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So macht dieser Ulmer nach einem überlebten Suizid-Versuch weiter

Ulm

Vom Suizid-Versuch zur Hochzeit: So fand dieser Ulmer neuen Lebensmut

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    Uli Blessmann hat in Ulm die Selbsthilfegruppe Semikolon gegründet für Menschen, die einen Suizid-Versuch hinter sich haben.
    Uli Blessmann hat in Ulm die Selbsthilfegruppe Semikolon gegründet für Menschen, die einen Suizid-Versuch hinter sich haben. Foto: Michael Kroha (Archivbild)

    Mehr als 10.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich durch Suizid. Das sind mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Doch immer wieder überleben Menschen den Versuch. Einer, der weiterlebt, ist Uli Blessmann aus Ulm. Der 72-Jährige hat die Selbsthilfegruppe Semikolon für Menschen nach Suizid-Versuch gegründet und spricht über das Leben danach. Warum er sich 2023 umbringen wollte, darüber spricht er nicht.

    „Eines muss ich vorweg sagen: Ich habe diesen Suizid-Versuch nicht überlebt, ich wurde überlebt. Das war schon eine heftige Sache: Fünf Stunden lag ich im OP – die Ärzte haben es geschafft. Mein Trauma danach: Ich habe es nicht geschafft. Sie haben mich nicht gehen lassen.

    Nachdem ich körperlich soweit war, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, bekam ich eine Einweisung in die Akut-Psychiatrie, denn die Suizidgefährdung war weiter da. Ich habe lange gebraucht, um Akzeptanz für die Ärzte zu finden und dafür, dass sie mich zurück ins Leben geholt haben.

    Über das Leben nach dem Suizid-Versuch: „Von Neuanfang zu sprechen, wäre Quatsch“

    Was mich letztlich am Leben gehalten hat, war die Frau an meiner Seite. Sie stand immer fest zu mir – trotz der Schwere des Vorfalls und trotz meines Zustands. Wenn ich morgens aufgestanden bin, dann aus einem Automatismus heraus. Ich wusste nichts mit mir anzufangen, Zuversicht hatte ich keine. Man bekommt allerhand Medikamente, die verhindern, dass man in sich hineinspürt. Ob ein Lebenswille da war? Keine Ahnung. Monatelang war ich wie in Watte gepackt und habe dumpf vor mich hin existiert.

    Irgendwann wurde es anders. Von Neuanfang zu sprechen, wäre Quatsch! Es ist immer ein Weitermachen, denn die eigene Biografie ist ja nach wie vor die gleiche. Es hat sich im Leben nichts verändert. Nur in mir drin hat sich etwas verändert. Heute bin ich sehr zufrieden – und wenn das jemand von sich sagen kann, ist das doch eine Form von Glück.

    Herausforderungen trete ich heute stärker entgegen. Es ist keine Wandlung um 180 Grad, unangenehme Dinge verdränge ich nach wie vor. Aber ich habe gelernt, mich damit auseinanderzusetzen. Und ich weiß: Wenn ich‘s alleine nicht schaffe, habe ich Hilfe – ich muss bloß danach fragen. Das habe ich vorher auch gewusst, ich habe selbst in der Psychiatrie gearbeitet und hätte es besser wissen können. Denn als Einzelkämpfer verliert man gern.

    Im Laufe der Zeit habe ich neue Pläne geschmiedet, mir immer wieder gesagt: Irgendwas muss der Suizid-Versuch doch gebracht haben. Wozu soll das gut gewesen sein? Also habe ich eine Selbsthilfegruppe für Menschen wie mich gegründet. Nicht für Angehörige, nicht für suizidgefährdete Leute, sondern für jene, die den Versuch hinter sich haben. Es ist ein steiniger Weg und ein schwieriges Thema. Wir sind derzeit zu viert, einer kommt demnächst dazu. Aber jeder Einzelne zählt, das ist wichtig.

    2023 wollte Uli Blessmann sein Leben beenden, nun heiratet er mit 72 Jahren

    Viele fragten nach dem Suizid-Versuch: Warum hast du dir keine Hilfe gesucht? Ganz einfach: Wenn man es vorhat, will man es umsetzen. Und wenn man darüber spricht, gefährdet man seinen Plan. Genau dieses Schweigen ist es, was Suizid für Angehörige so schwer macht. Es ist absolut keine Selbstverständlichkeit, dass meine Partnerin noch bei mir ist nach so einer Aktion. Sie gibt mir sehr viel Lebensmut. Nächsten Monat werden wir heiraten, das ist für mich die Krönung. Auch im Alltag versuche ich die kleinen Freuden des Lebens aufzuspüren, man muss nur die Augen aufhalten. Für mich sind es die Abendspaziergänge mit meiner künftigen Frau, ein paar Stunden in der Sauna und die Ausfahrten mit dem Oldtimer, die das Leben lebenswert machen.

    Mit meinen 72 Jahren bin ich gerne noch berufstätig, bringe im Fahrdienst Senioren in die Tagespflege und nach Hause. Es sind schöne Kontakte – sie tun mir gut und ich ihnen. Auch wenn manche von ihnen aufgrund ihrer Demenz nicht mehr ganz so viel mitbekommen. Meine Arbeit ist sinnstiftend. Mit ihr kann ich am Leben teilhaben, ohne in den Routinen des Alltags zu versinken. Dabei ist nichts mehr selbstverständlich, ich versuche möglichst bewusst zu leben – auch wenn das nicht immer gelingt.

    Mein größter Erfolg ist, nicht mehr damit zu hadern, dass mein Suizid-Versuch schiefgelaufen ist. Denke ich daran zurück, dann nicht mehr mit Sehnsucht oder Schaudern. Es ist einfach ein Teil meines Lebens. Das habe ich gemacht und ich rede offen davon. Keine Scham oder Minderwertigkeitsgefühle mehr in mir zu tragen, verschafft mir ungeheure Freiheit. Momentan empfinde ich es als gut, dass es nicht geklappt hat. Die Zeit, die mir im Leben noch bleibt, will ich nutzen: für mich, meine Frau und alle, die sich mir in der Selbsthilfegruppe anvertrauen.“

    Semikolon: Selbsthilfegruppe für Betroffene nach Suizid-Versuch

    Die Selbsthilfegruppe Semikolon trifft sich in der Regel alle zwei Wochen montags im Bürgerhaus Mitte in der Schaffnerstraße 17 in Ulm, immer von 18.30 bis 20.30 Uhr. Die Gruppe ist für Erwachsene gedacht, die einen Suizid-Versuch hinter sich haben. Wer kommen will, darf sich mit Uli Blessmann in Verbindung setzen, telefonisch unter 0170/8331301 oder per E-Mail an uli.blessmann@web.de (AZ)

    Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie darüber! Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten – per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch, auch anonym. Hier finden Sie eine Übersicht.

    Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2025. Er stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 10. September veröffentlicht. 

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