Trotz der anhaltenden Jobkrise sieht ein führender Arbeitsmarktexperte für Bayern Signale, die Hoffnung machen. „Zumindest der Großraum München hat sich in wichtigen Zukunftstechnologien schon ein starkes Standbein aufgebaut. Daraus kann sich noch mehr entwickeln“, sagte Professor Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unserer Redaktion. Wenn eine Region schon einmal Industrie- und Technologieland war, sei es wichtig, die bestehenden Netzwerke zu nutzen, um etwas Neues zu entwickeln, bevor es mit dem Alten zu Ende geht. „Dafür hat Bayern gute Chancen.“
Neben Hightech und Gesundheit könne auch die Verteidigungsindustrie einen – wenn auch begrenzten – Teil der Stellen kompensieren, die woanders verloren gehen. Auch hier gebe es Perspektiven für Bayern. „Entscheidend wird es aber sein, die immensen staatlichen Investitionen nicht nur zu nutzen, um aktuell die Auftragsbücher zu füllen, sondern stärker als in der Vergangenheit auch, um zusätzliche Wirtschaftskraft zu entfesseln, zum Beispiel durch Start-ups in der Rüstungsbranche“, sagte Weber.
Experte kritisiert Tankrabatt der Bundesregierung
Der Experte erwartet mehr Weitblick von der Bundesregierung. „Frühere Krisen konnte man aussitzen oder mit staatlicher Hilfe überbrücken, das geht jetzt nicht mehr. Wir haben faktisch keine Chance, das alte Geschäftsmodell dauerhaft zu halten“, sagte er. Der Verbrenner werde vom Markt gefegt und fossile Energie teuer bleiben. Aus Sicht des Experten ziehen Bundeskanzler Friedrich Merz und seine schwarz-rote Koalition daraus die falschen Schlüsse: „Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die wirklich auf Erneuerung setzt. Stattdessen führt die Regierung einen Tankrabatt ein und setzt den Anstieg des CO₂-Preises aus. Das ist natürlich nicht gerade ein Transformationssignal. Und so geht das jetzt seit Jahren, immer mal einen Schritt vor, dann wieder einen Schritt zurück.“
Auch Bayern hat inzwischen echte Probleme am Stellenmarkt – wenngleich die Lage im Freistaat noch immer deutlich besser ist als in weiten Teilen von Rest-Deutschland. Im Mai stieg die Zahl der Arbeitslosen in Bayern gegenüber dem Vorjahresmonat um 7178 auf 313.557, gegenüber dem April 2026 sank sie saisonbedingt leicht.
„Von Erholung können wir noch nicht sprechen“, warnt die Arbeitsagentur
„Von einer Erholung können wir noch nicht sprechen“, sagte Markus Schmitz, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA), am Freitag. Wer arbeitslos sei, habe es in der momentanen wirtschaftlichen Lage schwer, wieder in Arbeit zu kommen. Unternehmen seien weiterhin zurückhaltend bei Neueinstellungen. Aber auch Schmitz sieht einen positiven Aspekt: Der Rückgang der Erwerbslosenzahl gegenüber dem April ist „deutlicher als in den Jahren zuvor“ ausgefallen. Bundesweit fiel sie wieder unter die psychologisch wichtige Marke von drei Millionen.
„Wir erleben keine große Entlassungswelle, keinen harten Absturz, sondern eine lang anhaltende Flaute“, sagte Wirtschaftsforscher Weber. Das bedeute: sehr wenige Einstellungen, sehr wenig neue Jobs, kaum Firmengründungen in der Industrie. Weber empfiehlt der Bundesregierung Investitionen in die Infrastruktur, die über „die Reparatur von Schlaglöchern“ hinausgehen. „Wenn wir Geschäftsmodelle der Zukunft ermöglichen wollen, brauchen wir zum Beispiel leistungsstarke Netze für Daten, Strom oder Wasserstoff. Nur so entstehen auch neue Firmen und die brauchen wir.“
Jeden Monat gehen 15.000 Jobs in der Industrie verloren
Denn klar ist auch: Die neuen Jobs gleichen bislang bei weitem nicht das aus, was etwa in der Autoindustrie oder im Maschinenbau wegfällt. Zur Einordnung: Momentan gehen bundesweit jeden Monat ungefähr 15.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren.
Eine weitere Crux bleibt: Trotz fast drei Millionen Erwerbslosen finden viele Arbeitgeber keine Leute. Die Zahl der offenen Stellen, die bei den Arbeitsagenturen gemeldet sind, ist im Verlauf der vergangenen zwölf Monate sogar leicht gestiegen, um 8000 auf 643.000. „Die Zahl hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert“, sagte BA-Vorstandschefin Andrea Nahles. In manchen Bereichen bleibt der Fachkräftebedarf hoch, etwa im Elektro- und Installationshandwerk, in der Pflege, bei Fachärzten oder Berufskraftfahrern.
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