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Mittelständler Magnet-Schultz warnt in Energiepolitik vor raschem Kohleausstieg

Interview

Magnet-Schultz-Chef: „Wir werden die Klimaziele nicht einhalten können, ohne massiv zu deindustrialisieren“

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    "25 Jahre EEG – anderswo ist man mit 18 erwachsen", kritisiert Albert W. Schultz, Geschäftsführer des Unternehmens Magnet-Schultz aus Memmingen.
    "25 Jahre EEG – anderswo ist man mit 18 erwachsen", kritisiert Albert W. Schultz, Geschäftsführer des Unternehmens Magnet-Schultz aus Memmingen. Foto: Ralf Lienert

    Herr Schultz, die wirtschaftlichen Zeiten sind rau. Wie läuft es für Ihr Unternehmen, ein Spezialist, der die Autobranche genauso wie die Luftfahrt beliefert?

    ALBERT W. SCHULTZ: Aktuell wieder ordentlich, wir sind zufrieden. Wir haben zwei schwierige Jahre hinter uns, von Sommer 2023 bis Sommer 2025. Der Umsatz ist in dieser Zeit kontinuierlich nach unten gegangen. Wir mussten in den zwei Jahren circa zehn Prozent unserer Vollzeitstellen abbauen. Dies erfolgte weitestgehend sozial verträglich über natürliche Fluktuation, Ruhestand oder Frühverrentung ohne Ersatz.

    Sie haben auch einen Standort in den USA. Was läuft dort besser?

    SCHULTZ: Die USA haben einen viel stärkeren marktwirtschaftlichen Ansatz. Dort, aber auch in vielen anderen Ländern wie China, weiß man, dass Energie die Wirtschaftsgrundlage ist, ja das Lebenselixier einer jeden modernen Industrienation. Diese Länder sorgen deshalb für das nötige Angebot und sind dabei technologieoffen. In den USA zahlen wir 4,9 US-Cent pro Kilowattstunde all-in. In Deutschland liegen wir bei mehr als dem Dreifachen. Dazu können wir den Strom in den USA aus der Streckdose ziehen, wie wir ihn mengenmäßig brauchen und unsere Menschen arbeiten - eigentlich selbstverständlich.

    Ist dies in Deutschland nicht mehr der Fall?

    SCHULTZ: Dazu ein Beispiel: Die Chefin des Stahlwerks Georgsmarienhütte hat kürzlich darauf hingewiesen, dass sie von der Bundesnetzagentur wiederholt gebeten wird, ihre Produktion abzuschalten, weil nicht genug Strom da ist. Wirtschaftlich wäre das für das Stahlwerk kein Problem: Es bekäme eine staatliche Entschädigung, der Steuerzahler würde einspringen. Das finde ich – Entschuldigung – pervers. Ein Wirtschaftsunternehmen zu bezahlen, dass es trotz Nachfrage nicht produziert, das ist keine Marktwirtschaft, das ist Planwirtschaft. Energie muss zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht wird. Eine Zwangsflexibilisierung der Nachfrage wäre das Ende unseres Industriestandorts und unseres hohen Lebensstandards in Deutschland.

    Wie kommen wir da raus?

    SCHULTZ: Ich halte die Versorgungslücke für dramatisch, falls wir aus der Kohle aussteigen. Sowohl Uniper-Chef Michael Lewis als auch Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller – eher ein Treiber der Energiewende – haben kürzlich gewarnt, dass wir in eine Versorgungslücke hineinlaufen, wenn wir bis 2030 in Nordrhein-Westfalen aus der Kohle aussteigen, bevor genügend neue grundlastfähige Gaskraftwerke zur Verfügung stehen. Wir werden die Kohle weiter laufen lassen müssen, bis wir uns neue Optionen geschaffen haben. Ich bin sehr dafür, dass man neue Kernkraftwerke wie die Small Modular Reactors erforscht und als Fernziel die Kernfusion anstrebt. Aber bis erst mal genügend Gaskraftwerke gebaut werden, wird nach der Abschaltung der bestehenden AKW die Kohle die „Brücke“ sein müssen.

    Wären längere Kohle-Laufzeiten nicht der Abschied von den Klimazielen?

    SCHULTZ: Wir werden die Klimaziele nicht einhalten können, ohne in Deutschland massiv zu deindustrialisieren. Ich begrüße es sehr, dass die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Schwaben – eine der industriestärksten Kammern Deutschlands – mit großer Mehrheit unter anderem die Forderung nach einer Flexibilisierung der Klimaziele verabschiedet hat. Die Vorgabe der Klimaneutralität in der EU bis 2050 ist nicht haltbar und die Vorgabe der Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 erst recht nicht. Andere Länder der G20 geben sich einen Korridor zwischen 2050 und 2070. Unilaterale Wege im Klimaschutz sind Sackgassen zum Schaden der heimischen Wirtschaft.

    Ist dies angesichts des Klimawandels verantwortbar?

    SCHULTZ: Der Weltklimarat hat kürzlich mitgeteilt, dass das extremste Klimaszenario bis 2100 sehr unwahrscheinlich ist. Auf dieser Basis hat die EU aber Maßnahmen wie ein Verbrennerverbot initiiert und die Bundesrepublik ihr – inzwischen revidiertes – Heizungsgesetz und den Kohleausstieg. Wann reden wir darüber, ob die Weichen richtig gestellt wurden?

    Sie selbst investieren aber trotzdem in Energieeinsparung und Klimaschutz, warum?

    SCHULTZ: Ich bin kein Klimaleugner. Ich habe Kinder und will ihnen eine saubere Umwelt, aber auch eine solide wirtschaftliche Grundlage hinterlassen. Ich bin überzeugt, dass Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit hervorragend zusammenpassen. Wenn Sie ein Gebäude sanieren, rechnet sich das über Zeit. Wir lassen uns an regionale und nachhaltige Fernwärmenetze anschließen und reduzieren damit unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

    Jetzt gelten aber gerade die erneuerbaren Energien als günstig, auch Batteriespeicher fallen in den Kosten. Ist es richtig, jetzt auf die Bremse zu treten, wie es Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche macht?

    SCHULTZ: Ich bin nicht gegen Batteriespeicher, auch wenn es sich dabei um Chemieanlagen handelt, die nicht ideal für die Umwelt sind. Sie können eben leider nur wenige Stunden Strombedarf puffern und bieten keine Versorgungssicherheit. Ich bin auch nicht gegen die erneuerbaren Energien. Sie müssen sich nur marktwirtschaftlich rechnen. Ein Solarfeld, das sich von selber rechnet, soll bitte gebaut werden. Wir haben über 25 Jahre lang viele hundert Milliarden Euro in das Erneuerbare-Energien-Gesetz gesteckt. Wenn diese Technologien nicht nach 25 Jahren wettbewerbsfähig sind, dann sind es die falschen Technologien – anderswo ist man mit 18 erwachsen. Dass wir bereits das 2,5-fache der deutschen Spitzenlast von 80 Gigawatt in Photovoltaik und Wind installiert haben und bei viel Sonne und Wind entsprechend überversorgt sind, sieht man an den dann negativen Strompreisen. Katherina Reiche liegt mit ihrem Kurs richtig.

    Macht es sich Deutschland nicht zu leicht, jetzt bei den Klimazielen zurückzurudern?

    SCHULTZ: Wenn wir global wirksamen Klimaschutz betreiben wollen, müssen wir Indien und andere bevölkerungsreiche Schwellenländer unterstützen, Erneuerbare und Kernkraft anstelle von fossilen Energieträgern auszubauen.

    Die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen werden nicht leichter. Wie blicken Sie als Unternehmer in die Zukunft?

    SCHULTZ: Wir befinden uns in der wahrscheinlich schwersten Wirtschafts- und Strukturkrise seit dem Zweiten Weltkrieg, ich bin aber nicht hoffnungslos. Erstens haben wir ein gutes Bildungsniveau und die ganze Welt beneidet uns um die duale Berufsausbildung. Von unseren Hochschulen kommen hervorragende Ingenieure und Kaufleute. Des Weiteren haben wir eine gute Infrastruktur in der Region mit Anschluss auf der Straße, der Schiene und in der Luft. Und drittens sind wir eine Region mit sehr hoher Lebensqualität, der Alpenraum ist das Wunschziel vieler Menschen. Mit intelligenter Automation und kontinuierlicher Innovation getrieben von Angebot und Nachfrage haben wir beste Zukunftschancen. Nicht Subventionen und Verbote sind das deutsche Erfolgsrezept, sondern die soziale Marktwirtschaft.

    Zur Person

    Dr. Albert W. Schultz ist seit 2010 Geschäftsführer und seit 2015 CEO der Magnet-Schultz GmbH in Memmingen. Im Ehrenamt ist der Hochschulratsvorsitzender der Hochschule Kempten und stellvertretender Vorsitzender von Aufsichtsrat und Beirat der Flughafen Memmingen GmbH beziehungsweise der Allgäu Airport GmbH & Co. KG. Seit 2013 gehört er zur Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Schwaben.

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