Augsburg Als Hilde Abold 2005 das neue Haus in Weilheim besichtigte, da ahnte sie noch nichts. Dass sie unter einer Saatkrähen-Kolonie wohnen würde, stellte sich erst im kommenden Frühjahr heraus. Den ständigen Lärm und den Dreck, den die Vögel machten, fand sie natürlich zuerst lästig. Die Mathematikerin wandte sich an den Landesbund für Vogelschutz (LBV) und fragte um Rat. Würde sie mit dem Dauerkrach leben müssen?
Die Leute vom LBV wussten bislang nichts von einer Kolonie in Weilheim und baten Abold, die schwarzen Vögel zu beobachten und vor allem zu eruieren, was für Schnäbel sie haben. Ein Charakteristikum. Schnell war dann klar. Es handelt sich um die besonders geschützten Saatkrähen. Sie begann mit dem Studium und fand es spannend zu sehen, wie sich die Vögel um Astgabeln stritten und die Jungen miteinander hakelten.
Saatkrähen pflegen ein reges Familienleben und sind sehr geschwätzig. „Tagsüber ist es ganz schön laut“, sagt Abold. Der Höhepunkt ist Mitte März, wenn sie die Eier legen. Im April ist es dann relativ ruhig. Dann füttern die Männchen ihre brütenden Frauen. Sie bedankt sich lautstark. Richtig los geht es dann wieder im Mai, wenn die Jungen schlüpfen. Wenn sie flügge sind, verschwinden die Saatkrähen. Dann kehrt bis zum Frühjahr Ruhe ein.
Inzwischen sind die Saatkrähen zu einem Vollzeithobby für Hilde Abold geworden. 2008 hatte das Landesamt für Umwelt (LfU) in Augsburg das Ergebnis einer Bestandsaufnahme vorgelegt. Die ehrenamtlichen Kartierer wollten es aber nicht dabei belassen und machten weiter. Denn wie soll man eine Entwicklung dokumentieren, wenn man nur alle zehn bis zwölf Jahre nachkontrolliert? Also baten sie die Mathematikerin um Hilfe. Seither gehen bei Abold jedes Jahr die Zahlen über Kolonien und Brutpaare ein. Sie koordiniert die Kartierung und pflegt die Datenbank beim LfU. Für jede Kolonie gibt es einen Ansprechpartner vor Ort.
Der Bestand hat in den letzten drei Jahren stark zugenommen, sagt Brigitte Kraft, Leiterin der LBV-Bezirksgeschäftsstelle Schwaben. Das liegt auch an der Fleißarbeit der Kartierer. Bislang waren es oft nur Schätzungen. Jetzt liegen fundierte Zahlen vor: 2011 gab es in Schwaben 3784 Brutpaare, das ist die Hälfte des bayerischen Bestands. Inzwischen weiß man auch, dass Saatkrähen ihre Nester nicht nur in Laubbäumen haben. Sondern auch hoch oben in Kiefern und Fichten. Doch da kann man sie schlecht sehen.
Große Probleme gab es im Unterallgäu. Zwei Ansiedlungen sind dort illegal zerschlagen worden. 2010 waren es noch 124 Brutpaare. „Sie sind komplett verschwunden,“ sagt Kraft. Die Saatkrähen haben sich vermutlich zu Artgenossen in Mindelheim gesellt. Denn die Zahl der Brutpaare ist dort von 825 (2010) auf 954 (2011) angewachsen. Eine neue Kolonie gibt es in Pfaffenhausen. Saatkrähen haben einen großen Aktionsradius. Deshalb muss man die Region betrachten und nicht den Standort.
Die großen Kolonien befinden sich in Mittelschwaben: in Asbach-Bäumenheim (Kreis Donau-Ries), Meitingen und Gersthofen (Kreis Augsburg), Augsburg, Buchloe, Mindelheim, Memmingen und Kempten, sagt Annelies Rek von der Naturschutzabteilung der Regierung von Schwaben, die die Anträge für eine Vergrämung genehmigen muss. Das LfU hat vergangenes Jahr einen Leitfaden für den Umgang mit der Saatkrähen-Problematik in Auftrag gegeben.
Der Grundgedanke ist, die geschützten Vögel in Kolonien, die sich an unproblematischen Standorten (wie dem Augsburger Königsplatz) befinden, zu halten und geringfügige Beeinträchtigungen während der drei bis vier Monate dauernden Brutzeit zu tolerieren. Denn die Belästigungen sind auch eine Sache der Wahrnehmung. Rek: „Für den einen ist das Problem riesig, für den anderen erträglich.“
Ornithologen setzen verstärkt auf die Umsiedlung
Nur in Randbereichen sollen die Saatkrähen vergrämt werden. Die Vergrämung birgt die Gefahr, dass sich die Kolonien aufsplittern und die Probleme an anderen Orten auftreten. Die Ornithologen setzen deshalb verstärkt auf die Umsiedlung an Wunschstandorte am Rande oder außerhalb von Siedlungen. Dies könnte man beispielsweise erreichen, indem man Nester frühzeitig umhängt und Tonbänder mit lautstarkem Balzgeschrei abspielt. Gute Erfahrungen damit gibt es in Holland, sagt Rek. Die kommunikationsfreudigen Saatkrähen könnten ihre Artgenossen für die neue Kolonie begeistern. In Mindelheim leben die Vögel im Übrigen recht komfortabel am Stadtrand. Sie waren immer schon da. Davon zeugt ein altes Gasthaus, „Das Krähennest“.