär soll es sein, die maximal 300 Leute am Tag sollen auf der Terrasse mit den Künstlern zusammensitzen und sich unterhalten können. Auf jener Terrasse dreht sich Großhauser eben noch eine Zigarette und sagt: „Wenn ich das vor meinem inneren Auge sehe, wird das toll.“

    Fünf Festivals in Bayern stehen vor dem Aus

    Ein Festival gründen in Zeiten wie diesen? Man hört aus der Festival-Branche eher Klagerufe als Aufbruchsstimmung. Für fünf Festivals in Bayern wird es das letzte Mal sein, zählt der Verband für Popkultur in Bayern (VPBy), das Modular inbegriffen. Zwölf weitere Festivals haben sich an den Verband gewandt, weil sie um ihre Existenz bangen.

    Andreas Jäger, VPBy-Geschäftsführer, erzählt das alles nicht zum ersten Mal. Seit der Corona-Pandemie kämpfen vor allem kleinere und nicht kommerziell ausgerichtete Festivals ums Überleben. Zum einen liegt das am Kostendruck, erklärt er. Alles sei teurer geworden, teilweise um 50 bis 100 Prozent: Bühnentechnik, Security, Verpflegung, Gagen. Die Preissteigerungen könne man aber nicht eins zu eins an die Gäste weitergeben, weil diese sonst ganz ausblieben. Kleine Festivals hätten anders als weltweit agierende Agenturen auch wenig Puffer, um die Kosten abzufedern.

    Eben jene größeren Festivals buchen Jäger zufolge auch noch bekannte Headliner und legen einen Gebietsschutz fest: Im Umfeld darf diese Band dann nicht mehr spielen. Das mache es kleineren Festivals schwer, an zugkräftige Acts zu kommen.

    Immer mehr Festivals bewerben sich bei Förderprogrammen, beobachtet Andreas Jäger, Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern.
    Immer mehr Festivals bewerben sich bei Förderprogrammen, beobachtet Andreas Jäger, Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern. Foto: Verband für Popkultur in Bayern

    Neben Bürokratie, Auflagen und Wirtschaftsflaute pfuscht der Klimawandel in den Festivalsommer hinein. Stürme und Gewitter kommen schneller und heftiger. Fällt ein einziger Festivaltag ins Wasser, fehlen Gastroeinnahmen und Spontan-Gäste. Das wird mehr und mehr zum Problem, sagt Jäger: dass viele Menschen Tickets immer kurzfristiger kaufen. „Viele warten lieber ab, wie das Wetter an dem Tag ist, bevor sie Karten holen.“

    Ungewisse Zukunft für das Festival Reggae in Wulf

    Das Reggae in Wulf kann von all diesen Widrigkeiten ein Lied spielen. Das Festival in Wulfertshausen bei Friedberg ist bei Reggae-Fans aus ganz Deutschland beliebt, aber das reicht nicht mehr: Die finanzielle Belastung sei immens, bestätigt Alexander Wüsten, Geschäftsführer vom Veranstalter Wulf United gUG. Schlechtes Wetter tat im vergangenen Sommer das Seine dazu, dass das Team einen fünfstelligen Verlust einfuhr.    

    Auch Wulf United hat die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Menschen ihren Festivalbesuch sehr kurzfristig vom Wetter abhängig machen. Ob das Reggae in Wulf nach dem Sommer weitermacht, wird sich erst an der Abendkasse entscheiden, sagt Wüsten.

    Es könnte das letzte Mal sein für das Reggae in Wulf.
    Es könnte das letzte Mal sein für das Reggae in Wulf. Foto: Edigna Menhard (Archivbild)

    Landauf, landab, vom Wudzdog in Dornstadt (Kreis Donau-Ries) bis zum Reggae in Wulf: Festivals fahren derzeit auf Sicht, üben sich in Risikobereitschaft und hoffen auf gutes Wetter. Einige dürfen ihr Budget mit öffentlichen Förderungen aufstocken. Jäger beobachtet, dass mehr Festivals diesen Weg wählen. 154 Festivals haben sich für das Förderprogramm „Hinter ins Land“ angemeldet, das der VPBy zum dritten Mal ausschreibt. Ein Höchststand an Bewerbungen sei das. „Hinter ins Land“ wird vom bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst finanziert. Dieses Jahr kamen sogar mehr Mittel obendrauf, sagt Jäger. „Das läuft tatsächlich sehr gut. Aber der Kuchen ist trotz allem zu klein.“ Denn: von den 154 durften sich am Ende nur 23 Festivals über Gelder freuen. In Schwaben zählen neben dem Reggae in Wulf das Festival Der Krater bebt in Megesheim, das Wisdom Tooth in Hochstein und die Sommersause in Augsburg dazu.  

    Warum überhaupt Festivals retten?

    Kleine Festivals könnten sich retten, indem sie auf die Privatwirtschaft als Sponsoren setzen, schlägt Jäger vor. Und er hofft, dass sich Druck auf die Politik formt und diese am Ende die Festivalkultur besser fördert. Dafür hat der Verband eine Social-Media-Kampagne gestartet. Man wolle die Menschen aufklären, was fehlt, wenn Festivals aufgeben.

    Aber was steht da überhaupt auf dem Spiel? Darüber muss Jäger nicht lange nachdenken. Gerade auf dem Land bringe so ein Festival eine ganze Dorfgemeinschaft zusammen: Von der freiwilligen Feuerwehr über den Sportverein bis zur Jugend würden oft alle mithelfen. Zudem stifte ein heimisches Festival Identifikation und biete aufstrebenden Künstlern eine Bühne. „Kunst und Kultur sind für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft wichtig. Wir müssen verhindern, dass noch mehr Leute keinen Zugang zur Gemeinschaft finden“, sagt er.

    Zurück in die lauschige Kulturwirtschaft Walden, wo Monika Nuber auf der Terrasse sitzt und an einem Wasser nippt. Auch der Förderverein des Hoi-Festivals habe Förderungen bekommen, sagt sie. „Das hilft uns, gute Gagen an die Künstlerinnen und Künstler zu zahlen.“ Und das Risiko? Hält sich in Grenzen. Nuber lacht. „Eher auf Gebrauchtwagenniveau.“ Erst mal schauen, wie das Hoi angenommen wird. Aber bis ein Festival flutsche, dauere es zwei-, dreimal. „Wir sind euphorisch und gespannt.“

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