Kinder und Jugendliche, die sich stationär im Augsburger Josefinum befinden, dürfen ihre Smartphones nur zu eingeschränkten Zeiten nutzen. „Die jungen Patientinnen und Patienten sollen den Kopf frei haben für ihre Behandlungen, statt in virtuelle Welten abzutauchen“, sagt Privatdozent Tomasz Jarczok. Der Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der KJF Klinik Josefinum sieht Social Media in vielen Fällen als eine Art Brandbeschleuniger für Ängste, Süchte und Störungen. Dennoch zeigt er sich vom Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Australien bislang nicht überzeugt. Auch wenn man dort von einem ersten Erfolg spricht und längst auch in England und hierzulande die Verbotsdebatte an Fahrt aufnimmt. Zuletzt setzte sich in Deutschland Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) für einen verstärkten Jugendschutz hier ein.
Der erfahrene Arzt sieht Probleme beim Aufbau von Medienkompetenz
Tomasz Jarczok ist sich aktuell nicht sicher, ob ein vollständiges Verbot bis 16 Jahre der beste Weg ist. „Mögliche Auswirkungen des Verbots werden sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Dann wird es interessant zu sehen, ob der erhoffte Nutzen eintritt“, sagt er mit Blick auf Australien. Doch auch er betrachtet die sozialen Netzwerke als eine potenzielle Gefahr. „Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren sollten möglichst kein Social Media nutzen und auch bei Älteren sind zeitliche und inhaltliche Beschränkungen wichtig. Aber: Ein komplettes Verbot bis 16 Jahren könnte auch den Aufbau von Medienkompetenz erschweren“, sagt er und gibt zu bedenken: „Und ab 17 Jahren ist Social-Media dann wieder unbeschränkt zugänglich?“
Es sei eher selten, dass ein Kind alleine wegen einer Social Media-Abhängigkeit in die Klinik komme. „Aber eine starke Nutzung kann Probleme oder schon bestehende psychische Störungen verstärken.“ Das Thema sei sehr komplex und wissenschaftlich noch schwer zu umfassen. Tomasz Jarczok spricht von verschiedensten Phänomenen. Eines etwa trat während der Coronapandemie auf. Es kamen mehr Anorexie-Patientinnen in die Klinik als sonst.
„Die betroffenen Mädchen waren auf Social Media mit diesem bestimmten Körperbild konfrontiert.“ Das sei nicht neu gewesen, die Umstände allerdings schon. Weil während der Pandemie Kontaktverbot herrschte, habe es keine natürliche Regulierung durch Mitmenschen gegeben. „Die Mädchen sahen also nicht, wie andere Gleichaltrige eben nun mal auch ausschauen. Sie waren nur virtuell mit diesen bestimmten Körperbildern konfrontiert.“ Manche hätten in dieser Zeit eine schwere Magersucht entwickelt. Auch aktuell gebe es gefährliche Trends, wie SkinnyTok, die auf TikTok oder Instagram ein Mager-Ideal zelebrierten.
„Sind Jugendliche in dieser Schiene gelandet, wird es ihnen mit dem Algorithmus verstärkt eingespielt.“ Dann sei es schwer, sich dem zu entziehen. „Das ist nicht wie früher, als man solche Bilder allenfalls mal in einer Modezeitschrift gesehen hatte.“ Am Josefinum werden junge Patientinnen und Patienten mit weiteren Suchterkrankungen behandelt, bei denen die sozialen Netzwerke eine Rolle spielten.
„Manche Jugendliche entwickeln eine schnelle Abhängigkeit“
„Auf TikTok und Co. wird der Konsum von Drogen banalisiert und normalisiert“, berichtet der Chefarzt. „Der Konsum wird so dargestellt, dass die Schwelle des Einstiegs niedriger wird.“ Manche Jugendliche entwickelten eine schnelle Abhängigkeit. „In der Pandemie gab es das Phänomen der Opiate und Beruhigungsmittel, die propagiert wurden. Gerade wird vermehrt für Crack und Kokain geworben.“ Es gebe Codewörter, die die jungen Nutzerinnen und Nutzer als Hashtag eingeben, um bestimmte Inhalte zu finden. Das seien nur ein paar Beispiele von vielen. Grundsätzlich sieht Jarzcok bei extremen Social Media-Konsum auch die Gefahr, dass Jugendliche wichtige Entwicklungsschritte verpassten.
Miteinander agieren, kommunizieren oder Konflikte lösen - diese Fähigkeiten würden oft nicht mehr richtig erlernt. Tomasz Jarczok kommt auf das Thema Brandbeschleuniger zurück. „Ist ein Jugendlicher sozial ängstlich oder hat bereits autistische Züge, fällt es ihm erstmal leichter sich mit Social Media zu beschäftigen. Umso schwerer wird er aber lernen, seine Schwierigkeiten zu kompensieren.“ Letztendlich, so Tomasz Jarczok, ist die große Herausforderung, Kinder und Jugendliche vor negativen Auswirkungen zu schützen. Ein Patentrezept hat der Mediziner dafür auch nicht, sieht die Verantwortung aber vor allem bei den Eltern und den Schulen, die Kinder auf die virtuelle Welt mit ihren Gefahren vorzubereiten und sie damit nicht alleine zu lassen. Auch sieht er die Betreiber der Plattformen in der Pflicht, problematische Inhalte zu löschen. „Da ist bei allen Beteiligten noch ganz viel Luft nach oben.“
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