Schäfer stärken den Unesco Global Geopark im Kreis Donau-Ries
Schäfer fördern Artenvielfalt auf den Wacholderheiden im Donau-Ries
Gerade hat Simone Prinzing die Schafe ins Bett gebracht. Ihr Pferch liegt oberhalb des Wedelbucks in Harburg, einem Felsen am südöstlichen Rieskraterrand. Auf dieser mit Elektrozaun umsäumten Wiese verbringen die Schafe die Mittagsstunden. Es ist ein Bild wie aus der Schäferromantik: Viele Schafe liegen im Gras, dösen, blöken, schauen neugierig her. Dazwischen steigen Stare in Scharen auf. Und dahinter dehnt sich das Ries mit seinen Felsen, Hügeln und Siedlungen unter der Wolkendecke aus.
Hier unter freiem Himmel spielt sich das Leben von Wanderschäferin Simone Prinzing ab. So gut wie immer ist sie draußen, bei Regen, wenn die Mücken sie fressen oder sie gerade eine Grippe ausbrütet. Gemeinsam mit ihren Schafen zieht sie über die Weiden. Von Harburg bis hinauf ins Ries. 16 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Oder, wie Prinzing selbst sagt: Hobby und Urlaube braucht man keine mehr. Dafür fehlt die Zeit.
Als Landschaftspfleger genießen Schafe einen guten Ruf, weil sie Heiden und Almen von Verbuschung freihalten. Im Landkreis Donau-Ries, dem schafreichsten Kreis Schwabens, stehen sie auch im inoffiziellen Dienst von Unesco. Indem sie fressen, bewahren sie die einmalige Kraterlandschaft, geformt durch einen Asteroideneinschlag. Seit 2022 trägt sie das Prädikat „Unesco Global Geopark“. Wenn man so will, ist das auch den Schafen zu verdanken.
Die Merino-Landschafe, die hier so entspannt in ihrem Pferch liegen, tun zweierlei Jobs: Ganz natürlich mähen sie die Wacholderheiden. Diese Kalk-Magerrasen bieten seltenen Schmetterlings- und Pflanzenarten ein Zuhause. Zudem nutzen Samen, Insekten und sogar Eidechsen die Schafe als Taxis und vernetzen Biotope.
Auch der Geopark profitiert von den Tieren. Warum, erklärt Geopark-Geschäftsführerin Heike Burkhardt: Schafe und Ziegen teilen sich die Weide. Während Schafe auf der Heide äsen, machen sich Ziegen über Gestrüpp her und gehen in felsiges Gelände. Im Geopark Ries werden Ziegen gezielt zur Geotoppflege eingesetzt, sagt Burkhardt. Die Ziegen verhindern, dass die Steine zuwachsen. So kann der Geopark den Besucherinnen und Besuchern die geologischen Besonderheiten zeigen. Burkhardt nennt das „Auftragsarbeit für die Ziegen“. Nur dort, wo nicht mal Ziegen hinkommen, wird händisch entbuscht.
Früher ergab sich das mit der Landschaftspflege natürlicher. Da zogen Wanderschäfer über die Wacholderheiden im Ries. Im Winter trieben sie die Herden bis zur Mosel, wo das Klima milder ist. Auf den abgeernteten Äckern fraßen sie die Stoppeln und düngten mit ihrem Kot den Boden. Die Schäfer lebten vom Verkauf von Wolle und Fleisch.
Die Zeiten haben sich geändert. Kunstdünger ersetzt den Schafdung, Straßen und Siedlungen erschweren es den Schäfern, weiterzuziehen. Das Wollgeschäft ist nicht mehr profitabel. Selbst Fleisch können die Schäfer nur stellenweise an die Gastronomie oder auf Märkten verkaufen.
Auch im Ries ging die Schäferei zurück. Die Wacholderheiden wurden stellenweise zu Gestrüpp und Wald. Um gegenzusteuern, schlossen sich in den Zweitausendern die Rieser Naturschutzvereine mit dem Landkreis zur Heide-Allianz zusammen. Sie entbuschen, wo nötig, und unterstützen bei der Vermarktung der Produkte. Und sie kaufen Flächen für Nachtpferche und Triebwege, damit die Herden von A nach B kommen. Nachtpferche sind wiederum wichtig, damit die Schafe nicht auf den Heiden übernachten, den Magerrasen mit Kot überdüngen und Arten verdrängen.
Trotzdem ist die Schäferei ein knochenharter Job. Aber jemand muss ihn machen. Simone Prinzing ist so jemand. Die Frau mit den klaren Augen trägt einen Filzhut, unter dem sich im Nacken eine Locke kräuselt. Den grauen Pullover hat sie aus der Wolle ihrer eigenen Schafe hergestellt. Schafwolle – da kommt Prinzing ins Schwärmen: so warm, so winddicht, so nachhaltig. Eigentlich. Aber in Deutschland ist der Rohstoff uninteressant, gilt gar als Abfallprodukt. Für Prinzing ist er eine Herzensangelegenheit. Die Wolle ihrer Schafe lässt sie verarbeiten und klappert ein paar Märkte ab. Was dabei herausspringt? Derzeit noch nichts, sagt sie. Weil die Zeit fehlt.
Auch vom Fleisch können die Wanderschäfer wie Prinzing heute nicht mehr leben. Sie sind Dienstleister, pachten Flächen von Kommunen und Landwirten und beweiden sie. Dafür werden sie von Freistaat und EU bezahlt. Da aber der Freistaat sparen muss, sinken die Mittel, während Kosten für Versicherungen, Bürokratie und auch die Inflation steigen. Wenn die Förderungen gestrichen würden, müsste sie’s lassen mit der Schäferei, sagt Prinzing. Auch heute funktioniert der Laden nur, weil Eltern und Schwester mithelfen. Ihr Mann Ferdinand ist ebenfalls als Schäfer draußen bei den Tieren.
Damit die Schäfer es schaffen, brauchen sie gesellschaftliche Anerkennung, sagt Prinzing. Nicht nur, indem sie ihre Produkte verkaufen können. Es hängt alles mit allem zusammen: Die Wacholderheiden und die Geologie im Ries sind so wertvoll, dass die Unesco anklopft. Die Menschen müssen verstehen, dass diese Natur und Kulturlandschaft nur erhalten bleiben, wenn Schafe und Ziegen hier weiden, sagt Prinzing. „Der Gesellschaft muss wichtig sein, dass die Schäferei überlebt. Die Subventionen müssen den steigenden Kosten angepasst werden. Eine Kürzung wäre der Tod der Schäferei.“
Die Siesta ist vorbei, es kommt Bewegung in die Schafherde. Von der anderen Seite des Pferchs öffnet Ferdinand Prinzing den Elektrozaun. Die Schafe und Ziegen trippeln und rennen ihm entgegen. „Die kennen ihre Menschen“, sagt Simone Prinzing. Da schießt Lola her, einer der Hütehunde, schwarz, mit Schlappohren. Freudig, Simone Prinzing zu sehen, rennt sie ihr in die Arme. Warum macht Simone Prinzing weiter? Sie lacht. Sie sei viel draußen, erlebe schöne Momente in der Natur. Die Tiere geben ihr viel zurück, das Schmatzen der Schafe finde sie entschleunigend. „Für mich ist das sehr schön, dass das mein Leben ist.“
Ihr Leben, die Schaf- und Ziegenherde, erkundet gerade blökend den Hang am Wedelbuck. Die Ziegen steigen mit den Vorderhufen auf die Linden und rupfen Blätter ab. Und Hündin Lola legt sich erwartungsvoll ins Gras.
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