Alltäglich ist es sicher nicht, wenn ein Bundeskanzler zum Neujahrsempfang eines CSU-Kreisverbands kommt. Friedrich Merz (CDU) hat aber genau dies am letzten Sonntag getan: bei der CSU im oberbayerischen Miesbach. Diesem Kreisverband gehört auch Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) an.
Dass Merz vor allem wegen Aigner zu der Veranstaltung gekommen ist, liegt auf der Hand: Beide sind seit Jahrzehnten befreundet und schätzen sich sehr. Doch ging es vielleicht um mehr als einen Freundschaftsdienst? Schließlich steht in knapp einem Jahr die Wahl eines neuen Bundespräsidenten an - und Aigner wird als aussichtsreiche Kandidatin gehandelt.
Merz will eine Frau für das höchste Staatsamt – Aigner ist auch außerhalb Bayerns beliebt
Merz' Besuch in Miesbach beflügelt deshalb die Fantasie: Will der Bundeskanzler Aigner im Schloss Bellevue? Klar ist, dass die Union die Besetzung des nächsten Bundespräsidenten für sich beansprucht. Klar ist ebenfalls, dass Merz sich eine Frau auf diesem Posten wünscht. Aigner ist zudem auch jenseits Bayerns beliebt, hat als einstige Bundeslandwirtschaftsministerin Berlin-Erfahrung und genießt als entschiedene Kämpferin für die Demokratie auch in anderen Parteien viel Respekt.
Doch selbst, wenn Merz tatsächlich Aigner für das Amt will, bleiben noch Fragezeichen: So könnten die anstehenden Landtagswahlen vor allem in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz die Mehrheitsverhältnisse für die Bundespräsidenten-Wahl verschieben. Offen auch, ob CDU-Chef Merz seiner Partei eine CSU-Kandidatin schmackhaft machen könnte - zumal auch Bundesbildungsministerin Karin Prien, Ex-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer oder EU-Chefin Ursula von der Leyen (alle CDU) eigene Ambitionen nachgesagt werden.
CSU-Chef Söder wird wenig Interesse an einer Beförderung Aigners nachgesagt
Und selbst in der CSU ist die Unterstützung für Aigner alles andere als sicher: Vor allem CSU-Chef Markus Söder wird wenig Interesse an einer Beförderung Aigners nachgesagt. Denn wäre eine CSU-Politikerin Bundespräsidentin, wäre Söders Traum, doch noch Bundeskanzler zu werden, wohl endgültig ausgeträumt: Zwei CSU-Politiker in den höchsten Spitzenämtern würde die CDU wohl nie akzeptieren.
In Aigners Umfeld spielt man die Bedeutung der Merz-Visite in Miesbach ohnehin herunter: Der Kanzler sei ja am Donnerstag bei der CSU-Klausur in Kloster Seeon gewesen und habe das Wochenende im Ferienhaus seiner Ehefrau am Tegernsee verbracht. Da habe der Besuch der örtlichen CSU nahegelegen. Und Aigner selbst? Hält sich zu ihren Bundespräsidenten-Ambitionen hartnäckig bedeckt. Einen netten Satz hat sie sich dafür zurechtgelegt, den sie am Sonntag im Bayerischen Rundfunk wiederholte: „Es ist ja ein Kompliment, wenn man überhaupt in Erwägung gezogen wird.“
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