Rund 800 Menschen können für einen ordentlichen Geräuschpegel sorgen. Doch in diesem Moment ist es so still in der riesigen Halle, dass das Schluchzen eines einzelnen Menschen gut zu hören ist. München, Samstagabend, Wahlkampfveranstaltung der SPD mit Bundeskanzler Olaf Scholz: Kurz vor dessen Auftritt teilt die Landesvorsitzende Ronja Endres mit, dass der Anschlag von München seine ersten beiden Todesopfer gefordert hat. Endres ist sichtlich geschockt – mit ihr viele weitere Menschen im Löwenbräukeller, der ganz in der Nähe der Seidlstraße liegt, wo ein 24-jähriger Afghane am Donnerstag mit dem Auto in eine Demonstration der Gewerkschaft Verdi gefahren ist. Unter den Besuchern am Samstag sind offenbar auch Menschen, die den mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag miterlebt haben.
Zwei Todesopfer nach Anschlag von München: München trauert um Mutter und Tochter
Dabei wurden ein zweijähriges Mädchen und seine 37 Jahre alte Mutter so schwer verletzt, dass sie am Samstag im Krankenhaus starben. Mindestens 37 weitere Menschen wurden ebenfalls verletzt, der Fahrer am Anschlagsort festgenommen. Am Wochenende wenden sich Familie und Freunde der Getöteten in einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Die Stadt München hat sie auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Die getötete Frau, die als Kind aus Algerien nach Deutschland kam, arbeitete als Ingenieurin in der Stadtverwaltung, lebte mit ihrem Mann seit 2017 in der Stadt.
Nun schreiben Familie und Angehörige: „Wir möchten bekräftigen, dass der Tod und der Verlust nicht benutzt werden, um Hass zu schüren und ihn politisch zu instrumentalisieren. Amel war ein Mensch, der sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat,“ heißt es in dem Statement über die tote 37-Jährige. Sie „war aktiv für Solidarität, Gleichheit und setzte sich für Arbeitnehmer*innenrechte ein und gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung. Ihr war es sehr wichtig, ihrer Tochter diese Werte mitzugeben.“ Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) schreibt auf der städtischen Seite: „Der Schmerz ist nicht in Worte zu fassen.“
Olaf Scholz im Löwenbräukeller: „Wir werden uns mit diesen Taten nie abfinden.“
Genau diese Worte müsste Scholz aber nun am Samstag in München finden. „Olaf Scholz im Gespräch in München“ heißt die schon lange geplante Veranstaltung der bayerischen SPD. Bei derartigen Veranstaltungen, so sieht es das Konzept, vor, gibt es nur eine kurze Rede des Kanzlers. Ansonsten antwortet er auf Fragen. An diesen Plan hält sich Scholz selbst an diesem Tag. Zu Beginn geht er natürlich auf den Schrecken des Attentats ein, denkt an die Opfer, dankt den Helfern. Der Kanzler fordert eine harte Strafe für den Täter. Dieser müsse am Ende abgeschoben werden. „Wir werden uns mit diesen Taten nie abfinden.“ Dann aber geht es rasch in den gewohnten Modus über.
Scholz hat harte Tage hinter sich. In den Umfragen liegt er zurück, die „Hofnarr-Affäre“ hat am Image gekratzt und München ist nun der Tiefpunkt der Woche – nicht nur wegen des Anschlags, auch wegen der Sicherheitskonferenz. Sie offenbarte: Das Bündnis mit den USA, diese Lebensversicherung für das freie Europa, hat einen tiefen Riss. Die Außenpolitik, für die der Kanzler Scholz steht, hat nur noch eine schwankende Geschäftsgrundlage. Doch er gibt sich unbeeindruckt.
Nach dem Attentat von München: Migrations-Debatte dreht immer höher
Scholz steht im Löwenbräukeller nicht an einem Rednerpult, sondern in einem Kreis, das Publikum um ihn herum. Die Themen sind breit gestreut: Mieten, Renten, Staatsverschuldung oder Ärger mit der Bürokratie. Er antwortet aus dem Stegreif, die Fragesteller bei dieser Parteiveranstaltung sind, das ist zu hören, der SPD und ihren Zielen zugeneigt. „Alle Themen, um die es bei der Wahl geht, spielen bei so einer Veranstaltung eine Rolle,“ sagt der Wahlkämpfer Scholz hernach in einem Interview und versucht die Dinge in seinem Sinne einzuordnen: „Zusammenhalt ist genauso wichtig, wie die Durchsetzung von Recht und Ordnung.“
Doch nach dem Attentat dreht die Migrations-Debatte immer höher. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fordert eine eigenes Abschiebeprogramm für Afghanen, es brauche sofortige Verhandlungen mit den Taliban und jede Woche einen Abschiebeflug. In München gibt es am Wochenende Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Anschlag. Die AfD veranstaltet am Königsplatz, einige hundert Meter vom Tatort entfernt, eine Mahnwache für die Opfer mit laut Polizei etwa 70 Teilnehmern. Eine Gegendemonstration in unmittelbarer Nähe kommt laut Polizei auf etwa 600 Teilnehmer, dort müssen die Beamten teilweise eingreifen. Es gibt Festnahmen.
Zurück zum Vortag, in den Löwenbräukeller, zum Frage-Antwort-Spiel zwischen Kanzler und Bürgern. Ein Mann meldet sich und sagt, er sei ein Opfer des Anschlags. Er lobt den Kanzler für dessen Besonnenheit: „Ich bin froh, dass es Sie gibt.“ Antwort Scholz: „Ich bin berührt.“ Nach einer Stunde ist die Runde vorbei. Es gibt 56 Sekunden Applaus und danach die Gelegenheit zum Selfie mit Scholz.
Mehr als 5000 Polizisten bei Sicherheitskonferenz im Einsatz
Zuvor hat der Bundeskanzler am Samstag die Stelle besucht, an der der 24-Jährige in den Demonstrationszug gefahren ist. Er hat - wie am Vortrag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Söder - zusammen mit Münchens OB Dieter Reiter und Verkehrsminister Volker Wissing jeweils eine weiße Rose niedergelegt, hat mit Einsatzkräften gesprochen. Für eine Stellungnahme vor rund 20 Kamerateams kehrt er noch einmal an den Ort des Anschlags zurück, die Seidlstraße ist dafür mehr als eine Stunde gesperrt. Doch das fällt im Trubel der Sicherheitskonferenz wahrscheinlich nicht mehr groß auf.
Als Scholz am Anschlagsort vor die Kameras tritt, spricht er nur wenige Sätze. Er sagt: „Es ist sehr bedrückend, hier zu stehen.“ Der Kanzler dankt den Einsatzkräften, spricht von der vollen Härte des Gesetzes für den Attentäter und sagt dann noch, das Land müsse zusammenrücken. Das dauert nicht einmal zwei Minuten und der 66-Jährige spricht so leise in die Mikrofone, dass er schon in wenigen Metern Entfernung kaum noch zu verstehen ist. (mit dpa)
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