Man nehme eine talentierte, aber schüchtern-schrullige Musikstudentin. Dazu einen gutaussehenden Hockeyspieler mit Waschbrettbauch. Einmal kräftig umrühren mit den altbekannten Zutaten „Er-braucht-Nachhilfe“ und „Sie-will-ihren-Schwarm-eifersüchtig-machen“ – und fertig ist die nächste austauschbare Liebesgeschichte. Oder?
Genau so wirkt die Amazon-Prime-Serie „Off Campus“ auf den ersten Blick. Und trotzdem zieht sie seit etwa drei Wochen weltweit Tausende in ihren Bann: In 49 Ländern kletterte sie auf Platz 1 der Streaming-Charts, die Buchreihe wird dazu stapelweise in Buchhandlungen verkauft (wenn noch Exemplare zu haben sind) – und ganz nebenbei tauchen plötzlich alte Songs von Elton John und Jennifer Lopez wieder in den Charts auf, die in der Serie zu hören waren. Warum also dieser Wirbel um „Off Campus“, eine Serie, die vordergründig oberflächlich klingt? Zumal das Genre schon jüngst seinen Eisflächen-Moment hatte: Die Serie „Heated Rivalry“ sorgte Anfang des Jahres mit der queeren Liebesgeschichte zweier Rivalen für Gesprächsstoff. Jetzt also „Off Campus“ – wieder Liebe auf Kufen, nur hetero?
Hype um „Off Campus“: Serie setzt trotz alter Klischees Maßstäbe neu
Auf den ersten Blick wirkt „Off Campus“ wie das klassische 2000er-Jahre-Klischee, das man schon dutzendfach gesehen hat: Hauptperson Hannah willigt ein, Star-Eishockey-Spieler Garrett Nachhilfe zu geben, und im Gegenzug macht er Hannahs Schwarm Justin eifersüchtig. Ja, das bedeutet auch: Garrett ist regelmäßig oberkörperfrei und in grauer Jogginghose zu sehen und erfüllt ziemlich exakt das, was solche Geschichten traditionell versprechen.
Doch so sehr der Kern der Serie ein Klischee ist, so sehr ist die sonstige Abkehr davon ihre größte Stärke. Anstatt das Publikum ewig lang mit dem „Werden sie, werden sie nicht?“ hinzuhalten, ist in „Off Campus“ von Anfang an klar, dass die beiden Hauptpersonen füreinander bestimmt sind. Natürlich gibt es Drama. Es gibt Missverständnisse, verpasste Gelegenheiten und andere Liebesbeziehungen. Aber es besteht keine Gefahr der künstlichen Katastrophe. Stattdessen setzt „Off Campus“ auf ungewohnt erwachsenes Verhalten: Die Figuren reden über ihre Gefühle, gehen zur Therapie und ihre Freundschaften sind genauso wichtig wie ihre romantischen Beziehungen.
Charakter mit Tiefe: Männern wird mehr zugetraut
Besonders erfrischend ist, dass in dieser Serie Männern endlich etwas zugetraut wird: nämlich, dass sie voll funktionsfähige Mitglieder der Gesellschaft sein können – emotional, sozial und auch im Bett. Garrett spricht mit seinen Teamkollegen über seine Gefühle, holt sich von Männerheld Dean Tipps, wie er Hannah zum Orgasmus verhelfen kann, und er rastet – aller Romcom-Erwartungen entgegen – nicht aus, als Hannah sein wichtiges Spiel verpasst. Keine Kontrollnummer, keine Eifersuchts-Explosion, lediglich ein: „Bitte schreib mir nächstes Mal, ich habe mir Sorgen gemacht.“ Das ist, gemessen an dem, was romantische Komödien jahrzehntelang als „normal“ verkauft haben, fast revolutionär.
Aber es sind nicht nur die äußerst attraktiven Männer, die Consent und den weiblichen Höhepunkt ernst nehmen, die das Ganze zu einem Erlebnis machen. Der eigentliche Unterschied liegt tiefer: Diese Serie behandelt Beziehungen wie etwas, das man lernt und pflegt – nicht wie ein Spiel, das man gewinnt. Sie setzt damit neue Maßstäbe für das Genre, weil sie Romantik nicht länger mit toxischem Verhalten verwechselt. Sex und Nähe werden nicht als Eroberung oder Trophäe erzählt, sondern als Kommunikation. Als etwas, das auf gegenseitigem Spaß, Sicherheit und Aufmerksamkeit basiert. Genau diese Abkehr von den ausgelutschten Schnulzen ist die eigentliche Stärke der Sendung und macht aus der vermeintlich austauschbaren Campus-Romanze einen globalen Serien-Hit.
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