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Nach Besucherrekord im Deutschen Museum im Jubiläumsjahr: Was ist das Erfolgsrezept?

München

Besucherrekord im Jubiläumsjahr: Was ist das Erfolgsrezept des Deutschen Museums?

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    Das deutsche Museum begeistert Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Auch Henry Kammerer mit seinen Töchtern Sandra und Mona (rechts oben) kommt immer wieder gern her.
    Das deutsche Museum begeistert Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Auch Henry Kammerer mit seinen Töchtern Sandra und Mona (rechts oben) kommt immer wieder gern her. Foto: Sina-Lara Nachtrub / Hubert Czech, Deutsches Museum

    Um 12 Uhr ist es endlich soweit. Dicht gedrängt stehen dutzende Kinder vor der Absperrung, die Nasen plattgedrückt an der Glasscheibe, die Münder halb offen vor Erwartung. Man könnte meinen, hier wird gleich die neue Nintendo Switch vorgestellt, doch stattdessen setzt sich eine Modelleisenbahn in Bewegung. Zischend und ruckelnd fährt sie vorbei an den weißen Häuschen einer fiktiven unterfränkischen Stadt.

    Für den achtjährigen Bruno ist dieser Moment der Höhepunkt des Tages. Er findet „alles, was fährt“ toll – deswegen gehe er auch so gern ins Deutsche Museum. Damit ist er nicht allein: Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum am 7. Mai 2025 stellte das Haus im vergangenen Jahr einen neuen Besucherrekord auf, Generationen von Kindern wurden hier an die Wunder von Natur und Technik herangeführt. Wie aber schafft es ein Museum in Zeiten von Smartphone und Streaming noch immer, so viele Kinder zu begeistern?

    Nur Exponate anschauen und bloß nichts anfassen? Nicht im Deutschen Museum

    Ein paar Stunden zuvor, an einem grauen Februarmorgen, laufen Pendler in dunklen Mänteln schweigend zur Tram-Haltestelle an der Isar. Es riecht nach nassem Asphalt, Atemwolken stehen in der kalten Luft. Eine orange Mütze jedoch hüpft ungeduldig auf und ab. Darunter steckt Bruno. Als er den Schriftzug „Deutsches Museum“ entdeckt, quietscht er vor Freude. Unter dem Namen prangt noch die Jubiläumszahl 100, zusammengesetzt aus bunten Quadraten mit Abbildungen der 125.000 Objekte der Sammlung. Das älteste Exponat ist 3,7 Milliarden Jahre altes Mondgestein; das längste ein Foucaultsches Pendel mit 60 Metern Faden, das die Erdrotation beweist; das größte das 100 Tonnen schwere U-Boot „U1“.

    Das alles interessiert Bruno zunächst wenig. Für ihn und seine Oma Barbara Punkenburg geht es direkt in einen Zwischenraum im Erdgeschoss zu seiner geliebten Modelleisenbahn. Dort wartet allerdings direkt eine Enttäuschung: Die große Vorführung, die sonst wohl um 11 Uhr beginnt, startet heute erst um 12 Uhr. Also beschließt seine Oma, die Zeit zu nutzen und erst einmal andere Bereiche des Museums zu erkunden. Widerwillig trottet der Achtjährige hinterher. Doch als er plötzlich eine schwingende Hängebrücke aus Glas entdeckt, ist die schlechte Laune schnell vergessen – und Bruno flitzt los.

    Museum, das bedeutet doch Tafeln lesen, Exponate betrachten, bloß nichts anfassen. Im Deutschen Museum ist das selten der Fall. Sogar im theoretisch klingenden Bereich „Brücken- und Wasserbau“ können Kinder die Statik von Brücken mit Klötzchen erfahren, Wasserkraft simulieren oder eben auch mal über die gläserne Brücke rennen. Chlorgeruch sticht in die Nase, als Punkenburg ihren Enkel einholt und er mit aller Kraft an den Rädern des Wasserrads dreht. Weitere Kinder kommen hinzu und bestaunen das schäumende Wasser. „Da würde ich lieber nicht drin baden“, sagt Bruno mit einem schelmischen Grinsen, putzt sich die Hände an der Hose ab und rennt weiter.

    Ein Museum „irgendwo zwischen Volksbildungsstätte und Oktoberfest“

    Informationstafeln lässt er hinter sich, auch Videos interessieren ihn nur einige Sekunden – doch jedes Knöpfchen, jedes Rädchen, jedes Bauwerk, an dem er Hand anlegen kann, wird direkt gedrückt und gedreht. „Oma, guck mal!“, ruft er immer wieder. Bauklötze, Wasserräder – ein bisschen sieht es nach Spielplatz mit Bildungsauftrag aus. Seine Oma lächelt. „Das Deutsche Museum ist wirklich einzigartig. Es ist diese Vielfalt, da ist einfach für jeden etwas dabei. Auch Bruno wäre am liebsten den ganzen Tag hier“, erzählt Punkenburg.

    Diese Erlebbarkeit sei tatsächlich eines der Kernelemente des Deutschen Museums, erklärt Gerrit Faust, Leiter der Stabsstelle Kommunikation. „Lesen ist für die meisten Menschen Arbeit“, sagt er. Für die Informationstafeln gebe es sogar ein eigenes Team, das Übersetzungen von „wissenschaftlich“ zu „deutsch“ erstellt und die komplexen Themen möglichst kurz und verständlich erklärt.

    Gleichzeitig bleibe für das Museum Authentizität entscheidend. Auch die Modelleisenbahn sei kein „Miniaturwunderland“, sondern entspreche dem tatsächlichen Bahnbetrieb im Maßstab 1:87. „Irgendwo zwischen Volksbildungsstätte und Oktoberfest“, das habe sich der Gründer Oskar von Miller für sein Museum gewünscht, erklärt Faust. Für den Ingenieur war das Haus, diese „Kathedrale für Erfinder“, wie er es genannt haben soll, sein Lebenswerk. 1925 bezog es den heutigen Standort auf der Museumsinsel, zur Eröffnung gab es einen Festzug, Kinder hatten schulfrei. 2025 feierte das Museum wieder ein Fest zum Jubiläum mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, nach eigener Aussage großer Fan des Deutschen Museums.

    Knapp 1,7 Millionen Menschen besuchten 2025 die Standorte des Deutschen Museums

    Die Aufmerksamkeit durch die Feier habe auch ihren Anteil daran gehabt, dass das Museum im vergangenen Jahr seinen Besucherrekord von vor knapp 50 Jahren knacken konnte, vermutet Faust. Fast 1,7 Millionen Menschen besuchten die Standorte des Deutschen Museums in Oberschleißheim, Nürnberg, Bonn und München, 1,2 Millionen allein das Stammhaus. Der bisherige Rekord stammt aus dem Jahr 1978 – damals kamen knapp 1,6 Millionen Gäste.

    An einem einzelnen Ferientag strömten schon mal bis zu 7000 Menschen durch die Gänge. „Ab 6500 wird es eng“, weiß Faust. Auch an diesem Vormittag wächst die Schlange an der Garderobe, der Kinderwagen-Parkplatz füllt sich.

    Henry Kammerer mit seinen beiden Töchtern Sandra (links) und Mona. Sie haben gerade ein Chemie-Experiment durchgeführt.
    Henry Kammerer mit seinen beiden Töchtern Sandra (links) und Mona. Sie haben gerade ein Chemie-Experiment durchgeführt. Foto: Sina-Lara Nachtrub

    Ein Stockwerk höher liest Henry Kammerer seinen beiden Töchtern gerade die Anweisungen des Chemie-Experiments vor. Zwei Reagenzgläser, destilliertes Wasser, Salz und Zucker. Die Mädchen schütten, rühren, messen. Schnell wird klar: Zuckerwasser leitet keinen Strom, Salzwasser schon. „Bei Salz wandern die Elektronen“, erklärt der Vater. Die Töchter nicken höflich. Nun gut, das Experiment hat vielleicht nicht ganz überzeugt, was sagen sie denn sonst zum Museum? „Ich finde es schon sehr cool, besonders Eisenbahn, Roboter und dieses lange Pendel“, sagt Sandra. „Ich mag es, hier selbst Sachen auszuprobieren.“

    Was wird aus dem Faradayschen Käfig und dem Bergwerk im Deutschen Museum?

    Kammerer kommt seit Jahren immer wieder gern her. Seine Kindheitserinnerung ans Museum? „Das Bergwerk und der Faradaysche Käfig“, antwortet er wie aus der Pistole geschossen. Viele Besucher suchten diese Exponate, bestätigt Faust – derzeit allerdings vergeblich. Seit 2015 wird das Museum modernisiert, 2022 öffnete der erste renovierte Teil, die zweite Hälfte ist aber noch gesperrt. Die Hochspannungsanlage, wie der Faradaysche Käfig offiziell heißt, wird im neuen Gebäudeteil, der 2028 eröffnen soll, rundum erneuert zurückkehren. „Da hätte heute jeder TÜV einen Herzinfarkt bekommen“, sagt Faust schmunzelnd über die frühere Konstruktion.

    Beim Bergwerk, eine Ausstellung mit realistisch beengter Bergwerkatmosphäre, sei die Situation etwas schwieriger. „Brandschutztechnisch war das Bergwerk ein Albtraum“, sagt Faust. So bleiben konnte es auf keinen Fall, für ein neues Bergwerk fehle aber bisher die Finanzierung. Insgesamt soll die Renovierung 750 Millionen Euro kosten. „Wir vom Museum würden uns ein neues Bergwerk sehr wünschen“, sagt Faust. Wichtig sei es, aktuelle Entwicklungen wie den Abbau von Seltenen Erden oder Umwelteinflüsse einzubeziehen, auch wenn sich viele ein Bergwerk genau wie früher wünschen würden. „Wir wollen kein Museum unserer selbst werden“, erklärt der Museumsmitarbeiter.

    Bei der Chemie-Vorführung gibt es „Instant-Bier“ und „Glühwürmchenextrakt“

    Zurück in die Chemieabteilung. Für Sandra, Mona und Henry steht jetzt ein weiteres Highlight bevor, auf das sie schon gewartet hatten: die Chemie-Vorführung. Während vielen im Unterricht früher die Augen schwer wurden, gehen im Hörsaal des Deutschen Museums bei jeder Frage blitzschnell gleich mehrere Hände nach oben – auch die der Erwachsenen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Ilka Schmitt erklärt Redox-Reaktionen, Säure-Basen-Regulatoren, kaltes Leuchten und macht daraus „Instant-Bier“, „Glühwürmchenextrakt“ und Feuer mit einer giftig-grünen Flamme. Es zischt, stinkt und leuchtet, nicht nur einmal gibt es Applaus. Für solch spektakuläre Experimente fehle in der Schule oft die Zeit, weiß Schmitt. Hier hätten sie andere Möglichkeiten, Wissenschaft näherzubringen – wobei es auch bei ihnen mal gelangweilte kleine Besucher gebe.

    Bei der Chemie-Vorführung demonstriert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Ilka Schmitt eine fluoreszierende Flüssigkeit.
    Bei der Chemie-Vorführung demonstriert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Ilka Schmitt eine fluoreszierende Flüssigkeit. Foto: Sina-Lara Nachtrub

    An den Experimentiertischen tüftelt inzwischen der zehnjährige Carsten mit seinem Bruder und einer Freundin – eigentlich gefalle ihm aber eine andere Abteilung viel besser. „Mir gefällt die Robotik, weil man da Sachen sieht, die man in der Zukunft benutzen kann“, erzählt er begeistert. „Museumsmenschen sprechen da gern von der Aura des Originals“, sagt Faust. Ein echtes Objekt, ein historisches Flugzeug oder eine Maschine zum Anfassen, hinterließen einen anderen Eindruck als ein Bildschirm. Museen genössen weiterhin großes Vertrauen. „Wir zeigen Möglichkeiten auf“, sagt er. Urteilen müsse jeder persönlich.

    Die Robotik-Abteilung scheint eine der Lieblingsabteilungen der Kinder zu sein. Auch der achtjährige Michel ist völlig hingerissen. „Ich liebe Technik“, sagt er inbrünstig. Mit seiner Familie ist er in den Ferien von Thüringen nach Bayern gefahren, das Schlechtwetterprogramm im Urlaub: das Deutsche Museum. Papa Dirk Wiegleb wirkt auch nach einem halben Tag in den Ausstellungen mit zwei Kindern noch ganz entspannt – und ist selbst erstaunt darüber, wie gut der Nachwuchs durchhält.

    Wie haben sich Kinder in den vergangenen Jahren verändert?

    Haben sich die Kinder verändert in den vergangenen Jahren? „Sie sind stärker geworden“, ist sich Faust sicher. Auf alten Aufnahmen hätten sie auch braver gewirkt, wenn sie in Schuluniformen still zuhörten. Ob da mehr hängengeblieben sei, das sei eine andere Frage. Eindeutig sei aber, dass man Hebel und Knöpfe inzwischen öfter tauschen müsse. „Es ist gar nicht so einfach, Knöpfe zu bauen, die halten, wenn 1000 Mal am Tag gedrückt wird“, sagt Faust.

    Dem achtjährigen Michel und seinem Papa Dirk Wiegleb gefällt es in der Robotik-Abteilung besonders gut.
    Dem achtjährigen Michel und seinem Papa Dirk Wiegleb gefällt es in der Robotik-Abteilung besonders gut. Foto: Sina-Lara Nachtrub

    Zum Schluss geht es noch einmal zurück zur Modelleisenbahn. Hier versteckt sich auch eines der liebsten Details von Gerrit Faust. Ein einzelnes Lieblingsexponat kann er zwar nicht benennen – er nennt ein historisches Flugzeug, einen alten Tresor, eine Druckmaschine oder gleich die gesamte Raumfahrtabteilung. Doch ein besonderes Highlight ziehe sich durch das ganze Haus: In Dioramen, also den nachgebauten Landschaften, sind überall kleine Figuren versteckt. Vor allem die tierischen haben es ihm angetan – etwa eine winzige Katze, die auf einem der Häuschen der Modelleisenbahn sitzt und geduldig auf die nächste Zugdurchfahrt wartet.

    Wer genauer hinsieht, wird belohnt. Und wer noch mehr entdecken will, sollte sich in der Luftfahrt-Halle vor Amundsens Nordpolexpedition einmal auf die unscheinbare Stufe stellen. „Und, bekommen Sie Lust, das selbst auszuprobieren?“ Genau das sei das Erfolgsrezept des Deutschen Museums, sagt Faust: Das Spielerische dürfe nicht vernachlässigt werden. „Wie Miller sagen würde: Man darf den Aspekt mit dem Oktoberfest nicht vergessen.“

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