Angesichts der starken Ausbreitung der Vogelgrippe zeigen sich Expertinnen und Experten besorgt und mahnen zur Vorsicht - auch, weil das H5N1-Virus seit Längerem als Kandidat für eine neue Pandemie gilt. „Prinzipiell gehören alle Influenza-Viren zu Erregern mit Pandemie-Potenzial“, sagt Prof. Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum der Technischen Universität München (TUM Klinikum Rechts der Isar), gegenüber unserer Redaktion. „Vor allem bei geringer Immunität in der Bevölkerung und wenigen Veränderungen des H5N1-Virus wäre potenziell neben der Übertragung auf den Menschen auch eine Mensch-zu-Mensch-Infektion denkbar.“ Das Risiko für Letzteres werde aktuell aber als gering eingeschätzt.
Derzeit steigen die Zahlen infizierter Vögel deutlich. Die aktuelle Dynamik sei höher als in den Vorjahren, sagt Prof. Tim Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Ungewöhnlich sei auch, dass heuer Kraniche in besonderem Maße von Infektionen betroffen seien. Ähnliches beobachtet Prof. Martin Schwemmle, Forschungsgruppenleiter am Institut für Virologie am Universitätsklinikum Freiburg. „In diesem Herbst zeigt sich eine starke Häufung von H5N1-Fällen bei verschiedenen Wildvogelarten“, sagt er. Vor allem an Orten, an denen sich viele Vögel sammeln, komme es aktuell zu umfangreichen Infektionen und hohen Todeszahlen. „Die vergangenen Wochen waren auch von einem rasanten Anstieg von Ausbrüchen in Geflügelbetrieben geprägt: Mast- und Legehennenbetriebe in mehreren Bundesländern mussten Tiere im großen Umfang keulen.“
Auch in Bayern gibt es schon Vogelgrippe-Ausbrüche
Expertinnen und Experten zufolge grassiert das Virus derzeit besonders stark im Nordosten Deutschlands. Aber auch in Bayern gibt es Fälle, der erste trat dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zufolge Anfang Oktober auf, und zwar in einem Nutzgeflügelbetrieb im Landkreis Dingolfing-Landau. „Die zuständigen Veterinärbehörden haben vor Ort erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Tierseuche eingeleitet“, heißt es vonseiten des LGL. Mittlerweile gibt es in Bayern aber noch weitere Fälle, nämlich in den Landkreisen Dachau, Freising, Neuburg-Schrobenhausen, Mühldorf am Inn sowie in Ingolstadt.
Es sei schwer, die Gefahr einzudämmen, sagt Sylvie Kremerskothen Gleason, Landesdirektorin von Humane World for Animals Deutschland. „Solange unser Lebensmittelsystem so stark auf die ‚Massenproduktion‘ unzähliger Tiere ausgerichtet ist, die in intensiven Haltungssystemen dicht zusammengedrängt leben – mit geringem Tierwohl und hohem Risiko der Krankheitsübertragung –, werden wir weiterhin anfällig für Ausbrüche von Zoonosen wie der Vogelgrippe bleiben.“ Europa spiele aufgrund der dichten Netze industrieller Schweine- und Geflügelfarmen bei dem Risiko einer möglichen neuen Pandemie eine zentrale Rolle, „denn diese Farmen bieten ‚ideale‘ Bedingungen, dass sich diese Viren zwischen Arten entwickeln, verstärken und übertragen.“
Die Vogelgrippe gehört wie Corona zu den Zoonosen
Die Vogelgrippe zählt wie Corona zu den sogenannten Zoonosen, die Viren werden also von Tieren übertragen. Aktuell seien hauptsächlich Personen gefährdet, die direkten Kontakt mit infizierten Vögeln haben, sagt Spinner vom TUM Klinikum Rechts der Isar. Allerdings könnten sich auch Säugetiere anstecken und dann den Menschen infizieren. „So gibt es aus den USA Berichte von Vogelgrippeinfektionen bei Bauern nach Kontakt zu infiziertem Milchvieh“, sagt Spinner.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren