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Markus Söder in Südafrika: zwischen Slum und Safari

Südafrika-Reise

Zwischen Slum und Safari: Welche Stationen Söders Reise durch Südafrika prägen

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    Markus Söder am Signal Hill hoch über Kapstadt. Der Blick ist atemberaubend, er genießt ihn.
    Markus Söder am Signal Hill hoch über Kapstadt. Der Blick ist atemberaubend, er genießt ihn. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Jenseits der gut ausgebauten Schnellstraße beginnt das Elend. Kilometer um Kilometer reihen sich windschiefe Hütten aneinander, zusammengezimmert aus Wellblech, Holz und Pappe. Dazwischen ragen mobile Toiletten aus blauem Plastik aus dem tristen Grau. An den schmalen Sandwegen türmen sich Berge von Müll. Verrostete Autowracks liegen herum, Fahrzeuge ohne Reifen, die zersprungenen Scheiben mit Paketklebeband geflickt. Abgemagerte Hunde dösen im Schatten. Wäsche flattert an der Leine, sie ist durch den Dreck, der in der Luft hängt, schon wieder schmutzig, bevor sie trocken ist. An der Ecke bietet „Styla‘s Carwash“ die Autowäsche mit einem Eimer Wasser an, daneben grillt eine alte Frau dürre Hühnerflügel über dem offenen Feuer.

    In Khayelitsha, einem der größten Townships in Südafrika, ist das glitzernde Meer in Sichtweite. Größer könnte der Gegensatz zwischen dem wilden, immer weiter wuchernden Elendsviertel am Rande von Kapstadt kaum sein zur Waterfront, dem touristischen Zentrum der Stadt, die als eine der schönsten der Welt gilt. Hier Armut, Hoffnungslosigkeit, Gewalt, oft Schießereien, im Schnitt zwei Morde an drei Tagen. Dort Kommerz, Vergnügen, Wohlstand, der durch hohe Mauern, Elektrozäune und Stacheldraht gesichert ist. Kapstadt ist eine Stadt mit zwei Gesichtern, dabei ist Bayerns Partnerprovinz Westkap wirtschaftlich und technologisch einer der stärksten Player auf dem afrikanischen Kontinent.

    Behörden rieten Söder ausdrücklich von einer seiner Stippvisiten ab, aus Sicherheitsgründen

    Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ist drei Tage lang in Südafrika unterwegs – auf einer Reise zwischen Slum und Safari, Geschichte und Gegenwart, Klischee und Realität. In Khayelitsha sichern ein Großaufgebot der städtischen Polizei, der Polizeichef persönlich und sechs Personenschützer den Besuch des hohen Gastes aus Deutschland. Die Behörden hatten Söder ausdrücklich von der Stippvisite abgeraten, aus Sicherheitsgründen.

    Zwischen einer halben und einer Million Menschen leben hier auf engstem Raum. Wie viele es genau sind, weiß keiner. Fest steht aber, dass die prosperierende Kap-Region durch den Zuzug von Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und Auskommen sind, überrollt wird. Die Arbeitslosigkeit liegt in Südafrika bei 35 Prozent, unter Jugendlichen bei 70 Prozent.

    Die Hanns-Seidel-Stiftung ist seit 1991 in Khayelitsha aktiv, sie organisiert Schulungen für Sicherheitspersonal und Mitarbeiter der Verwaltung und soziale Projekte für Kinder und Jugendliche zur Gewaltprävention. Um 13 Prozent sei die Kriminalität seither gesunken, erzählt der Polizeichef.

    Bayern hat hier schon vor Jahren aus einer sumpfigen Senke und mit 30.000 Euro einen Fußballplatz aus Sand gebaut, alte Autoreifen sind zu einer Tribüne gestapelt, an diesem Nachmittag treffen sich die Buben des Viertels zu einem Freundschaftsturnier. Doch es geht um viel mehr als nur um Fußball, sagt Hanns Bühler, der örtliche Repräsentant der CSU-nahen Stiftung. Es geht um den Aufbau einer funktionierenden Gemeinschaft, um Hoffnung, um Zukunft. Ein Gemeindezentrum ist entstanden und ein Kindergarten, der aus einem kleinen Gemüsegarten versorgt wird, in dem magere Pflänzchen sprießen.

    Bewegender Moment für Ministerpräsident Markus Söder: der Besuch auf der früheren Gefängnisinsel Robben Island und der Zelle von Nelson Mandela.
    Bewegender Moment für Ministerpräsident Markus Söder: der Besuch auf der früheren Gefängnisinsel Robben Island und der Zelle von Nelson Mandela. Foto: Sven Hoppe, dpa

    „Das Projekt wirkt“, sagt Markus Söder, „es gibt jungen Menschen Perspektive und trägt ein Stück weit dazu bei, ein ständig wachsendes Township ein bisschen menschlicher zu machen.“ Fußball sei eine große Perspektive, betont Söder, wie überall auf der Welt. Er verteilt rote Trikots des FC Bayern München an das Siegerteam und an den Torwart einen neuen Ball. Die Buben strahlen.

    „Wo alles durcheinandergeht in der Welt, braucht es Freunde und Partner über die Kontinente hinweg“, sagt Söder

    Der eigentliche Anlass für die Reise des bayerischen Ministerpräsidenten aber ist ein politischer. Söder möchte Bayerns Außenpolitik neu ordnen, Handelsbrücken bauen, Forschungskooperationen anstoßen. „Wir müssen Partner in der Welt suchen und da ist Afrika ein wichtiger Kontinent und Südafrika vielleicht der stärkste Partner“, betont Söder. Er trifft den südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa, den Premierminister von Westkap, Alan Wilde, Staatsminister, Wirtschaftsvertreter. Und er nimmt an der großen Konferenz der Regierungschefs mehrerer bayerischer Partnerregionen teil. Die südafrikanische Provinz Westkap ist eine davon, die Partnerschaft mit Bayern besteht seit 30 Jahren, gegründet vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. „In diesen Zeiten ist es wichtig, sich international zu vernetzen“, sagt Söder immer wieder, „wo alles durcheinandergeht in der Welt, braucht es Freunde und Partner über die Kontinente hinweg“. Die habe Bayern wie kaum ein anderes Bundesland in Deutschland.

    Markus Söder mit Cyril Ramaphosa, dem Präsidenten der Republik Südafrika. „Ich bin ein bisschen geflasht“, sagt der bayerische Ministerpräsident danach.
    Markus Söder mit Cyril Ramaphosa, dem Präsidenten der Republik Südafrika. „Ich bin ein bisschen geflasht“, sagt der bayerische Ministerpräsident danach. Foto: Jörg Koch/Staatskanzlei-Pool/dpa

    Vom Staatspräsidenten Cyril Ramaphosa ist Markus Söder beeindruckt, „ich bin ein bisschen geflasht“, sagt er nach dem Treffen, „er hat mich sogar noch zum Auto begleitet.“ Söder erzählt von der Offenheit des Präsidenten, von einem interessanten Gespräch über die großen politischen Fragen und vor allem davon, was für eine Besonderheit es ist, dass er als bayerischer Ministerpräsident von ihm eine Stunde lang empfangen wurde. Das ist auch aus Sicht der deutschen Botschaft ungewöhnlich – und zeige gleichzeitig die Wertschätzung, die Bayern in Südafrika genießt. Der letzte deutsche Staatsgast, der einen Termin beim Staatspräsidenten bekam, war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Und damit auch wirklich der beste Eindruck von Bayern hängenbleibt in Südafrika, bedankt sich Söder mit einem Maßkrug, bayerischem Bier und einer Einladung zum Oktoberfest.

    An der 1918 gegründeten, renommierten Universität von Stellenbosch feiern Professoren und Studenten mit den Besuchern aus Bayern an diesem Nachmittag mit Nürnberger Bratwurst und dem landestypischen Braai neue und erweiterte Partnerschafts-Abkommen. Es geht um eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Hochschulen in Bayern – unter anderem in Augsburg, München, Würzburg und Neu-Ulm – und dem Westkap. Geplant sind nicht nur der Austausch von Studenten und Lehrkräften, sondern auch Kooperationen bei Forschungsprojekten, Technologie und Start-ups, besonders auch im Bereich Biotechnologie.

    „Die Staatskanzlei war da ein wichtiger Türöffner“, sagt die Präsidentin der Hochschule Neu-Ulm, Professorin Uta Feser, die das Abkommen mitunterzeichnet hat und direkt mit dem Studentenaustausch loslegen will. „Was man jedem nur empfehlen kann“, erzählt Annika Hauschild. Die 24-Jährige studiert an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg Management und lebt im Moment für ein Auslandssemester in Stellenbosch. Sie schwärmt vom Campusleben, dem Miteinander unter den Studenten, überhaupt vom ganzen Land, den Menschen, dem Leben in Südafrika.

    Die hübsche Universitätsstadt Stellenbosch ist Teil der Idylle, die es jenseits von Townships, Armut und Kriminalität zweifelsohne auch reichlich gibt am südlichsten Zipfel Afrikas. Sie ist Zentrum eines der größten Weinanbaugebiete im Land, die sattgrünen Weinberge ziehen sich durch die sanfte Hügellandschaft, breite Alleen hinter weiß getünchten Mauern führen zu den stattlichen Weingütern.

    Markus Söder in Südafrika: Es bleibt auch Zeit für Safari

    Die schönsten Bilder aber gibt es für den Ministerpräsidenten gut zwei Stunden nördlich von Kapstadt. Fotos mit Zebras und Nashörnern, mit Büffeln und Giraffen, Elefanten, Flusspferden, Zebras, Antilopen. Im Luxus-Reservat „Aquila Private Game Reserve“ lebt auf 22.000 Hektar die Tierwelt Afrikas. Im offenen Jeep werden Markus Söder und sein Tross durch den Wildpark kutschiert, im Minutentakt tauchen immer neue Tiere auf. Strauße kreuzen den Weg, zwei Elefanten nehmen ein Bad im Schlamm. „Ihr Sonnenschutz“, sagt der Guide und erzählt, dass sie die Löwen gerade gefüttert haben, damit sie der Besucher aus Deutschland auch wirklich sieht.

    Und tatsächlich: Im extra eingezäunten Gelände („Sonst würden sie die anderen Tiere fressen“) liegt ein Löwenweibchen im Schatten eines Felsen, keine fünf Meter vom Fahrzeug des CSU-Ministerpräsidenten entfernt, und leckt genüsslich an einem großen Brocken Fleisch. Zwei Artgenossinnen verstecken sich im Dickicht der afrikanischen Steppe, nur die Ohren ragen heraus. Dann steht die Dame auf, marschiert langsam vor dem Jeep über die Straße und steigt den Berg hinauf. Nur wenige Meter weiter reckt und streckt sich das Männchen, legt den Kopf zur Seite und mustert interessiert den bayerischen Löwen.

    Er war schon öfter in Afrika unterwegs, wird Söder später vor eindrucksvoller Kulisse auf einer Anhöhe sagen. In Südafrika war er vor acht Jahren, das Geburtstagsgeschenk seiner Frau zum 50. Geburtstag. „Afrika ist nicht nur die Wiege der Menschheit“, auch die Tierwelt sei schon sehr beeindruckend. Welches Tier er besonders mag, wird Söder nach der Begegnung mit Löwe, Zebra und Nashorn gefragt. Die Antwort: „Mein Lieblingstier ist der Wal.“

    Der Ministerpräsident auf Safari: Angesichts der überwältigenden Tier- und Pflanzenwelt ist der politische Alltag daheim ganz weit weg.
    Der Ministerpräsident auf Safari: Angesichts der überwältigenden Tier- und Pflanzenwelt ist der politische Alltag daheim ganz weit weg. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Angesichts der überwältigenden Tier- und Pflanzenwelt ist der politische Alltag daheim gerade ganz weit weg. Die Diskussionen in München und Berlin um den nächsten Doppelhaushalt und die Frage, ob der Freistaat nach Jahren wieder neue Schulden machen will und muss; um die versprochenen Reformen der schwarz-roten Koalition; das Verbrenner-Aus. Sogar der wöchentliche Jour Fixe mit dem Kanzler fällt aus, weil Söder stattdessen in ein Boot steigt, das ihn zur ehemaligen Gefängnisinsel Robben Island bringt.

    Die Sonne strahlt vom Himmel, im Hintergrund thront der Tafelberg, davor reckt sich eins der neuen Fußballstadien in die Höhe, die zur Fußball-WM 2010 errichtet worden sind. Auf dem Abfahrtssteg sonnt sich eine dicke Robbe, Delfine springen aus dem Wasser, während das Boot übersetzt auf die Insel, auf der während des Apartheid-Regimes politische Gefangene weggesperrt waren. Der berühmteste Häftling war Nelson Mandela, der spätere Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger. Er verbrachte den Großteil seiner 27 Jahre dauernden Haft im Hochsicherheitstrakt von Robben Island – und führte Südafrika vor gut 30 Jahren schließlich aus der rassistischen Unterdrückung.

    Söder lässt sich über die Insel führen, er sieht den Kalksteinbruch, in dem die Gefangenen einst schuften mussten, bis Haut und Augen vom Staub und der prallen Sonne kaputt waren. Ehemalige Gefangene haben einen Haufen aus einzelnen Steinen zu einem Mahnmal aufgeschichtet, das an das Leid erinnert. Söder wird die seltene Ehre zuteil, auch einen kleinen Stein drauflegen zu dürfen.

    Dede Ntsoelengoe, der selbst sieben Jahre lang auf Robben Island inhaftiert war, führt die Delegation durch den Zellentrakt. Er schließt die Tür aus weißen Gitterstäben auf, die in die sieben, vielleicht acht Quadratmeter große Kammer führt, in der Nelson Mandela eingesessen hat. Ein roter Blecheimer steht darin, für die Notdurft, und ein kleiner Holzhocker. Darauf stehen ein Teller und eine Schüssel aus Blech, eine dünne Decke liegt auf dem Boden. Ein bewegender Moment.

    Zwei Urlauberinnen sprechen Markus Söder an: „Grüß Gott, Herr Seehofer“, sagen sie

    „Nelson Mandela ist eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“, sagt Markus Söder später, „sein Kampf für Freiheit und gegen Rassismus und Apartheid hat Weltgeschichte geschrieben.“ Vor allem aber konnte er eins: Vergeben. Damit hat er den Grundstein zur Versöhnung des Landes gelegt.

    Am Abend dann ein kurzer Ausflug auf den Signal Hill hoch über Kapstadt. Die Sonne taucht die Stadt in ein mildes Licht, der Blick ist atemberaubend, Markus Söder genießt ihn. Zwei Urlauberinnen kommen auf ihn zu, sie sind nervös. „Grüß Gott, Herr Seehofer“, sagen sie, „dürfen wir ein Selfie mit Ihnen machen?“ Auch wenn die eine der beiden aus Wolfratshausen kommt und die andere aus Ingolstadt stammt: Söder stellt klar, dass er weder der eine noch der andere Ministerpräsident ist. Und macht dann doch ein Foto mit ihnen, während im Meer die Sonne untergeht.

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