Herr Meier, als Journalistikprofessor müssen Sie ein Vielleser sein, oder?
KLAUS MEIER: An einem normalen Morgen lese ich meine Lokalzeitung, die habe ich als gedruckte Ausgabe abonniert. Hinzu kommt eine Vielzahl an digitalen, überregionalen journalistischen Angeboten, die ich meist über Apps am Smartphone lese.
Die Augsburger Allgemeine lesen Sie auch?
MEIER: Ja, und zwar gezielt. Wenn es also Themen gibt, die mich besonders interessieren. Oder wenn ich beispielsweise über soziale Medien auf spannende Artikel Ihrer Redaktion aufmerksam gemacht werde.
Sie könnten sich und Ihr Mediennutzungsverhalten glatt selbst erforschen!
MEIER: Ich bin aber sicher nicht der Durchschnittsleser!
Wie hat sich denn Ihr Medienkonsum in den vergangenen Jahren gewandelt?
MEIER: Ich lese zunehmend digital. Wenngleich das bei mir eher ein schleichender Wandel ist.
Türmen Sie weiter Zeitungsstapel auf mit Artikeln, die Sie unbedingt lesen möchten – für die Sie jedoch noch nicht die Zeit gefunden haben?
MEIER: Das mache ich inzwischen in digitaler Form. Sie werden lachen: Ich schicke mir die digitalen Artikel per Mail selbst. Es ist dann ein digitaler Stapel am Computer, den ich aber nie ganz schaffe.
Sie sind ausgebildeter Redakteur und haben anfangs für die Frankenpost in Hof gearbeitet. Welche Wünsche hatten Sie zum Start in Ihr Berufsleben?
MEIER: Das ist ja schon einige Jahrzehnte her… Eines weiß ich noch sehr gut: Ich habe in meinem letzten Schuljahr mehr Zeit in der Redaktion verbracht als in der Schule. Der Journalistenberuf war für mich faszinierend: mit Menschen reden, Neues herausfinden und dies aufschreiben. Bei Terminen hieß es damals respektvoll: „Jetzt kommt die Presse.“ Ich glaube, das hat sich verändert. Was mich als jungen Menschen, der ungern früh aufstand, ebenso faszinierte: Die Redaktion hat vor 9 Uhr nicht angefangen.
Das ist heute vollkommen anders. Digitalredaktionen – unsere eingeschlossen – bieten den ganzen Tag über Informationen.
MEIER: Ja, das waren die „alten Zeiten“ vor 35 Jahren. In denen habe ich übrigens meine ersten in der Zeitung erschienenen Artikel ausgeschnitten und in Ordner geklebt. Meine ersten Artikel waren Berichte über Vereinsversammlungen und Feuerwehreinsätze. Noch als Schüler durfte ich dann aber größere Themen bearbeiten, zum Beispiel eine Reportage über die massiven Proteste und Gerichtsverfahren gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in der Oberpfalz. Mein Auftrag: Bring eine Geschichte mit, die anders ist, als das, was die Nachrichtenagenturen liefern! Das ist mir wohl gelungen, weil mir kurz danach ein Volontariat, also eine Ausbildung zum Redakteur, angeboten wurde, was ich sehr gerne angenommen habe.
Heute blicken Sie als Wissenschaftler von außen auf die Branche. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie auf die Augsburger Allgemeine schauen?
MEIER: Die Augsburger Allgemeine hatte in den vergangenen Jahrzehnten immer den Anspruch, dass sie nicht nur lokal und regional eine qualitätsvolle Berichterstattung bietet, sondern auch überregional. Und sie hatte und hat den Anspruch, auch überregional wahrgenommen zu werden, zum Beispiel in der Bundespolitik. Dieser Anspruch wird nach wie vor erfüllt.
Würden Sie sagen, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Aufgabengebiete des Journalismus verändert haben?
MEIER: Ja, das ist in der Tat so. In den letzten 15 Jahren zum Beispiel gab es eine Phase, in der – salopp gesagt – zu hören war, dass es Journalismus doch gar nicht mehr brauche. Jeder könne dank des Internets selbst berichten, alle Unternehmen und Organisationen können veröffentlichen, was sie umtreibt. Das war natürlich ein gewaltiger Trugschluss. Klar, jeder ist zum Sender geworden. Überflüssig wurde der Journalismus dadurch nicht, im Gegenteil. Überdeutlich wurde dies mit der wachsenden Verbreitung von Fake News. Propagandisten aller Art entdeckten Social Media – schließlich kam Donald Trump…
Eine Zäsur?
MEIER: Der US-Präsident und sein fragwürdiger Umgang mit der Wahrheit und mit Fakten hat uns auch in Deutschland bewusst gemacht, wie wichtig es für die Demokratie ist, dass es unabhängigen Journalismus gibt – und eben nicht bloß Social-Media-Kanäle. Journalismus muss unabhängig prüfen, was stimmt, aufdecken, was Mächtige unter der Decke halten wollen – und vor allem Orientierung geben, also vielfältig verschiedene Sichtweisen zu Wort kommen lassen und zugleich die Interessen hinter den jeweiligen Botschaften aufzeigen. Journalismus entwickelte zum Beispiel die neue Darstellungsform des Faktenchecks. Denn es hat auch in Deutschland immer mehr um sich gegriffen, dass man „Fakten“ einfach erfindet und über Social Media mit großer Reichweite erzählt. Öffentliche Behauptungen zu überprüfen, war früher nur selten nötig. Inzwischen gehört es mit zu den Kernaufgaben des Journalismus. Natürlich macht man sich damit nicht nur Freunde, wenn man zum Beispiel Politiker der Falschaussage überführt.
Fakten zählen für Trump nur, wenn sie ihm nutzen. Und nicht nur seine Welt besteht aus „alternativen Fakten“.
MEIER: Daher mache ich mir große Sorgen über Grundsätzliches.
Was genau meinen Sie?
MEIER: Dass Menschen nicht mehr unterscheiden können zwischen Journalismus und Nicht-Journalismus. Das wird von wissenschaftlichen Befragungen gestützt: Mehr als 40 Prozent der erwachsenen Internetnutzer in Deutschland sagen, dass sie sich nicht sicher sind, ob sie Falschmeldungen immer von Fakten unterscheiden können. Das findet sich in allen Bevölkerungsgruppen, selbst Bundestagsabgeordnete sitzen Falschinformationen oder Desinformationskampagnen auf und können journalistische Medien nicht immer von Propagandamedien unterscheiden. Ein stückweit ist das menschlich: Wir nehmen das wahr und glauben das gerne, was unserer Meinung entspricht. Das Gift von Social Media wirkt – gelegentlich auch bei mir.
Was bedeutet das für seriöse Medien?
MEIER: Das lässt sich ebenfalls aus Befragungen ableiten: Ob Medien vertraut wird, hängt in hohem Maße davon ab, wie transparent diese kommunizieren, wie Nachrichten entstehen. Es wird also zunehmend wichtig für Menschen zu verstehen: Was ist Journalismus? Journalisten müssen mehr erklären, wie sie arbeiten, wie sie recherchiert haben oder warum sie ein Thema aufgegriffen haben. Für Journalisten wird es wichtiger, mit ihrem Publikum in den Dialog zu treten. Das kann digital sein, aber auch real in Veranstaltungen und Redaktionsbesuchen.
Es braucht ein „Mehr“ an Journalismus.
MEIER: Es braucht mehr Qualitätsjournalismus – andernfalls gerät unsere Demokratie in Gefahr. Man sieht das deutlich in den USA, in denen es nur einen kleinen, recht unbedeutenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk und inzwischen viele Regionen ohne Tageszeitungen gibt. Die Lücken werden gefüllt von einseitigen oder gar falschen Informationen, von verzerrten Darstellungen, von Populismus. Und das führt zu einer Polarisierung der Gesellschaft. In Deutschland haben wir zum Glück noch keinen einzigen Ort, an dem man nicht eine lokale Tageszeitung beziehen könnte, wenn auch nicht überall gedruckt, sondern in zwei Regionen nur digital. Aber auch hierzulande gibt es zunehmend kleine Orte und dünn besiedelte Gegenden, in denen kaum mehr Lokaljournalisten vor Ort recherchieren und präsent sind.
Sie haben schon 2012 für Diskussionen in der Branche gesorgt. Sie schrieben damals: „Die letzte gedruckte Tageszeitung erscheint 2034.“
MEIER: Das war eine bloße Fortschreibung der damals schon sinkenden Auflagenzahlen. Ich wollte damit wachrütteln. Es war ein Appell, den unumgänglichen Prozess der Digitalisierung und Transformation ernst zu nehmen. Einige Verlage musste man nicht wachrütteln, andere hängen noch heute zu stark am täglichen Drucken und der sehr aufwendigen Auslieferung. Fakt ist: Die gedruckte Auflage der Tageszeitung wird weiter abnehmen; dafür steigt die digitale Nutzung. Allerdings sind leider noch zu wenige Menschen bereit, für digitalen Journalismus zu bezahlen. Viele meinen, es sei alles kostenlos zu haben.
Was tun?
MEIER: Wir müssen Journalismus unterstützen, damit er die Herausforderungen der digitalen Transformation bewältigt – und mehr darüber diskutieren, wie wir auch staatliche Mittel, also Steuermittel, dafür verwenden wollen und können. Die großen Social-Media-Plattformen zu besteuern, könnte das zum Beispiel finanzieren. Diese Art der Finanzierung darf freilich nie zu einer Einflussnahme führen, Journalismus muss unter allen Umständen seine Unabhängigkeit bewahren. Es gibt verschiedene Modelle für eine derartige Förderung, sie sind in manchen Ländern Realität, zum Beispiel in den skandinavischen Ländern. Was mir besonders wichtig ist: Wir müssen in Köpfe, in Journalistinnen und Journalisten investieren. Damit diese vor Ort präsent sind, recherchieren und berichten.
Auch diese – wie auch Lokal- oder Regionalzeitungsverlage – müssen mit einer mächtigen Konkurrenz umgehen: den US-Digitalgiganten Google und Co.
MEIER: Global betrachtet, stecken Abermilliarden Euro im Mediengeschäft. Der riesige Werbemarkt wird allerdings weitgehend abgeschöpft von diesen Suchmaschinen- oder Plattformbetreibern. Deren Angebote funktionieren rein ökonomisch. Die Digitalkonzerne finanzieren keine Redaktionen, also keinen verantwortungsvollen Journalismus, sondern nutzen nur die von ihm produzierten Inhalte. Und die Algorithmen spülen Provozierendes, Sensation und Emotion nach oben, weil das mehr Geld einbringt. Medienpolitisch sehe ich hier zwei Fragen: Können wir in Europa eigene, gemeinwohlorientierte Plattformen aufbauen und etablieren? Und: Sollten wir die Milliardengewinne der US-Digitalkonzerne besteuern?
Ihre Antworten?
MEIER: Für eigene Plattformen ist es im Grunde vermutlich zu spät. Eine Digitalsteuer für die großen US-Konzerne halte ich für absolut sinnvoll, auch in Deutschland. Es tauchen ja immer neue Problemfelder auf, zurzeit etwa die KI-generierte Zusammenfassung bei Suchen mit Google.
Nutzt man die Google-Suche wird als Ergebnis prominent eine von einer künstlichen Intelligenz erstellte Antwort angezeigt. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Unter anderem, weil die KI auch fehlerhafte Informationen anzeigt. Oder weil journalistische Angebote ausgewertet werden, Autoren oder Verlage aber weder um Zustimmung gefragt noch angemessen vergütet werden.
MEIER: Auch im Falle der KI-Suche ist es schwierig, der Marktmacht der Digitalkonzerne etwas entgegenzusetzen. Daher muss noch mehr Aufklärung über die mit ihr verbundenen Probleme geleistet werden – gerade von Journalisten. Andererseits kann künstliche Intelligenz im Journalismus selbst hilfreich sein, etwa um Arbeitsabläufe in Redaktionen und einfache Aufgaben zu automatisieren. In Zeitungsverlagen ist KI seit einigen Jahren im Einsatz. Sie ermöglicht das Durchkämmen großer Datenbanken und hilft so bei Recherchen. Oder sie unterstützt beim Schreiben. Sie eignet sich auch für eine einfachere Produktion von Audio- und Videoinhalten. Wenn Journalisten KI-Anwendungen zielgerichtet, konstruktiv und gleichermaßen überlegt und vorsichtig einsetzen, ist das von Nutzen. Ressourcen, die auf diese Weise gespart werden können, sollten die journalistische Kernarbeit stützen. Im besten Fall schaffen sie Freiräume für Recherchen.
Bitte vervollständigen Sie diese Sätze. Wenn es die Zeitung nicht gäbe, …
MEIER: … bräuchten wir ein anderes Medium, mit dem verlässlicher Journalismus verbreitet werden kann.
Die Augsburger Allgemeine ist …
MEIER: … eine Qualitätszeitung, die lokale, regionale und überregionale Bedeutung hat.
Die Augsburger Allgemeine wird in diesem Jahr 80. In 80 Jahren wird sie …
MEIER: … sicherlich anders verbreitet werden, als wir uns das jetzt überhaupt nur vorstellen können.
Ich, Klaus Meier, wünsche der Augsburger Allgemeinen …
MEIER: …, dass sie noch lange Redaktionen mit hervorragenden Journalistinnen und Journalisten und eine treue Leserschaft hat.
Zur Person
Professor Dr. Klaus Meier, Jahrgang 1968, ist Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik mit Schwerpunkt Innovation und Transformation an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seit 2021 ist er zudem Vizepräsident für Studium und Lehre.
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