„Looksmaxxing“ klingt, als sollte „nur“, wie oft in Sozialen Medien, der Look, das Äußere, optimiert werden. Frau Dohme, Sie arbeiten als digitale Streetworkerin in München und warnen eindringlich davor. Warum?
SABINE DOHME: „Looksmaxxing“ ist eine Internetbewegung, die aus Selbstoptimierung eine ästhetische Ideologie macht. In Foren analysieren meist junge Männer ihr Gesicht, als hätten sie technische Defekte. Kieferlinie zu weich, Augenabstand zu groß, Haut nicht klar genug, Körper nicht ausreichend definiert. Ziel ist es, ein „Giga-Chad“ zu werden, denn die Attraktivität wird zur sozialen Währung erklärt.
Was ist ein Giga-Chad?
DOHME: Darunter versteht man den Prototyp der Männlichkeit, beispielsweise einen extrem muskulösen Körper und sehr ausgeprägte markante Gesichtskonturen. Gerade um Letzteres zu erreichen, wird zu besonders gefährlichen Methoden geraten, etwa dem „bonesmashing“, dem Verletzen oder auch dem Brechen der Kieferknochen, um die gewünschte „Jawline“, also Kieferpartie, zu erhalten. In Videos schlagen sich Männer immer und immer wieder mit harten Gegenständen ins Gesicht, um so die Knochenhaut zu verletzen, um die gewünschte kantige Kieferkontur zu erreichen.
Wer läuft aus Ihrer Beobachtung Gefahr, sich so etwas anzutun?
DOHME: Es sind vor allem junge Männer, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen, die ihren sexuellen Marktwert erhöhen wollen. Um das zu erreichen, wird das sogenannte Soft- oder das Hardmaxxing angewendet.
Wie unterscheidet sich das?
DOHME: Beim Softmaxxing geht es um Körperhygiene, Skincare, also Hautpflege, Stylen der Haare, passende Outfits und Ähnliches. Schnell möchte man aber immer mehr dem „Prototyp“ ähneln. Dann wird aus harmloser Skincare das toxische Hardmaxxer. Die echten Hardmaxxer orientieren sich an der sogenannten PSL-Skala. PSL steht für Personal Subjective Looks, also einer Skala für das persönliche Aussehen, die nur auf äußerliche Kriterien fokussiert ist und den Anhängern sagt, auf welcher Stufe der physischen Selbstoptimierung sie derzeit stehen. Da ist offen von „underhuman“ oder „subhuman“ die Rede.
„Untermenschen“ also, eine Sprache aus dem Nationalsozialismus.
DOHME: Ja. Dazu muss man verstehen, dass „Looksmaxxing“ sich aus der sogenannten „Manosphere“ entwickelt hat. Ein Netzwerk, welches Parallelen zu rechtsextremen, rechtspopulistischen und antifeministischen Ideologien aufweist. Hier wird also nicht nur dem Körperkult gehuldigt, hier werden auch politische Gedanken aus der extrem rechten Ideologie verbreitet. Ich will betonen, dass nach meiner Beobachtung nicht alle Looksmaxxer extrem rechtes Gedankengut vertreten und verbreiten, allerdings gibt schon die Klassifizierung der Anhänger zu denken.
Woher kommt die Frauenfeindlichkeit?
DOHME: In der „Manosphere“ wird behauptet, dass „echte“ Männlichkeit immer mehr entwertet und zunehmend „verweiblicht“ werde. Schuld daran sei die Gleichstellung der Frau, also die Emanzipation, die daher bekämpft werden müsse, gewünscht sind traditionelle Geschlechterrollen.
Ihr Arbeitsschwerpunkt ist es ja, im Netz Inhalte zu finden, die Essstörungen verstärken und darüber aufzuklären. „Looksmaxxing“ führt vermutlich auch zu einer sehr einseitigen Ernährung, oder?
DOHME: Natürlich! Allein, um so viel Muskelmasse aufzubauen wird propagiert, sehr viele Proteine und Medikamente gegen Wassereinlagerungen oder Abführmittel zu sich zu nehmen. Damit nicht genug. Es wird zur Einnahme von Steroiden für den Muskelaufbau und sogar zu kleinen Mengen Crystal Meth geraten, um Hungergefühle zu unterdrücken. Es gibt Looksmaxxer, die nehmen bis zu 40 Medikamente am Tag und rufen durch ihre Social Media Beiträge zum Nachahmen auf. Da werden Unmengen Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel eingenommen, die zum großen Teil in Asien hergestellt werden und von denen niemand sagen kann, wie gesundheitsschädlich diese sind. Auch ist die Gefahr groß, dass die jungen Leute Süchte entwickeln und durch ihr restriktives Essverhalten in eine Essstörung gleiten.
Wie alt sind die Anhänger?
DOHME: Der jüngste Looksmaxxer, den ich auf TikTok gesehen habe, ist circa zwölf Jahre. Er war früher mehrgewichtig. Nun verspricht er, anderen Jugendlichen zu einem männlichen Aussehen zu verhelfen, um sie für Mädchen „geil“ zu machen.
Wie erklären Sie sich das?
DOHME: Diese Gruppe von Jugendlichen fühlt sich von der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Sie werden von so vielen Unsicherheiten gequält und befinden sich oft in einer Identitätskrise. Hier muss angesetzt werden: Die jungen Männer brauchen Unterstützung und sie brauchen gute Vorbilder. Und diese guten Vorbilder müssen im Internet zu finden sein, in Gesprächsforen, Social Media, dort, wo die jungen Leute wirklich sind. An diesen guten männlichen Vorbildern fehlt es in den Sozialen Medien aber.
Worauf sollten Eltern achten?
DOHME: Meine wichtigste Botschaft lautet: Wir dürfen uns die Erziehung unserer Kinder nicht von den Sozialen Medien und den Algorithmen wegnehmen lassen. Wir müssen mit unseren Kindern im Gespräch bleiben. Sie ansprechen, wenn uns auffällt, dass sie extrem Sport treiben, extrem ab- oder zunehmen, ihnen aufmerksam zuhören und wenn Verhaltensauffälligkeiten oder starke körperliche Veränderungen festzustellen sind, mit ihnen Angebote finden, die ihnen helfen.
Zur Person
Sabine Dohme, 64, ist digitale Streetworkerin und arbeitet bei ANAD Versorgungszentrum Essstörungen des AWO-Bezirksverbands Oberbayern. Gefördert wird das Projekt digitale Streetwork (DigiStreet) vom Bayerischen Gesundheitsministerium.
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