Wenn fast 40.000 neue Politikerinnen und Politiker in einem Bundesland gewählt werden, passieren auch kuriose Dinge. Menschen stimmen für Männer, die gar nicht antreten. 0,04 Prozentpunkte entscheiden eine Landratswahl. Eine Grüne wird zu einer Art Einhorn. Bemerkenswerte Fakten aus der Stichwahl.
Aichach-Friedberg: Ein superknapper Gewinner mit 22 Stimmen Vorsprung
Am Ende der Auszählung steht es genau 50,0 Prozent zu 50,0 Prozent. Das soll das Ergebnis der Landratswahl in Aichach-Friedberg sein? Klingt wie ein Unentschieden, aber einen Gewinner gibt es trotzdem. In der zweiten Nachkommastelle lässt sich mit Lupe erkennen, dass der Kandidat der Freien Wähler, Marc Sturm, ganze 0,04 Prozentpunkte vorn liegt. Anders ausgedrückt: Er hat 22 Stimmen mehr. Zweiundzwanzig. 27.300 Stimmen hat Sturm bekommen. Sein CSU-Kontrahent Peter Tomaschko kommt auf 27.278 Stimmen. Wie knapp kann ein Ergebnis ausfallen? Ja! Der Landkreis Aichach-Friedberg wird nun jedenfalls erstmals nicht mehr von der CSU regiert, Stichwahl-Verlierer Tomaschko nimmt es mit Anstand und hat noch am Wahlabend gratuliert. Er fällt immerhin nicht tief: Der CSUler behält seinen Job als Landtagsabgeordneter.
Glött: Nicht mehr angetreten, dann aber elf Stimmen Vorsprung in der Stichwahl
22 Stimmen? In Glött gähnt man angesichts solcher klaren Ergebnisse vermutlich nur. Denn dort erhielt Friedrich Käßmeyer gerade einmal elf Kreuzchen mehr. Zugegeben, die Gemeinde im Landkreis Dillingen (902 Wahlberechtigte) ist dann doch ein wenig kleiner als der Kreis Aichach-Friedberg (mehr als 100.000 Wahlberechtigte). So ergab der Mini-Vorsprung für Käßmeyer letztlich 50,8 Prozent. Doch das noch Kuriosere: Käßmeyer, bereits seit 1990 Glötts Bürgermeister, kandidierte eigentlich nicht mehr. Auf dem Wahlzettel stand im ersten Wahlgang am 8. März nur ein Name, Thomas Heidel. Und trotzdem kam es zur Stichwahl. Weil viele Wählerinnen und Wähler weiterhin den Namen des langjährigen Bürgermeisters Käßmeyer auf die Zettel schrieben. Und weil mit Jürgen Uhl ein dritter, nicht offiziell nominierter, aber wahlkämpfender Kandidat, ebenfalls einen Teil der Stimmen holte. So verfehlte Heidel die für eine Wahl nötigen 50 Prozent, Käßmeyer landete auf dem zweiten Platz. Nach der gewonnenen Stichwahl steht er nun vor seiner siebten (!) Amtszeit. Allerdings in einem etwas verunsicherten Dorf, in dem die Rede von Spaltung ist. Denn Käßmeyer wird vorgeworfen, er habe, auch ohne offiziell anzutreten, eine Art Wahlkampf gemacht. Käßmeyer hat nun sechs Jahre Zeit, diese Risse wieder zu verfugen.
Wahl in Augsburg gewonnen, aber noch zu irrelevant für Wikipedia?
„Florian Freund (* 1953 in Vöcklabruck) ist ein österreichischer Historiker.“ Das erfährt man auf Wikipedia. Das ist aber nicht der Florian Freund, der am Sonntag die Stichwahl in Augsburg gewonnen hat. Denn: Florian Freund, demnächst Oberbürgermeister von Bayerns drittgrößter Stadt, hat keinen Wikipedia-Eintrag. Also, noch. Mit der gewonnenen Stichwahl sollte er die Schwelle der Wikipedia-Relevanz erreicht haben. Damit schließt er auf, unter anderem zu seinen Konkurrenten Martina Wild von den Grünen und Hannes Aigner von den Freien Wählern, die er schon im ersten Wahlgang hinter sich ließ. Nun sind die beiden aber bereits 2. Bürgermeisterin (Wild) und Kanu-Weltmeister (Aigner), was deren Internet-Relevanz erklären dürfte. Bald sollte es also auch auf Wikipedia heißen: „Florian Freund (* 1979 in Würzburg) ist Oberbürgermeister von Augsburg.“
Wahl in München verloren, noch im Amt, aber auf Social Media entschwunden
Dass Dieter Reiter nach seiner herben Niederlage bei der Stichwahl verletzt und angeschlagen ist, lässt sich erahnen. „Ich hab es verbockt, es war meine Schuld“, sagte der 67-Jährige noch bevor die Auszählung beendet war. Aber er hat es nicht nur verbockt, er scheint jetzt auch zu bocken. Am Morgen nach der Wahl hat Münchens Noch-Oberbürgermeister seine Social-Media-Kanäle gelöscht. Auf Instagram existiert @dieter_reiter_089 nicht mehr. Auch auf Facebook ist sein Profil verschwunden. Als der SPD-Politiker, der eigentlich nie mit seiner Partei in Verbindung gebracht werden wollte, am Wahlabend seinem Grünen-Kontrahenten zum Sieg gratulierte, kündigte er bereits seinen Rücktritt an: „Das war der letzte Tag meiner politischen Karriere.“ Dass er das so wörtlich meinen würde, war da nicht klar.
Eigentlich gibt es eine offizielle Amtsübergabe, bis dahin wäre Reiter noch Oberbürgermeister der Landeshauptstadt. Womöglich nimmt er nun aber einfach Urlaub und lässt den bisherigen Zweiten Bürgermeister einfach schon seinen künftigen Job machen. Dann wäre es für Dominik Krause in der Praxis ein Sofortstart ins Amt.
Die Münchner SPD-Stadtratsfraktion hat ihren OB am Wahlabend jedenfalls noch auf Instagram verlinkt. Sein Social-Entschwinden haben sie da wohl nicht kommen sehen.
Neu in Bayern: ein weiblicher Landrat – und dann auch noch grün
Diese Nachricht hat einen gewissen Einhorn-Faktor: In ganz Bayern werden Landratsämter von nicht-grünen Politikern regiert. In ganz Bayern? Jetzt nicht mehr! Die CSU hat in Landsberg gegen die Grünen verloren. Genauer: gegen eine Grüne. Daniela Groß heißt die Frau, die nun Bayerns einzige grüne Landrätin ist. Die 37-Jährige hat sich mit 61,5 Prozent der Stimmen gegen den CSU-Amtsinhaber Thomas Eichinger durchgesetzt. Was den CSUler womöglich aus dem Amt gekegelt hat, ist der Streit um den Bau eines neuen Landratsamts, das – Achtung, Umweltbewusstsein – quasi auf der grünen Wiese hätte entstehen sollen. Ein Bürgerentscheid hat die Pläne gekippt. Die Grüne Groß will sich nun übrigens vor allem für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einsetzen.
Gold in Salt Lake City, Bürgermeister in Berchtesgaden
Alexander Resch macht das Rennen in Berchtesgaden. Seinem Konkurrenten ist er davongefahren – jetzt will er die Gemeinde als Bürgermeister auf Kurs bringen. Als Teamplayer versteht sich. Höchstleistung unter Druck, das kann er ja. Nachdem damit die wichtigsten Profi-Sportler-Anspielungen erledigt sind, hier zu den Fakten: Berchtesgaden wird künftig von einem echten Olympiasieger geleitet. Resch war Rennrodler, im Doppelsitzer holte er 2002 in Salt Lake City Gold, außerdem war er mehrfach Weltmeister. Jetzt hat er in der Stichwahl einen weiteren bedeutenden Sieg seiner Karriere errungen und holte 53,2 Prozent. Er war für die CSU in seiner Heimatgemeinde angetreten. Berchtesgaden ist auch Sitz des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland und Olympiastützpunkt – auch zur Kunsteisbahn Königssee ist es nicht weit.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren