Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Interview: Das kann ein innovatives Tiny House für Pflegebedürftige

Interview

Was kann Ihr Tiny House für Pflegebedürftige, Professor Kunhardt?

  • |
  • |
  • |
  • |
    Von außen sieht es unscheinbar aus: Doch im Innern bietet dieses Tiny House auf 30 Quadratmetern modernste Technik für pflegebedürftige Menschen.
    Von außen sieht es unscheinbar aus: Doch im Innern bietet dieses Tiny House auf 30 Quadratmetern modernste Technik für pflegebedürftige Menschen. Foto: Technische Hochschule Deggendorf

    Herr Professor Kunhardt, Sie haben mit einem Team an der Technischen Hochschule Deggendorf ein sofort einsetzbares „New care mobil“ entwickelt. Zu Deutsch: ein mobiles, kleines Pflegehäuschen. Wie kamen Sie auf die Idee?
    PROFESSOR HORST KUNHARDT: Hier in Niederbayern, im Deggendorfer Raum, herrschen vorwiegend ländliche Strukturen. Und Pflegesituationen kommen oft sehr unerwartet, beispielsweise nach einem Sturz oder einem Schlaganfall. Dann müssen schnell Lösungen in den Familien geschaffen werden. Nicht nur Seniorinnen und Senioren sind hier betroffen. Menschen können in jedem Alter überraschend zum Pflegefall werden, schon Kinder. Wir wollten so eine schnelle Lösung schaffen. Daher haben wir ein kleines, ganz auf die Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen ausgerichtetes Fertighaus mit nur 30 Quadratmetern Wohnfläche entwickelt, das in jedem größeren Garten Platz findet.

    Ein Tiny House für Pflegebedürftige also?
    KUNHARDT: Genau, es kann fertig ausgestattet mittels eines Standard-Lkw gebracht und an einem Tag aufgestellt werden. Man braucht nur beispielsweise ein Schrauben- oder Betonfundament. Es ist wie ein kleines Austragshäuschen, das man ja auf vielen Höfen kennt, nur, dass es auf Pflegebedürftige spezialisiert ist. Und es hat natürlich den großen Vorteil, dass die Pflegebedürftigen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können, das wollen ja die meisten.

    In einer „Roadshow“ zeigen Sie seit dem Frühjahr das Häuschen an mehreren Standorten in Bayern. Wie sind die Reaktionen?
    KUNHARDT: Das Interesse ist enorm. Und das ist das Schöne an dem „New care mobil“: Ich halte ja seit vielen Jahren Vorträge. Aber das Thema Pflege hat das Problem, dass sich einfach niemand damit freiwillig beschäftigen will. Die meisten denken offenbar, es wird sie schon nicht treffen. Mit unserem Pflegehäuschen haben wir zwar keine Lösung für alle Pflegeprobleme – gerade bei sehr hohen Pflegegraden ist natürlich eine andere Versorgung nötig. Aber die Menschen können das Häuschen betreten, alles ausprobieren und vor allem erkennen: Es gibt schon so viele technische Möglichkeiten, die sowohl dem Pflegebedürftigen selbst, aber auch den pflegenden Angehörigen oder dem ambulanten Pflegedienst wirklich helfen. Doch die technischen Möglichkeiten sind leider oft unbekannt.

    Auf einer Roadshow wird ein Modell des Pflegehäuschens an verschiedenen Standorten in Bayern gezeigt. Viele Besucher sind vor allem von dem Ganzkörperföhn begeistert.
    Auf einer Roadshow wird ein Modell des Pflegehäuschens an verschiedenen Standorten in Bayern gezeigt. Viele Besucher sind vor allem von dem Ganzkörperföhn begeistert. Foto: Technische Hochschule Deggendorf

    Warum sind die innovativen Hilfsmittel denn so unbekannt? Bei Ihnen gibt es beispielsweise auch Trinkbecher, die dokumentieren, wie viel getrunken wird.
    KUNHARDT: Erstens ist es oft eine Geldfrage. Zweitens muss gerade in Pflegeheimen und Kliniken jedes Hilfsmittel zertifiziert sein, da steckt viel Aufwand dahinter – das brauchen sie in so einem privaten Pflegehäuschen nicht. Drittens muss man ehrlich sagen, dass der Markt gerade für digitale Lösungen oft noch sehr fragmentiert ist, sprich, Sie brauchen eine App für den Trinkbecher, eine App für die Sturzerkennung und eine für die automatische Herdabschaltung, wenn Sie die Dienste einzeln verwenden. Wir haben es mithilfe einer Augsburger Firma geschafft, alle digitalen Dienste, die das Häuschen bietet, in ein Programm zu integrieren.

    Viele ältere Menschen fürchten vielleicht auch den Umgang mit allzu viel digitaler Technik, oder?
    KUNHARDT: Das ist bei der älteren Generation, die aktuell Pflege benötigt, sicher oft noch ein Problem. Aber das ändert sich. Ich bin 66 Jahre alt und für mich wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass ich im Pflegeheim beispielsweise einen Internetanschluss habe und alle digitalen Dienste nutzen kann.

    Bleiben wir beim Geld: Wie viel kostet das „new care mobil“?
    KUNHARDT: Also wir als Hochschule vertreiben das Häuschen natürlich nicht. Wir haben eine Fertighausfirma hier in Niederbayern gefunden, die die Häuser baut, verkauft und transportiert. Unser Prototyp, den man auf der Roadshow sieht, würde etwa 180.000 Euro kosten. Man kann ihn allerdings auch leasen. Das finde ich besonders spannend. Denn Pflegesituationen kommen und gehen auch wieder. Ich habe mich immer gefragt, warum man nicht wie beim Leihwagen auch ein Leihpflegehaus mieten kann, das ist doch auch schön im Sinne des Kreislaufgedankens – jetzt kann man es. Der Mietpreis liegt bei etwa 1500 Euro im Monat.

    Horst Kunhardt ist Professor für angewandte Gesundheitswissenschaften an der Technischen Hochschule Deggendorf und beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Pflege.
    Horst Kunhardt ist Professor für angewandte Gesundheitswissenschaften an der Technischen Hochschule Deggendorf und beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Pflege. Foto: Technische Hochschule Deggendorf

    Gibt es technische Hilfsmittel, die besonders gut ankommen?
    KUNHARDT: Ja, der Ganzkörperföhn. Aber auch das Drehbett, das sich per Knopfdruck in eine Sitzposition verändern lässt und über eine Dekubitus-Matratze verfügt, damit man sich nicht wund liegt.

    Das kleine Häuschen hat auch noch eine höhenverstellbare Küche und ein höhenverstellbares Waschbecken sowie WC...
    KUNHARDT: Das Bad ist ein ganz zentraler Raum, das merken wir überall, wo wir unser mobiles Häuschen vorstellen. Zu den größten Ängsten der Angehörigen gehört die Frage: Wie bringe ich meinen pflegebedürftigen Vater aufs Klo oder wie wasche ich ihn? Zwei Aspekte machen das Bad zu einem besonders wichtigen Raum in einer Pflegesituation: Da ist zum einen die Scham. Kaum ein Senior möchte von seiner jungen Schwiegertochter abgetrocknet werden. Auch deswegen ist der Ganzkörperföhn, der auch noch Handtücher spart, der Renner. Auch ein Klo, das einen nach dem Klogang wäscht, wird bei Pflegebedürftigkeit besonders geschätzt. Hinzu kommt: Das Bad umzubauen, ist ein großes und kostspieliges Projekt. In viele Bäder aus den 70er- und 80er-Jahren kommt man mit einem Rollator oder Rollstuhl gar nicht rein, weil der Türrahmen zu eng ist. Dann steht das Waschbecken im Weg. Und in die Dusche oder Badewanne kommt man ohne Hebeeinrichtung auch nicht, das heißt, die Bäder müssen entkernt und umgebaut werden, da werden 5000, 6000 Euro schnell überschritten.

    Das Bad ist ein besonders wichtiger Raum für pflegebedürftige Menschen, aber auch für die pflegenden Angehörigen. Eine höhenverstellbare Toilette mit Waschfunktion bringt viele Vorteile.
    Das Bad ist ein besonders wichtiger Raum für pflegebedürftige Menschen, aber auch für die pflegenden Angehörigen. Eine höhenverstellbare Toilette mit Waschfunktion bringt viele Vorteile. Foto: Technische Hochschule Deggendorf

    Man könnte sich jetzt aber auch nur einige Hilfsmittel abschauen und daheim integrieren?
    KUNHARDT: Klar! Beim Bad gilt es aber beispielsweise zu bedenken, dass ein höhenverstellbares Klo, das einen wäscht, einen Stromanschluss benötigt. Was mir aber beispielsweise jedes Mal in der Seele weh tut, ist, wenn ich lese, dass ein alter Mensch in seiner Wohnung gestürzt ist und dort tagelang lag. Die Folgen sind meistens furchtbar. Das ist heute wirklich vermeidbar mit einer Technik, die nicht viel kostet, wir sprechen hier von wenigen hundert Euro.

    Erklären Sie bitte diese Technik.
    KUNHARDT: In unserem Pflegehäuschen haben wir Lampen – übrigens von einem belgischen Hersteller, also EU-konform –, die einen Sturz erkennen und automatisch Hilfe holen. Diese Lampen verfügen über einen Infrarot- und einen Radarsender. Sie haben bewusst keine Kamera und kein Mikrofon, weil Privaträume geschützte Räume sind und viele dort nicht überwacht werden wollen. Stürze zu vermeiden, ist so wichtig, denn gerade mit ihnen beginnt oft der Weg in die Pflegebedürftigkeit.

    Zur Person

    Horst Kunhardt, 66, ist Professor für angewandte Gesundheitswissenschaften an der Technischen Hochschule Deggendorf. Zuvor arbeitete er als IT-Leiter und Qualitätskoordinator in einer Klinik. Einen Blick in das „New care mobil“ kann man im Internet unter www.th-deg.de/new-care-mobil werfen.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren