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Neues Wehrdienst-Gesetz 2025: Das sagen die jungen Männer

Schätzungen gehen davon aus, dass pro Jahrgang 300.000 junge Männer gemustert werden.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa
Lesetipp

Im Kinderzimmer über die Kaserne reden: Wie sich junge Männer auf den Wehrdienst einstellen

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    Die Generation 2008 kam in unruhigen Zeiten zur Welt. Hineingeboren in eine Finanzkrise. Aufgewachsen, als Terroristen in Europa Konzertgäste töteten. Die erste heimliche Zigarette im Schatten einer Pandemie geraucht. Die Schulbank gedrückt, während Putins Truppen die Ukraine verwüsten, Donald Trump sich durch die Weltpolitik pöbelt und Europa sich neu organisiert. Und jetzt, kurz bevor es so richtig losgeht mit dem Leben, bittet Deutschland sie zur Landesverteidigung.

    Alle jungen Männer und Frauen ab Geburtsjahrgang 2008 werden vom nächsten Jahr an einen Fragebogen zur Person erhalten, der auch die Motivation zum Wehrdienst abfragt. Männer müssen, Frauen können diesen beantworten, denn für Frauen sieht das Grundgesetz keine Wehrpflicht vor. Für alle Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren wurden, soll dann die Musterung wieder zur Pflicht werden. Praktisch wird sie aber erst später greifen. So sieht es das am Freitag vom Bundestag beschlossene Gesetz vor. Die Regierung hofft, dass sich dann genügend junge Menschen freiwillig zum Wehrdienst melden.

    Schülerinitiative ruft zum Streik gegen den Wehrdienst auf

    Reaktionen auf die Pläne ließen nicht lange auf sich warten. „Was ist eigentlich mit unserem Recht, in Frieden zu leben und selbst zu entscheiden, wie wir unser Leben führen wollen?“, rief die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ am Freitag bundesweit zum Streik auf. Auch in Augsburg und München gab es Kundgebungen. Doch wie sehen die krisengebeutelten 2008er selbst, dass ihr Jahrgang möglicherweise als erster wieder zu einem Wehrdienst eingezogen werden könnte?

    Zu dieser Generation gehören Antonio Ferreira Barrozo aus Rimpar bei Würzburg und Ayush Yadav aus Germering bei München. Man erreicht sie per Videoanruf in ihren Kinderzimmern. Dort, wo auch die Wehrpflicht demnächst hineinwirken wird. Ayush Yadav, gerade 17 geworden, schwarze Locken, runde Brille, hat seine Generation schon auf Bundesebene vertreten. Das Amt als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz hat er kürzlich abgelegt. Jetzt vertritt er die Gymnasien in Bayern. Wenn er über den Wehrdienst nachdenkt, denkt er nicht nur über sich nach, sondern über seine ganze Generation.

    Der neue Wehrdienst: „Man muss in die Jugend investieren“

    Denn Ayush Yadav sieht da oft Unterschiede zwischen sich und seiner Generation, wie er erzählt. In seiner Schulzeit habe er viele Privilegien genossen, sagt er. Guter Unterricht, modernes Schulgebäude, verantwortungsvolle Lehrkräfte. Schule über die Frontalbelehrung hinaus. Im Politikunterricht haben sie sich im Raum verteilt, je nachdem, welche Meinung sie zur Wehrpflicht vertreten. Ayush und seine Familie sind vor beinahe fünf Jahren aus Indien nach Deutschland migriert, gerade wartet er darauf, dass ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt wird. Dann kann er sich durchaus vorstellen, sich freiwillig beim Bund zu melden. In seiner Position möchte er als junger Mensch was zurückgeben, sagt er. 

    Aber das gelte eben nicht für alle 2008er in Deutschland, sagt Ayush und schaut ernst in die Kamera. „Ich weiß von Schulen, wo man nicht aufs Klo gehen kann, weil das dauerhaft defekt ist. Viele Gebäude sind marode und es gibt Lehrermangel. Die Bildung ist vielerorts schlecht.“ Obendrauf die Erfahrungen, die Jugendliche in der Pandemie gemacht haben: „Wir waren isoliert. Deswegen haben unsere mentalen und sozialen Kompetenzen gelitten.“ Heute habe ein Drittel der Jugendlichen mit psychischen Problemen zu kämpfen. Und dann häufe der Bund auch noch Schulden an, die die nächste Generation, seine Generation, abarbeiten müsse.

    Ayush Yadav findet: Wenn der Staat jungen Menschen ein gutes Leben und eine gute Bildung bietet, würden sich mehr Freiwillige für die Bundeswehr finden.
    Ayush Yadav findet: Wenn der Staat jungen Menschen ein gutes Leben und eine gute Bildung bietet, würden sich mehr Freiwillige für die Bundeswehr finden. Foto: Ayush Yadav

    Von den Jugendlichen werde viel gefordert, ohne sie zu fördern, sagt Ayush. Wenn die Wehrpflicht dazukäme, sei das eine weitere Überforderung. Ayush will das Thema Wehrdienst deshalb von der anderen Seite angehen: „Wenn man in die Jugend investiert, in ihre Bildung und ihre mentalen Kompetenzen, würden sich genug Freiwillige finden, um die Armee aufzustocken.“ Haben junge Menschen ein gutes Leben und eine gute Bildung, ist sich Ayush sicher, werden sie sich melden. „Weil sie dann wissen, dass es ein System und einen Staat gibt, den es wert ist zu schützen.“

    Im Dezember wird über den neuen Gesetzentwurf abgestimmt und ab Januar soll es losgehen. Das Ziel lautet: In den kommenden Jahren soll die Zahl der Wehrdienstleistenden jedes Jahr ansteigen – von derzeit rund 15.000 auf 40.000 pro Jahr ab 2031. Der neue Wehrdienst soll mindestens sechs Monate dauern. Aber wo sollen die Musterungen stattfinden? Noch gibt das Militär zwar keine Informationen dazu heraus. Doch man hört von Überlegungen, dass das Münchner Karrierecenter der Bundeswehr einer dieser Orte sein könnte.

    Wo sollen die Jungen für den Wehrdienst gemustert werden?

    Das Gelände, auf dem in Bayern Heereslaufbahnen beginnen oder enden, bevor sie überhaupt angefangen haben, liegt in der Nähe des Olympiaparks. Die Deutschlandflagge an der Einfahrt hängt schwer an ihrem Mast, sieht aus wie eingefroren. Die Soldaten, die an diesem Vormittag hier etwas zu erledigen haben, tragen Mützen und dicke Jacken in Flecktarn gegen die Kälte. Wenige sind es. Doch das könnte sich bald ändern, wenn die flächendeckende Musterung zurückkehrt. In der Mitte des Areals steht es, das Karrierecenter, ein Gebäude mit viel Glas und zwei schroff-modernen Eingangsportalen. Ein bisschen sieht es aus wie eine dieser Kirchen aus der Nachkriegszeit, die gerade nach und nach profaniert werden. Nur, dass das Karrierecenter im Gegensatz zu jenen bald viel mehr Zulauf haben könnte.

    Bislang ist es die Aufgabe der über Deutschland verteilten 15 Zentren, für die Ausbildung bei der Bundeswehr zu werben, Beratungsgespräche zu führen – und auch zu prüfen, ob potenzielle Bewerber die Einstellungskriterien erfüllen. Einen Besuch im Inneren lehnt die Bundeswehr aus Kapazitätsgründen ab.

    An den Eingangstüren zu allen Gebäuden leuchtet ein rotes Schild. Es informiert über die aktuelle Gefährdungsstufe am Standort: ALPHA – die niedrigste der vier Stufen ALPHA, BRAVO, CHARLIE und DELTA. Die Lage ist an allen deutschen Militärstandorten so. ALPHA, das heißt: Es herrscht keine konkrete Bedrohung, aber es gibt Hinweise, dass sich das ändern könnte. Der Angriff Putins auf die Ukraine hat die Sicherheitslage verschärft.

    Die gesundheitlichen Eignungstests sollen 2026 schrittweise beginnen. Nicht mit ganzen Jahrgängen, denn es fehlt Personal, es fehlen Kasernen, es fehlen Orte zur Musterung. Erst sollen aus dem Jahrgang 2008 diejenigen getestet werden, die in den Fragebögen der Bundeswehr schon Interesse am freiwilligen Dienst signalisiert haben. Sind dann noch Plätze frei, beginnt man, weitere junge Männer zu mustern. Erst ab Mitte 2027 sollen alle jungen Männer eines Jahrgangs verpflichtend zur Musterung.

    Der Bund plant mehr Strukturen für den neuen Wehrdienst

    Doch es gibt ein logistisches Problem. Als die Wehrpflicht im April 2011 ausgesetzt wurde, hat man die Kreiswehrersatzämter aufgelöst, in denen Generationen junger Männer den Medizincheck erlebt hatten. In denen Größe und Gewicht, Herz- und Lungenfunktion, fast jeder Teil des Körpers vermessen wurde. Über 50 solcher Ämter hatte es gegeben, längst werden sie anders genutzt. In Kempten ist darin heute ein Software-Unternehmen angesiedelt. Das Augsburger Amt im Bismarckviertel wurde zu einem schicken Backsteinbau mit mehr als 40 Wohnungen, in Würzburg sind dort städtische Einrichtungen untergebracht.

    Für die Musterung und die sogenannten Assessments, also die Einstellungstests, sollen neue, moderne Strukturen aufgebaut werden. Das sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Anfrage unserer Redaktion. Die Rede ist von 24 Zentren über Deutschland verteilt, wohl vor allem in Innenstädten. Damit die künftigen Soldaten alle ein Bett in einer Kaserne finden, will Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) 270 neue Kompaniegebäude bauen lassen – in Modulbauweise auf den bestehenden Liegenschaften der Bundeswehr. Möglich wären etwa der ehemalige Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck und Teile des Flughafens Tegel in Berlin. Außerdem wird die Umwandlung von 187 ehemaligen militärischen Liegenschaften in zivile Grundstücke vorerst auf Eis gelegt.

     „Ich glaube, der jungen Generation tut Disziplin ganz gut.“

    Antonio Ferreira Barrozo, Schüler

    Anderswo probt die Bundeswehr schon den Ernstfall. Im fränkischen Veitshöchheim zum Beispiel, wo die 10. Panzerdivision stationiert ist. Erst vor ein paar Wochen trainierte sie für einen möglichen Einsatz an der Nato-Ostflanke. Gar nicht so weit entfernt von den Panzern lebt Antonio Ferreira Barrozo. Auch er schaut aus seinem Kinderzimmer in die Kamera. Auch er ein Lockenkopf, auch er politisch aktiv. Anders als Ayush Yadav in Germering aber engagiert sich der 16-Jährige bei der Jungen Union. Für ihn bietet der Wehrdienst eine vielversprechende Perspektive. In seiner zweiten Heimat Brasilien müssten alle Männer sich melden, sich zu befreien sei da schwer. Sein Onkel hat gedient und dem Neffen gesagt: Geh hin, du wirst erwachsen und lernst Selbstständigkeit, das hilft dir im beruflichen Weiterkommen. Antonio hat also eine Nacht darüber geschlafen.

    Antonio Ferreira Barrozo kann sich auch vorstellen, bei der Bundeswehr Karriere zu machen.
    Antonio Ferreira Barrozo kann sich auch vorstellen, bei der Bundeswehr Karriere zu machen. Foto: Antonio Ferreira Barrozo

    Heute hat er sich fest vorgenommen, hinzugehen, wenn er für tauglich befunden wird. Gerade besucht der Zehntklässler die Realschule in Würzburg. Er möchte später Wirtschaftswissenschaften studieren, Lehrer werden. Ein anderer denkbarer Weg wäre für ihn, in der Bundeswehr Karriere zu machen. Er sagt: „Die Bundeswehr ist ein sicherer Arbeitgeber. Wenn ich will, kann ich da bleiben.“ Und: „Ich glaube, der jungen Generation tut Disziplin ganz gut.“ Er lächelt. „Man kann es ja ausprobieren.“

    Über eine Aussicht sind sich beide jungen Männer einig, Antonio Ferreira Barrozo in Franken und Ayush Yadav in Oberbayern: Ein Losverfahren, das wollen sie nicht. Finden sich nämlich nicht genug Freiwillige, könnte es eine „Bedarfswehrpflicht“ geben, für die es aber noch keine gesetzliche Regelung gibt. Das Parlament müsste darüber abstimmen. Letzten Endes könnten Rekruten über ein Losverfahren ausgewählt werden. Ayush nennt das ungerecht. Antonio sagt: „Dann werden Menschen ausgewählt, die vielleicht nicht so fit und sportlich sind wie andere, die dann nicht ausgewählt werden. Dann schon lieber alle verpflichten und Zivildienst, wenn einer nicht will.“ Beide meinen: Die Entscheidung für oder gegen den Dienst an der Waffe sollte bei den jungen Männern liegen. Nicht im Lostopf.

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