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Hochwasser in Schwaben vom Juni 2024: Damm fehlte

Starkregen

Weniger Bürokratie, mehr Förderung: Was sich beim Hochwasserschutz ändern müsste

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    Buchstäblich bis zur Haustür reichte das Wasser im Frühsommer 2024 in manchen Straßenzügen Nordendorfs.
    Buchstäblich bis zur Haustür reichte das Wasser im Frühsommer 2024 in manchen Straßenzügen Nordendorfs. Foto: Marcus Merk

    Hochwasserschäden und Hochwasserschutz beschäftigen Bürgermeister Tobias Kunz aus Nordendorf auch ein halbes Jahr nach der Jahrhundert-Flut. „Wir erleben im Rathaus tagtäglich noch die Auswirkungen“, so der Kommunalpolitiker der Freien Wähler. Seine Gemeinde im Kreis Augsburg war Anfang Juni 2024 nahezu komplett unter Wasser gesetzt worden. Viele im Ort sind sich einig: Es wäre weniger schlimm gekommen, wäre Nordendorf durch einen Deich vor den Wassermassen der Schmutter geschützt gewesen. Seit mehr als einem Jahrzehnt warten sie darauf vergeblich. Und nicht nur sie: Nach dem Jahrhundertregen, der in Süddeutschland Schäden über 4,1 Milliarden Euro angerichtet hatte, ist das Hochwassermanagement Bayerns in den Blick geraten. Oder besser: die Schwächen des Hochwassermanagements.

    Bayern ist gewillt, alles aufzuarbeiten. Jedenfalls hatte der Landtag am Donnerstag zwölf Sachverständige geladen, die die Anforderungen an einen wirkungsvollen Überflutungsschutz aus ihrem Metier heraus skizzierten: Klimaforscher, Ingenieure, Flussexperten, eine Versicherungsvertreterin, den Gemeindetag - und als Praktiker eben Kommunalpolitiker Kunz.

    Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, Bürgermeister Tobias Kunz und Bayerns Digitalminister Fabian Mehring kurz nach der Flut in Nordendorf.
    Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, Bürgermeister Tobias Kunz und Bayerns Digitalminister Fabian Mehring kurz nach der Flut in Nordendorf. Foto: Marcus Merk

    Der Nordendorfer Bürgermeister listete den Umweltpolitikerinnen und -politikern im Bayerischen Landtag alles auf, was sich seiner Meinung nach beim Hochwasserschutz im Freistaat ändern muss. „Die Verfahren sind viel zu kompliziert und dauern viel zu lange“, sagte Kunz. Bei dem Deich, den Nordendorf bräuchte, handle es sich um ein kleines Projekt, vergleichsweise günstige zwei Millionen Euro würde es kosten. „Die Bauzeit würde nur sechs Monate dauern.“ Einfach und schnell umzusetzen, könnte man meinen. Aber: „Wir haben den Hochwasserschutz 2014 beantragt. Im zehnten Verfahrensjahr wurden wir überflutet.“ Jetzt, wo das Wasser wieder weg ist, geht zwar in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Donauwörth etwas voran. Bis wirklich gebaut wird, dürfte es noch Jahre dauern. Kunz fordert weniger Bürokratie und weniger Absprachen mit höheren Behörden, dafür mehr Entscheidungs- und Budgetkompetenz für die Wasserwirtschaftsämter und die Gemeinden. „Wir kennen uns vor Ort am besten aus, wir wissen, wie es am besten funktioniert.“

    Experte vergleicht Hochwasserschutz mit Winterreifen

    Der Sachverständige Wolfgang Günther von der Münchner Universität der Bundeswehr wünscht sich aber auch mehr Bewusstsein von den Gemeinden selbst. Zu oft noch würden Kommunen keine Maßnahmen ergreifen, „weil sie sagen: Bei uns ist ja nichts.“ Günther hält das für zu kurz gedacht: „Jeder vernünftige Mensch macht doch im Oktober Autoreifen drauf, auch wenn es dann den ganzen Winter über nicht schneit.“ Starkregen könne überall auftreten: „Der eine liegt im Liegestuhl, der andere hat ein Starkregenereignis. Deshalb bräuchte jede Gemeinde in Bayern einen Starkregenmanager.“ Und mehr Messstationen für Wasserpegel auch an den kleinen Gewässern, fügte Harald Kunstmann hinzu, Inhaber des Lehrstuhls für Regionales Klima und Hydrologie an der Universität Augsburg. Im Juni seien vor allem Gewässer 3. Ordnung betroffen gewesen, kleine Flüsse wie die Schmutter etwa oder Zusam und Mindel. „Dort finden nur wenige bis gar keine Messungen statt.“ In der Regel müssen sich die Kommunen mit 50 Prozent der Investitionskosten an solchen Bächen beteiligen. „Aber das ist für manche gar nicht zu stemmen.“ Kunstmann setzt sich für „eine flexiblere und gegebenenfalls höhere Förderung“ ein.

    Mit dem Fokus auf kleine Gewässer schlägt er in dieselbe Kerbe wie die Grünen. „Große Polder helfen an kleinen Flüssen nichts“, erklärte deren Umweltexperte Christian Hierneis. Entlang der Donau sind neun dieser riesigen Deichkonstruktionen geplant, am Main befindet sich ein Standort in der Untersuchung. Ein Polder an der Iller bei Kempten ist bereits einsatzbereit. Aber: „Diese Polder schützen nur 1,6 Prozent der Landesfläche und 1,2 Prozent der Menschen.“ Während die umweltpolitische SPD-Sprecherin Anna Rasehorn betonte, dass sich „jeder jetzt schon vorbeugend investierte Cent später doppelt und dreifach auszahlt“, sagte AfD-Mann Harald Meußgeier im Umweltausschuss: „Das Klima wandelt sich schon seit Milliarden von Jahren.“ Einen menschengemachten Klimawandel sieht er also offensichtlich nicht.

    Der Keller der Grundschule in Nordendorf muss komplett entkernt werden.
    Der Keller der Grundschule in Nordendorf muss komplett entkernt werden. Foto: Steffi Brand

    Bürgermeister Tobias Kunz aus Nordendorf hat keine Zeit für solche wissenschaftlich längst widerlegten Meinungen. Er saß nach einem schnellen Mittagessen in München gleich wieder im Auto zurück nach Nordendorf. Denn der größte Hochwasserschaden in der Gemeinde kann jetzt erst angepackt werden. „Den überschwemmten Keller unserer Schule müssen wir von null an wieder aufbauen“, erklärte Kunz. Kostenschätzung: etwa zwei Millionen. So viel, wie auch der schützende Deich gekostet hätte.

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