Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Interview: Pfarrer Rainer Maria Schießler über die Bedeutung der Liebe

Interview

Katholischer Pfarrer Schießler: „Verzicht auf Ehe bedeutet nicht, dass ich zur Einsamkeit verurteilt sein muss“

  • |
  • |
  • |
  • |
    Pfarrer Rainer Maria Schießler ist überzeugt davon, dass die Liebe notwendiger denn je ist. Im Interview erklärt er, warum auch die Feindesliebe wichtig für einen selbst ist.
    Pfarrer Rainer Maria Schießler ist überzeugt davon, dass die Liebe notwendiger denn je ist. Im Interview erklärt er, warum auch die Feindesliebe wichtig für einen selbst ist. Foto:  Berthold Veh

    Servus Herr Schießler, Sie haben sich zuletzt dem Thema Liebe als zentraler Kraft im Leben gewidmet. Lassen Sie uns also über Liebe sprechen. In Ihrem jüngsten Buch schreiben Sie, Liebe sei heutzutage notwendiger denn je. Woran liegt das, dass wir sie so dringend benötigen?

    RAINER MARIA SCHIESSLER: Ich denke, benötigen ist vielleicht das falsche Wort. Denn Liebe ist eine Grundkraft, die in jedem von uns steckt. Nelson Mandela hat das einmal stark ausgedrückt, als er sagte: ,Kein Mensch wird mit Hass im Herzen geboren.‘ Dass ein Mensch lieblos ist, liegt also nicht in seiner Natur, das ist nur das Ergebnis des menschlichen Umgangs miteinander. Darum werde ich auch nicht müde zu sagen, wenn ich ein Taufgespräch mit jungen Eltern führe: ,Ihr seid die mächtigsten Menschen der Welt. Ihr habt es in der Hand, ob dieser Mensch ein liebender Mensch wird oder nicht.‘ Wenn wir heute Rücksichtlosigkeit in der Welt feststellen, dann ist das eine Entwicklung, wie Menschen diese Aufgabe wahrgenommen haben. Leider hat nicht jeder die notwendige Liebe erfahren.

    Schon im ersten Korintherbrief - das „Hohelied der Liebe“ von Paulus – wird beschrieben, dass die Liebe so wichtige andere Werte wie Glaube und Hoffnung übertrifft. Bei Ihnen ist das neue Werk nach Glauben und Hoffnung nun das dritte und abschließende Thema der Trilogie. Was macht die Liebe so einzigartig?

    SCHIESSLER: Für Paulus sind Glaube und Hoffnung zurecht innerweltliche Eigenschaften. Vaclav Havel hat das mal gesagt: ,Hoffnung heißt nicht, dass die Dinge ein gutes Ende haben, sie müssen nur am Ende einen Sinn ergeben.‘ Und die Liebe ist für mich eine Kraft, die selbst über die Vergänglichkeit hinausreicht.

    Das heißt auch über den Tod hinaus?

    SCHIESSLER: Selbstverständlich. Ich kann mich auch von Menschen, die gar nicht mehr da sind, geliebt fühlen. Ein Beispiel: Eine Witwe hat mir einmal gesagt, als ich sie fragte, ob ich sie trösten kann: ,Das müssen Sie gar nicht. Denn Sie müssen wissen: Einen Menschen, der Sie liebt, verlieren Sie nie!‘ Wenn ich davon erzähle, bekomme ich Gänsehaut. Das ist so geheimnisvoll.

    Ihr Buch ist sortiert in die fünf Sprachen der Liebe: gemeinsame Zeit, Intimität, Worte der Anerkennung und Geschenke. So entsteht quasi eine Art Wegweiser, nicht als Vorschrift, sondern als Einladung. Wie kamen sie darauf?

    SCHIESSLER: Als ich mir überlegte, wie ich diese über 100 Bibelstellen sortieren sollte, bin ich auf den amerikanischen Paar- und Beziehungsberater Gary Chapman gestoßen. Er definiert fünf verschiedene Beziehungssprachen, die in Partnerschaften gelebt werden, und die für ein „Sich-geliebt-Fühlen“ verantwortlich seien. Das ist eine grandiose Idee zu sagen, dass die Liebe nicht einschichtig ist.

    Sondern sehr komplex.

    SCHIESSLER: Ja, das ist grandios. Weil sich die Liebe in fünf Erscheinungsweisen anbietet, kann jeder sich einordnen, in welcher er gut ist. Ich bin beispielsweise ein guter Zuhörer oder teile gerne Komplimente aus. Es gibt aber nur einen, der alle Sprachen der Liebe spricht – und das ist der liebe Gott.

    An den glauben aber immer weniger. Überhaupt interpretieren wir Liebe heutzutage oft nur als Liebe in der Partnerschaft, aber auch die Nächstenliebe zählt ja dazu. Warum ist sie in unserer Gesellschaft so unter die Räder gekommen? Wenn jemand heute als „Gutmensch“ bezeichnet wird, ist das oft als Schimpfwort gemeint.

    SCHIESSLER: Stimmt schon, aber ich glaube, das ist gar nicht so weit verbreitet, wie man meint. Mag sein, dass immer weniger Menschen an Gott glauben, aber der Kraft der Liebe können sie sich nicht entziehen. Und nach Johannes ist Gott die Liebe. Darum macht mir das alles keine Angst, wenn jemand sagt, er sei Atheist. Jesus würde in so einem Fall sagen: Auch wenn jemand nicht für uns ist, ist er noch lange nicht gegen uns.

    Und wie soll das mit der Feindesliebe gehen, wo uns doch manchmal schon der oder die Liebste den letzten Nerv raubt? Können Sie eigentlich selbst Ihre Feinde lieben?

    SCHIESSLER: Natürlich nicht so wie ich einen Freund liebe, aber grundsätzlich kann ich das schon. Feindesliebe ist eine aktive, höchst konzentrierte Antwort auf die Lieblosigkeit. Das berühmteste Beispiel ist, dass ich jemandem, der mich schlägt, auch die andere Wange hinhalte. Feindesliebe ist zu zeigen, dass die eigene Friedfertigkeit stärker ist als die Aggression. Ich weiß, damit kann man keinen Staat regieren…

    … Putin dürfte das beispielsweise recht egal sein, oder?

    SCHIESSLER: Ja. Putin dürfte auch kein Vernunftgrund an den Verhandlungstisch zurückbringen, bestenfalls kann man ihn wirtschaftlich klein machen. Feindesliebe dient nur mir selbst, sie gibt mir die Kraft und die Würde, in all dem Chaos, des Hasses und Gewalt zu bestehen.

    Wenn Sie das Thema Liebe auf einen Satz herunterbrechen müssten, damit es auch die Tiktok-Generation versteht - wie würde der lauten?

    SCHIESSLER: Liebe ist ein Fass ohne Boden, das immer weitergefüllt wird.

    Herr Schießler, für einen Pfarrer ungewöhnlich, leben Sie trotz Zölibats mit einer Frau zusammen. Das haben Sie schon vor vielen Jahren öffentlich gemacht. Es ist keine Zweckgemeinschaft mit einer Haushälterin, sondern eine Liebesbeziehung. Aber gehört nicht Sex zur Liebe dazu?

    SCHIESSLER (LACHT): Also ich muss das mal aufklären. Wir kennen uns jetzt seit 30 Jahren. Wir haben spüren dürfen, dass da ein Mensch einem unglaublich wichtig ist, dass er Teil deines Lebens ist. Nie ging es darum, meinen selbst gewählten Lebensentwurf zu verwerfen. Er gehört doch zu mir, ist meine Geschichte! Da spielt man auch nicht plötzlich Ehemann. Das wäre schon allein denen gegenüber unverantwortlich, die diesen Schritt selbstverantwortlich gemacht haben. Niemals aber sollte unsere Gemeinschaft andere irgendwie verletzen. Andererseits bedeutet mein persönlicher Verzicht auf Ehe und Familie nicht, dass ich zur Einsamkeit verurteilt sein muss. So haben wir einen gemeinsamen Weg gefunden. Jeder von uns hat seine eigene Wohnung, seinen eigenen Lebensmittelpunkt, gemeinsam aber dürfen wir unser Leben verbringen. Das bedeutet ganz besonders die ständige Fürsorge füreinander. Man fühlt sich füreinander verantwortlich, was für mich ganz persönlich die schönste Form der Liebe ist. Wie es so viele Formen der Liebe gibt, ohne dass man dazu Grenzen überschreiten müsste, die man selbst gesetzt hat. Viel wichtiger erscheint mir, dass der, der sich auf den exklusiven Weg der Ehelosigkeit im Namen der Kirche begibt, ja nicht verkümmern und lieblos zu leben beginnt. Die Liebe ist eine Kraft, die jedem von uns zusteht. So möchte ich es auch ganz bewusst leben.

    Wie ist es denn, wenn man sich in einer Ehe in einen anderen Menschen verliebt?

    SCHIESSLER: Ich habe diese Menschen nie verurteilt, wenn sie zu mir kamen, denn das steht mir gar nicht zu. Ich habe sie stattdessen dazu aufgefordert, sich erst einmal darüber zu freuen. Das Verliebtsein ist erst einmal ein unglaubliches Geschenk. Man sollte darüber hinaus klaren Kopf bewahren und sich überlegen, wie man mit diesem Geschenk umgeht: verantwortlich, gewissenhaft und niemals verletzend.

    Mal ganz allgemein gefragt: Ist es eigentlich zulässig, Liebe an Bedingungen zu knüpfen in der Art: Nur wenn du so bist, liebe ich dich?

    SCHIESSLER: Nein, in dem Moment ist es eine Handlung und keine Liebe mehr. Das berühmteste Beispiel: Wenn du mich liebst, gehst du mit mir überall hin. Tut mir leid, die Liebe ist kein Tauschgeschäft! Die Liebe vollzieht sich absolut freiwillig.

    Was kann die Kirche neben Ihrem Buch dazu beitragen, um in Zeiten immer tiefer werdender Gräben, Narzissten an den Hebeln der Macht, wachsenden Neids und Angst den Menschen wieder den Glauben an die Kraft der Liebe zu vermitteln?

    SCHIESSLER: Wir müssen vor allem das Einfache wieder mehr hervorheben und auch als Kirche mehr darauf hinweisen, wo die Liebe schon am Werk ist. Die Kirche muss Bürokratieabbau in Sachen Liebe betreiben. Bei mir steht am Eingang des Pfarrbüros der Satz: Gott zwingt nicht, er begeistert. Das muss die Kirche wieder lernen. Wir haben den Leuten nichts vorzuschreiben. Wir dürfen auch nicht sagen: Das geht nicht! Denn alles geht. Wir müssen lernen, unsere eigenen Grenzen zu überschreiten und dort hingehen, wo die Menschen uns brauchen. Wir müssen in die Familien gehen, uns um Wohnungsbau kümmern, um Kindererziehung und weniger um Verwaltung.

    Zur Person

    Der katholische Theologe und Buchautor Rainer Maria Schießler, geboren am 7. Oktober 1960, stammt aus dem Münchner Stadtteil Laim. Seit über 30 Jahren ist er Pfarrer in St. Maximilian im Münchner Glockenbachviertel.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren