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Kommunalwahl 2026 in Bayern: So arbeitet ein Landrat in schwierigen Zeiten

Kommunalwahl 2026

„Das hat schon sehr wehgetan“: Was ein Landrat alles aushalten muss

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    Tritt nach 24 Jahren ab: Stefan Rößle, Landrat im Landkreis Donau-Ries.
    Tritt nach 24 Jahren ab: Stefan Rößle, Landrat im Landkreis Donau-Ries. Foto: Marcus Merk

    Wie sich Deutschland im Großen verändert hat, zeigt sich am besten im Kleinen. Stefan Rößle, seit 24 Jahren Landrat des Landkreises Donau-Ries, sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro und greift nach ein paar Tabellen, die seine Mitarbeiter ihm für dieses Gespräch vorbereitet haben. Als er sein Amt antrat, lebten in seinem Landkreis keine 6000 Menschen mit einem fremden Pass – heute sind es knapp 18.000. Die Zahl der Asylbewerber ist von weniger als 200 auf 1300 gestiegen und das Haushaltsvolumen von gut 80 Millionen Euro auf annähernd 221 Millionen. Am meisten aber staunt Rößle über zwei Zahlen ganz unten auf der Liste.

    Für den Bau einer neuen Schule musste der Landkreis in seinem ersten Dienstjahr mit 2680 Euro pro Quadratmeter kalkulieren, heute kostet ein Quadratmeter Schule im Donau-Ries 7151 Euro. „Das ist fast dreimal so viel wie damals“, sagt Rößle. Dazu kommen die Ausgaben für die Jugendhilfe, also für Sozialarbeiter an den Schulen, für Familienhelfer oder die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen. Sie haben sich sogar mehr als verdreifacht, auf inzwischen knapp zwölf Millionen Euro. 

    Seit neun Jahren ist der Landkreis Donau-Ries mit seinen gut 135.000 Einwohnern schuldenfrei

    Daraus den Schluss zu ziehen, dass es mit der Region schleichend bergab geht, wäre gleichwohl falsch. Im Gegenteil. „Unsere Einnahmen haben sich ja auch verdreifacht“, sagt Rößle. Seit neun Jahren ist der Landkreis mit seinen gut 135.000 Einwohnern schuldenfrei, er hat mit 2,7 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Deutschland und investiert heute doppelt so viel wie damals, als der junge CSU-Kandidat Rößle sich überraschend gegen den etablierten, seit 18 Jahren regierenden SPD-Mann Alfons Braun durchsetzte.

    Nun, da er im Alter von 62 Jahren selbst abtritt, bei der Kommunalwahl kommende Woche also nicht mehr zur Wahl steht, ist aus dem durch die Gebietsreform in den Siebzigerjahren zusammengezwungenen Kunstprodukt mit den rivalisierenden Altlandkreisen Donauwörth und Nördlingen längst ein florierendes Gemeinwesen mit einem Landrat an der Spitze geworden, der nicht nur der erste Repräsentant seines Landkreises ist, sondern in den vergangenen Jahren vor allem als Krisen- und Katastrophenmanager gefragt war.

    Auch über den Landrat bricht ein Shitstorm herein

    Rößle erinnert sich noch gut. Erst ein erbitterter Streit um den Verlauf der neuen Stromtrassen, dann die Flüchtlingskrise, später Corona – und am Ende die Flut. Der These, dass sich das Berufsbild des Landrats stark gewandelt habe, vom honorigen Provinzfürsten zum dauergestressten Troubleshooter, kann er allerdings wenig abgewinnen. „Ich sehe das nicht so krass“, sagt er.

    Ja, die Kommunikation dessen, was man tue, sei heute wichtiger als früher und der Ton in den sozialen Medien schärfer als draußen, im richtigen Leben. Ein digitaler Shitstorm aber bricht nur einmal über ihn herein, als er sich zu Beginn der Corona-Krise schon früh mit einer Dosis impfen lässt, die eigentlich für das Personal von Kliniken und Pflegeheimen gedacht ist, die an jenem Tag aber zu verfallen droht, wenn niemand anderer sie nimmt.

    Corona – auch für die Donau-Ries-Kliniken war das eine Herausforderung.
    Corona – auch für die Donau-Ries-Kliniken war das eine Herausforderung. Foto: Barbara Wild (Archivbild)

    Zwar bestätigt die Regierung von Schwaben ihm später, dass daran formal nichts auszusetzen war. Das Bild vom egoistischen Impf-Vordrängler aber ist längst in der Welt. „Das hat schon sehr wehgetan“, sagt Rößle, der für gewöhnlich nicht zum Lamentieren neigt. Der digitalen Wucht, die da über ihn hereinbrach, habe er wenig entgegensetzen können. „Du hast keine Chance, dich zu wehren.“ Es ist eine Erfahrung, die inzwischen viele Kommunalpolitiker machen: Begegnete man einem Landrat oder einem Bürgermeister früher schon kraft Amtes mit Distanz und Respekt, werden heute auch sie in den sozialen Medien schnell zur Projektionsfläche für persönlichen Zorn, allgemeinen Verdruss und diskriminierende Hetze.

    Um das auszuhalten, müsse man abgehärtet sein, sagt Rößle. Damals aber habe er sich, wenn er abends noch einen Spaziergang durch seinen Heimatort gemacht hat, häufig gefragt: „Halten mich jetzt alle für einen Betrüger?“

    Rößles ursprünglicher Plan: Eine Karriere bei der Polizei

    Dabei hat der junge Kriminalhauptkommissar aus dem Dezernat für Organisierte Kriminalität ursprünglich gar nicht vor, sich in der Kommunalpolitik zu exponieren, sondern eine Karriere bei der Polizei vor Augen: höherer Dienst. Polizeidirektor, leitender Polizeidirektor vielleicht sogar. Als in seiner Heimatgemeinde Oberndorf allerdings der amtierende Bürgermeister krank wird und nicht mehr zur Kommunalwahl 1996 antreten kann, entscheidet er sich spontan: Da kandidiere ich. Später lernt er bei einem kommunalpolitischen Seminar in Kloster Banz dann den heutigen bayerischen Verkehrsminister Christian Bernreiter kennen, der in Deggendorf Landrat werden will, und denkt sich: Wenn der das kann, kann ich das auch. Beide sind bei ihrer Wahl noch keine 38 Jahre alt.

    Rößle, der inzwischen der CSU beigetreten ist und ein paar Jahre später sogar in deren Parteivorstand aufrückt, gewinnt die vermeintlich aussichtslose Wahl deutlich und macht lange vor der Impf-Affäre schon einmal bundesweit Schlagzeilen – als erster Landrat in Deutschland, der in Elternzeit geht. Er hat sich vorgenommen, den Landkreis familienfreundlicher zu machen, und will mit seiner Babypause mit gutem Beispiel vorangehen. Die Reaktionen im Kreistag aber sind gespalten, als der Landrat seine Entscheidung dort ankündigt, sie reichen von Applaus bis zu betretenem Schweigen, vor allem in der eigenen Partei, deren Berliner Landesgruppenchef Peter Ramsauer die sogenannten Vätermonate einst als „Wickelvolontariat“ verhöhnte.

    Der Kreistag im Corona-Modus: Im März 2021 beschließen 47 Räte in der Stauferhalle in Donauwörth den Haushalt.
    Der Kreistag im Corona-Modus: Im März 2021 beschließen 47 Räte in der Stauferhalle in Donauwörth den Haushalt. Foto: Barbara Wild (Archivbild)

    Was ein Landrat alles aushalten muss, erlebt Rößle vor allem während der Corona-Krise – eine Ausnahmesituation, die das ganze Land in den Stillstand zwingt. „Du bist der Dreh- und Angelpunkt in deinem Landkreis“, sagt er. „Alles steht und fällt mit dir.“ Mal beschweren sich Eltern, dass ihre Kinder zur Schule müssen. Mal beschweren sie sich, dass sie nicht zur Schule dürfen. Alleinverfügungen, Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen, Inzidenzwerte: Erklären und umsetzen muss das alles das Landratsamt, das über Monate am Anschlag arbeitet. In dieser Zeit lernt Rößle, wie wichtig in Krisen eine gute Kommunikation ist, und dass es auch darauf ankommt, wer etwas sagt – ein Sachbearbeiter oder der Landrat höchstselbst.

    Die Ausgaben für Sozialhilfe sind stark gestiegen

    Das gilt auch für den Kampf gegen die Jahrhundertflut im Sommer 2024 oder die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen, die er möglichst gerecht auf die einzelnen Kommunen in seinem Kreis verteilen soll, dabei in einigen Gemeinden aber auf erbitterten Widerstand stößt. Meistens muss es schnell gehen, weil die Busse mit den Neuankömmlingen schon unterwegs sind – die wahre Herausforderung jedoch, findet Rößle, ist auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise nicht das Einrichten von Notunterkünften in Turnhallen, sondern das, was der ersten Hilfe folgt: Kindergärten und Schulen müssen erweitert werden, um Platz für die Flüchtlingskinder zu schaffen, auch die Sozialbehörde im Landratsamt wird der Arbeit zeitweise kaum noch Herr und muss ebenfalls massiv ausgebaut werden. In Rößles Tabellen sieht das dann so aus: Aus den 2,7 Millionen Euro an Ausgaben für die Sozialhilfe im Jahr 2002 sind bis zum vergangenen Jahr 4,3 Millionen Euro geworden, die Personalausgaben des Landkreises sind gleichzeitig von 13 auf 38 Millionen Euro gestiegen.

    Krisen und Katastrophen zu meistern, gehört schon immer zur Stellenbeschreibung eines Landrats. Sie haben sich gehäuft, ja, aber sie haben noch keinen Landkreis in die Knie gezwungen. „Bisher haben wir alles geschafft“, sagt Rößle. Dafür beschäftigen ihn heute andere, weit weniger publikumswirksame Probleme: Galt eine Anstellung im Landratsamt früher als Stelle fürs Leben, hat sich die Fluktuation in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. „Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Behörden“, sagt Rößle, der als Landrat auch einer der größten Arbeitgeber im Landkreis ist. „Die Leute wechseln schneller, und auch der Druck am Arbeitsplatz ist größer geworden.“

     Das erfordere bei mehr als 700 Mitarbeitern mehr Verständnis, mehr Führung auch – und deutlich mehr Zeit. „Man lernt bis zum Schluss dazu“, sagt er, den nahenden Abschied vor Augen. Der Schreibtisch in seinem Büro ist wie immer aufgeräumt, eine saubere Übergabe an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger bereits in Arbeit und das Leben danach zumindest schon in Umrissen erkennbar.

    Mehr Zeit für die fünf Enkelkinder

    Nach 30 Jahren als Bürgermeister und Landrat will der fünffache Vater Rößle künftig nicht nur mehr Zeit für seine fünf Enkelkinder haben, sondern auch für ein Projekt, das ihm schon lange am Herzen liegt und das er als Landrat bundesweit bekannt gemacht hat. Eher zufällig kommt er bei einer Veranstaltung 2016 in Donauwörth mit dem Unternehmer Reiner Meutsch von der Stiftung „Fly & Help“ ins Gespräch, die damals schon mehr als 200 Schulen in den ärmsten Regionen der Welt gebaut hat. An jenem Abend entscheidet er sich, seinen Porsche zu verkaufen und mit dem Erlös eine Schule in Afrika zu finanzieren, genauer: in Malawi. Inzwischen hat der Verein „1000 Schulen für unsere Welt“, dessen Vorsitzender Rößle ist, mehr als 300 Schulen in Afrika, Asien und Lateinamerika gebaut, rund ein Drittel von ihnen ist allein mit Spenden aus dem Landkreis Donau-Ries finanziert.

    Grob gerechnet kostet eine dieser Einrichtungen, in denen teilweise bis zu 700 Kinder unterrichtet werden, etwa 50.000 Euro. Dafür bekommt man im Landkreis Donau-Ries genau sieben Quadratmeter Schule.

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