Bayern und Österreich sind die Ersten. In keinem anderen Bildungssystem Europas werden Kinder früher auf verschiedene Schularten aufgeteilt. Schon nach der vierten Klasse endet die Grundschule – und damit das gemeinsame Lernen für alle. Jetzt lodert eine hitzige Debatte neu auf: Kommt die Trennung zu früh?
Fest steht: So unterschiedlich die europäischen Bildungssysteme sind, jede Regierung wähnt sich auf dem richtigen Weg. Bayern und Österreich genauso wie Schweden oder Finnland, wo Schülerinnen und Schüler bis in die neunte Jahrgangsstufe in einer Gemeinschaftsschule lernen.
Bamberger Forscher begleiten tausende Schüler bis zum Abschluss
Aus Sicht der Wissenschaft ist die Sache klar. Gerade sind zwei neue Studien zu dem Schluss gekommen, dass ein längeres gemeinsames Lernen vor allem Kindern nützt, die Bildung nicht schon von ihren Eltern vermittelt bekommen. Das Chancenbarometer des Münchner ifo-Instituts belegt das ebenso wie eine Analyse des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg (Lifbi). Christoph Homuth leitet dort den Arbeitsbereich für Bildungsentscheidungen und soziale Ungleichheit. Er und sein Team haben die Schulkarrieren tausender junger Menschen nachvollzogen, manche sogar vom Säuglingsalter bis zum Ende der Schulpflicht begleitet.
„Wenn man die Studienlage zusammenfassend betrachtet, dann zeigt sich, dass Schülerinnen und Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren“, sagt Homuth unserer Redaktion. Leistungsstarke Kinder und Jugendliche – also die, die aktuell in Bayern aufs Gymnasium gehen – leiden ihm zufolge nicht darunter und leistungsschwächere ziehen einen Nutzen daraus. Wann ist aber der richtige Zeitpunkt, um Schüler zu trennen?
Das lasse sich aus der Forschung heraus nicht eindeutig beantworten, erklärt Homuth. „Bis auf einzelne Stimmen ist die Wissenschaft sich aber einig: lieber spät als früh.“
Eine dieser Stimmen ist der Mannheimer Sozialwissenschaftler Hartmut Esser. Er fordert sogar, dass Grundschulkinder nach der vierten Klasse noch strenger nach Leistung aufgeteilt werden – und dass die Eltern nicht über die Schullaufbahn mitentscheiden. So könne man verhindern, dass privilegierte Familien Schlupflöcher wie Privatschulen und Probeunterricht nutzen, um ihr Kind aufs Gymnasium zu hieven und Eltern aus niedrigeren Schichten trotz Gymnasial-Empfehlung Mittel- oder Realschule wählen. Die Mehrheit der Bildungswissenschaftler sieht darin jedoch eher keine Lösung für mehr Chancengleichheit.
Und die Regierung in Bayern? Die hat eine eigene Meinung zum längeren Zusammen-Lernen. „Wir wollen keine Einheitsschule und keine Gleichmacherei“, sagte kürzlich der fränkische CSU-Bildungspolitiker Björn Jungbauer in einer Plenardebatte im Landtag. Diskutiert wurde ein Gesetzentwurf der Grünen. Sie möchten Schulträgern ermöglichen, Gemeinschaftsschulen zu gründen. Grundschüler, die dorthin wechseln würden, könnten von der fünften bis mindestens zur neunten Klasse gemeinsam lernen. Die grüne Bildungsexpertin Gabriele Triebel betont, dass das kein Bruch mit Bayerns dreigliedrigem Schulsystem wäre.
CSU hält Gemeinschaftsschule nicht für nötig
„Ein längeres gemeinsames Lernen soll nur dort stattfinden, wo es vor Ort gewollt ist“, sagte sie im Landtag. Auf diese Weise könnten auch Schulstandorte auf dem Land erhalten bleiben, die wegen sinkender Schülerzahlen von der Schließung bedroht sind. Die CSU aber ist sich sicher, dass auch ohne Gemeinschaftsschulen jedes Kind seinen Weg findet. „Viele Lebensentwürfe zeigen das“, so Jungbauer. Ihm zufolge führen allein 13 Wege in Bayern zur Hochschulreife. Bildungsforscher Homuth stimmt der Regierung zu – mit einem großen Aber.
„Natürlich kann jemand, der auf der Mittelschule anfängt, am Ende die Mittlere Reife machen. Und zum Abitur führt nicht nur das Gymnasium. Aber auch hier ist die Forschung eindeutig: Solche Aufstiegsmöglichkeiten werden wieder vor allem von den Schülerinnen und Schülern genutzt, die von zu Hause die nötigen Ressourcen mitbringen.“
Oft kommen schwächere Schüler aus Haushalten, in denen die Eltern selbst keine hohe Bildung haben und in Armut leben. „In Familien, wo kein Elternteil da ist, der nachmittags bei den Hausaufgaben helfen kann, sind die Kinder natürlich am Ende schlechter dran als jene, die zu Hause jemanden haben, der sie unterstützt“, sagt der Forscher. In der Schule hingegen könnten alle voneinander lernen, wenn sie gemeinsam etwas erarbeiten. „Weil schwächere Schüler die starken fragen können: Kannst du mir das erklären?“
Schüler brauchen in der Gemeinschaftsschule individuelle Förderung
Wichtig sei beim längeren gemeinsamen Lernen, „dass man Kinder da abholt, wo sie leistungsmäßig stehen“, betont Homuth. Während einem schwächeren Kind das Gelernte vielleicht nochmal erklärt werden muss, kann ein stärkeres sich parallel an schwierigeren Aufgaben versuchen. Das Gute: Viele Lehrkräfte in Bayern bauen schon jetzt solche individualisierten Inhalte in ihren Unterricht ein, im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Die Staatsregierung hat überdies einen großen Trumpf auf ihrer Seite: Im bundesweiten Bildungsvergleich schneidet Bayern zusammen mit Sachsen regelmäßig am besten ab. Allerdings hat auch diese Medaille zwei Seiten: „Wir wissen aus unserer Forschung, dass die soziale Herkunft die Leistung der Schülerinnen und Schüler beeinflusst.“ Und die Zusammensetzung der bayerischen Bevölkerung sei einfach substanziell anders als etwa die von Bremen, das oft als Negativbeispiel herangezogen werde. Inwiefern?
„Bayern ist ein wohlhabendes Land, Bremen nicht“, erklärt Homuth. „Und Bremen hat im deutschen Vergleich den höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund.“ All das prägt die Leistungsrankings. Wenn man also wissen wollte, wie gut das bayerische Schulsystem im Vergleich wirklich ist, müsste man den Effekt der Herkunft und die Zusammensetzung der Bevölkerung herausrechnen. „Dann wären die Unterschiede zwischen den Bundesländern sicherlich geringer“, bilanziert der Bildungsfachmann. „Dafür könnte ich meine Hand ins Feuer legen.“
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