Die Wiesn wandelt sich nur sanft. Hier ein neues Fahrgeschäft, dort eine vegetarische Speise mehr. Das gefällt, denn die Wiesn ist ein Ort für Nostalgie. Zu „Fürstenfeld“ auf der Bierbank zu stampfen, bedient immer ähnliche Gefühle. Der Nachteil: Weil so viele Fans an den Klassikern hängen, konnte sich die Wiesn-Gemeinschaft in den vergangenen Jahren auf keinen neuen Wiesnhit einigen.
Dieses Jahr nimmt die Stadt München die Sache deshalb selbst in die Hand. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft rief einen Musikwettbewerb ins Leben: „A Liad für d’Wiesn“. Und kurz vor Eröffnung des Oktoberfests ist klar: Der Sieger dieses Liedcontests heißt Fenzl, kommt aus dem Chiemgau und ist der Ex-Bassist von Django 3000. Er gewinnt mit seinem Lied „Bierdringa“. Bekannt gegeben wurde dies auf einem offiziellen Rundgang zwei Tage vor dem Wiesn-Start.
115 Musikgruppen aus Bayern und den angrenzenden alpenländischen Regionen hatten im Frühling ihre Lieder eingereicht. Gesucht waren Songs, die das „Bayerische“ verkörpern, musikalisch oder sprachlich, so steht es in der Ausschreibung. Im Finale waren neben Fenzl noch die Gruppe Saustoimusi aus dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt mit „Käferbam“ und Matakustix aus Klagenfurt in Österreich mit „Hüttenliebe“.
Nur: Einen Wiesnhit casten – geht das? Oder entsteht ein echter Wiesnhit erst im Laufe des Oktoberfests inmitten der Feiernden in den Festzelten?
Oktoberfest 2025: Was braucht ein Lied, um Wiesnhit zu werden?
Ein Anruf bei der Technischen Universität Dortmund. Dort forscht Musikwissenschaftler Felix Thiesen zu Populärmusik. Zumindest wissenschaftlich ist er in der Schlagermusik zu Hause. Er wollte dem Dünkel seines Fachs was entgegenhalten, sagt er, mit den Vorurteilen aufräumen. Das hartnäckigste zumindest konnte Thiesen mit einer Studie schon entkräften: dass nicht dumm ist, wer Schlager hört. Daneben hat Thiesen gemeinsam mit Studierenden Strukturanalysen von hunderten von Schlagerliedern vorgenommen, Musik und Text in seine Bestandteile zerlegt und Regelmäßigkeiten untersucht.
Was brauchen also Lieder, um im Festzelt die Massen zu begeistern? Auf struktureller Ebene erkennt Thiesen einige Gemeinsamkeiten: „Die Lieder folgen bestimmten Regeln. Zum einen eine einprägsame Abfolge von Strophen und Refrain“, sagt er. Damit ein Lied ins Ohr geht, muss es eingängig sein und repetitiv – die einzelnen Sequenzen müssen sich also wiederholen. Die Sprache muss verständlich sein, deshalb am liebsten Deutsch.
Was die Motive angeht, hat Thiesen beobachtet, dass bis zu 75 Prozent der Lieder die Liebe besingen. Verlieben, entlieben, schmachten, die ganze Palette. „Erfahrungen, die die meisten von uns teilen“, sagt Thiesen. Über das gemeinsame Mitsingen könnten diese Emotionen gefühlt und kanalisiert werden: Gemeinschaftlich Musik im Bierzelt zu genießen, dient sozialen Zwecken. Musik wird zum sozialen Kitt. Und sie reguliert Emotionen.
Ein weiteres Themenfeld: Rausch und Exzess, besonders beliebt beim Subgenre Partyschlager. Für Thiesen ein eingegrenztes Biotop, wo Menschen sich aus dem Alltag ausklinken, den Kopf ausschalten. Die Liedtexte werten dabei oft Frauen ab und geben eine konservative, männliche Erlebniswelt wieder. „Provokation ist in diesem Fall das Ziel und das ist kein neues Phänomen. Das gehört hier zum Markenkern“, sagt Thiesen. „Schöner wäre es natürlich, wenn das ginge, ohne bestimmte Personengruppen zu verletzen.“
Was die Geschichte des Wiesnhits preisgibt
Heruntergebrochen lautet die Formel also: eingängig, einprägsam, verständlich, der Liebe und dem Rausch huldigend – und es wird ein Wiesnhit geboren. Stimmt das? Dafür lohnt ein Blick in die Geschichte des Wiesnhits.
Das Oktoberfest führt selbst eifrig Buch über die größten Hits in den Festzelten, und auch die Musikverwertungsgesellschaft Gema hat Statistiken studiert. Die Bestenlisten bei den deutschsprachigen Hits dominiert laut Oktoberfest die Spider Murphy Gang mit „Skandal im Sperrbezirk“, darauf folgen Josh mit „Cordula Grün“ und Andreas Gabaliers „Hulapalu“. Bei den internationalen Hits führt Robbie Williams mit „Angels“, danach kommt Gloria Gaynor mit „I Will Survive“ und „4 Non Blondes“ mit „What’s Up“. Thiesen hat recht: Mit Ausnahme des weltschmerzenden Lieds „What’s Up“ deckt die Hitliste viele Spielarten der Liebe ab. Zählt man das meistgespielte Stück in allen Bierzelten dazu – „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ –, hat man auch das Trinken mit drin.
Es sind die Klassiker, die alle Jahre wieder nach oben gespült werden. Das sei eben musikalisches Gemeingut, sagt Thiesen. „Gerade im Schlager versucht man häufig, alte Hits neu zu nutzen.“ Evergreens würden über Generationen hinweg zu Gemeinschaftserlebnissen führen, auch bei den Jungen. Aber den einen Grund gebe es nicht, warum manche Lieder hartnäckig über die Wiesn tönen und andere vergessen werden.
Die drei Finalisten für den Musikwettbewerb hatten die Zutaten in ihren potenziellen Wiesnhit schon mal eingerührt. Dialekt, Ziehharmonika und eingängige Refrains, und dann die Texte: In „Käferbam“ von Saustoimusi gleicht die Seele des Liebeskranken einem vom Borkenkäfer zerfressenen Baum. In „Hüttenliebe“ steigt Matakustix auf die Alm auf, um dort mit seinem Schatzi „Hütten-, Hütten-, Hüttenliebe“ zu machen. Und in „Bierdringa“ singt Fenzl schlicht vom Biertrinken.
Aber einen Wiesnhit planen – so einfach ist das dann doch nicht. Mal sind es laut Thiesen die Themen, mal die Geschichte, mal geht es um die Erinnerung, und viele junge Menschen hören bestimmte Musiktitel sowieso ironisch. Felix Thiesen lacht. „Es gibt in der Musikindustrie erfahrene Profis, die den Markt beobachten. Aber einen Hit planen, das haben die wenigsten bislang bewerkstelligen können. Ein Hit braucht immer noch eine originelle Idee.“
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