Pro: Wenn jede Szene zum Gipfel führt – wo geht’s dann bitte zur Spitze der Spannung?
Wohin man blickt und klickt – nur Höhepunkte, auf allen Kanälen! Also: Orgasmen. Verschärfte Sexszenen gehören gerade zum Standard in neuen Serien und Filmen, samt Gestöhn, Schweiß und Pobackenballett. „Wuthering Heights“: Hochattraktive Hollywoodstars, höchsterregt im Hochmoor. „Bridgerton“: Lord und Zofe klettern im Treppenhaus zum Höhepunkt. „Heated Rivalry“: Zwei muskelbepackte Eishockeyspieler definieren den Body Check ganz neu. Na? Fühlen Sie sich schon vom Lesen erotisch erschöpft? Verständlich. Denn wenn jede Szene zum Gipfel führt – wo geht’s dann bitte noch zur Spitze der Spannung?
Ob blumig nach Pilcher-Art oder vogelwild, Sexszenen sind Momente der Intensität, sie zeigen Körper in einem gewissen Ausnahmezustand. Und sie wirken umso stärker, wenn die Regie das Knistern nicht nur auf Maximum hochbrutzelt, sondern damit spielt, pegelt und am Dimmer dreht. Stattdessen?
Hält die Kamera pausenlos drauf auf die Haut. In dermatologischer Nahaufnahme. Schön! Nur treibt dabei keine Minute den Plot, das Drama, die Figurenentwicklung voran. Dauer-Knickknack in Hochfrequenz, signalrote Wangen im Kinosessel. Und welches Bild von Sex wird hier gefeiert? Ein Bild zwischen Schönheitskonkurrenz und Leistungsturnen. Nur normsexy Gestalten, sportliche Kurven nach idealer Berechnung. Und wenn die Kamera doch einmal auf anders gebaute Körper zoomt, dann oft wie zum karitativen Lerneffekt – seht! Auch Menschen runderer Bauart haben Spaß! Aha ...
Spätestens, wenn Ihnen die Gesäßmuskulatur der gesamten „Bridgerton“-Besetzung vertrauter scheint im Anblick als die Rückansicht Ihres Gatten, dann lief über den Sender ein Höhepunkt zu viel. (Veronika Lintner)
Contra: Gewalt wird brutal dargestellt, Sex ausgeblendet und romantisiert. Warum?
Sie sitzen im Auto. Wo darf es hingehen? Zu den Sternen, flüstert Rose und zieht Jack zu sich auf die Rückbank. Sie schauen sich in die Augen, küssen sich. „Nervös?“, fragt Jack. „Nein“, sagt Rose. Sie liegt unten, er oben. Schnitt. Beschlagene Scheibe, ein schweißnasser Handabdruck und … Schnitt. War das jetzt der Höhepunkt? Eine Sexszene ohne Sex? Da kollidieren Kitsch und Prüderie, bevor die Titanic den Eisberg schrammt.
Kann ja ganz nett sein, wenn die erotische Szene im Kopf weiterläuft. Spannender aber ist es, wenn körperliche Intimität im Film gezeigt wird und über Missionarsstellung und Bettdeckenrascheln hinausgeht. Über Sexszenen können Machstrukturen und Moralvorstellungen hinterfragt und Themen wie Begehren, Abhängigkeit und Identität verhandelt werden. Sie verraten mehr über die Beziehung zwischen den Figuren, den Blick des Regisseurs oder der Regisseurin und gesellschaftliche Vorstellungen von Sexualität.
Gewalt wird im Film oft drastisch dargestellt, Sex ausgeblendet, romantisiert und mystifiziert. Warum? Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Lebens. Das Kino kann mitgestalten, wie sie wahrgenommen und ausgelebt wird. Im Film lässt sich Erotik diverser gestalten und mit vermeintlichen Tabus brechen. Besser bietet das Kino gut überlegte und inszenierte Sexszenen als das Feld der Pornoindustrie zu überlassen.
Von queerem Sex („Brokeback Mountain“) über Hochglanz-Erotik („Wuthering Heights“) bis zu sexueller Nachhilfe („Sex Education“) und Einsteigerkursen im Kinky Sex („Babygirl“), Sexualität sollte in all ihren Facetten gezeigt werden. Das muss nicht jedem gefallen, aber es kann helfen, sich selbst zu verorten und vielleicht auch im realen Leben über Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen. Also lieber mal mehr Sex und weniger Gewalt. (Felicitas Lachmayr)
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