Ganz München redet über die Wiesn. Eines der beliebtesten Themen: Wer heutzutage Tracht trägt und lieber die Finger davon lassen sollte. Stichwort: „Stoffhosen in Lederhosenoptik! Trachtensocken in Sneakers!“. Und dann natürlich das Bier. Die einen mokieren sich über den Exzess und darüber, dass die Wiesn Alkoholmissbrauch verharmlose. Die anderen maulen über die Bierpreise. Denn letztere steigen zuverlässig von Jahr zu Jahr. Und nicht nur das: Auch das Hendl wird teurer und selbst für die Wilde Maus muss man tiefer in die Tasche greifen. Fürs gleiche Geld immer weniger genießen, so schaut's im Jahr 2025 aus. Was kriegst' für 100 Euro auf der Wiesn? Ein Selbstversuch.
100 Euro minus 28 Euro macht 72 Euro
Ein Wiesnbummel soll es also werden. Die Ausrüstung: Regenschirm und zwei 50-Euro-Scheine. Der Tag beginnt mit Nieselregen und der spült die Menschen ins Festzelt. Da ist es kaum wärmer, aber trocken. Durchs Hacker-Festzelt wabert am Vormittag Stimmengewirr, die Blaskapelle „Die Kirchdorfer“ stimmt erst um zwölf Uhr an. Wer jetzt schon sitzt, trinkt. Und wer trinkt, trinkt eine Maß. Kombiniert mit einem Weißwurstfrühstück kommen 26,80 Euro zusammen, sagt die freundliche Bedienung. Man rundet auf 28 auf. Die Biermaß macht davon 15,40 Euro aus – 30 Cent mehr als vergangenes Jahr. Der Rest geht für die Weißwürste und eine Breze drauf.
Wie empfinden das die Gäste? Mit den Sitznachbarn kommt man bekanntlich am schnellsten ins Gespräch. Die da wären Pilotin Courtney und ihr Partner Michael, beide aus Washington D.C. Jeweils eine Maß steht vor den beiden. Es ist ihr erster Tag auf der Wiesn. Vier Tage und Nächte wollen sie sich hier herumtreiben, sie sind extra fürs Oktoberfest da. Gestern noch Tracht eingekauft, 275 Euro hat Courtney dafür hingeblättert. Michael hat seine Lederhose schon vor ein paar Monaten für 399 Euro während eines beruflichen Zwischenstopps in München gekauft. Dazu kommen das Hotel und eben das Volksfest selbst: Für jeden Tag haben die beiden zusammen 500 Euro veranschlagt. „Das meiste wird für Bier draufgehen“, sagt Michael mit einem breiten Grinsen. „Das ist teuer“, gibt Courtney zu und wirkt ganz und gar nicht betrübt. In Washington D.C. wurde Oktoberfestbier von Spaten für 13 Dollar ausgeschenkt. „Weniger als auf der Wiesn selbst!“, ruft Courtney und muss lachen. Aber man zahle in München ja auch für die Atmosphäre. Sie meint damit vielleicht auch den blauen Himmel an der Zeltdecke. Und den „Böhmischen Traum“, den „Die Kirchdorfer“ jetzt auf der Bühne anstimmen.
Die Preiszuwächse auf der Wiesn sind ein eigenes Genre für Datenliebhaber und Medien. Die Inflation von Bier bis zur Zuckerwatte, alles wird berechnet. Am zuverlässigsten ist wohl das Statistische Amt in München. Demnach kostet eine halbe Ente dieses Jahr im Schnitt 37,96 Euro, im Vorjahr waren es 37,75 Euro. Der Schweinshaxe ist von 26,55 auf 27,05 Euro hinauf gekraxelt und der Kaiserschmarrn von 20,02 auf 21,42 Euro.
Blogger Stefan Kammler hat auf seiner Webseite „Wiesnkini“ einen eigenen Wiesnpreisindex entwickelt, um die Inflation zu messen. Er zählt jedes Jahr die Kosten für einen exemplarischen Wiesnbumml einer vierköpfigen Familie zusammen. Immer gibt es Bier, ein paar Süßigkeiten und Schaugeschäfte, dazu Essen in einem Festzelt. Das Ergebnis: Heuer kommt der Wiesnkini auf 227,20 Euro, das sind fast vier Prozent mehr als im Vorjahr. Von 2023 auf 2024 stiegen die Kosten für den Wiesnbesuch um lediglich 2,3 Prozent.
72 Euro minus 5 Euro minus 4 Euro minus 10 Euro macht 53 Euro
Die Fahrgeschäfte bleiben dem Wiesnkini zufolge stabil, die Mandeln meist bei fünf Euro pro 100 Gramm. Mit der herzchenbemalten Tüte voller karamellisierter Nüsse zieht man also an den Schausteller- und Bratwurstbuden entlang. Ein paar Klassiker abhaken. Der Flohzirkus (vier Euro) mit Flohherr Fridolin und Flohdame Heidi. Danach: Riesenrad, das dreht sich schließlich schon ewig über die Wiesn. Als sich die Kabine um diese Zeit in den grauen Himmel erhebt, kostet das Ticket zehn Euro. Die Regentropfen ziehen Schlieren über das Fensterglas, dahinter verschwimmen Wiesn, München und ferner die Isarauen. Im Internet hat sich jemand die Mühe gemacht, das Preis-Leistungs-Verhältnis des Riesenrads zu berechnen: Die Webseite „München sehen“ nennt die Attraktion preisgünstig. Der Minutenpreis für die Drehung liege ungefähr bei 75 Cent.
53 Euro minus 5 Euro macht 48 Euro
Wie ist das für die Schausteller mit den Preisen? Dazu hat Hans eine klare Meinung. Hans hat sich in einen roten Fleecepulli gepackt und wartet darauf, dass Menschen an der Schießbude auf Tonsterne schießen. Den Stand betreibt seine Partnerin Ursula. „Die Produktionskosten sind gestiegen. Die Ware ist teurer geworden und die Personalkosten auch“, sagt Hans und schaut den wenigen Besucherinnen und Besuchern zu, die in Schirm und Regenjacke am Stand vorbeischlendern. Die Preise müssten eben der Teuerung angepasst werden. Die Stammkunden halten der Bude zwar die Treue, aber wenige neue kämen hinzu. Insgesamt würden die Menschen weniger ausgeben. „Man muss eben erklären, wie die Preiserhöhung zustande kommt“, sagt Hans. Was anderes hilft nicht. Also wird sechsmal auf Tonsterne geschossen, Kostenpunkt: fünf Euro. Der Gewinn ist ein Labubu und ein Plüschherz. Einen Strauß Kunstrosen legt Hans noch obendrauf.
48 Euro minus 4 Euro minus 8 Euro minus 35 Euro macht 1 Euro
Langsam geht das Geld zur Neige, die Kälte krümmt die Finger und der Magen knurrt. Vor dem Regen und gegen den Hunger also für vier Euro auf die Oide Wiesn flüchten, in den Zelten dort soll das Essen bekanntlich günstiger sein. Im Vorbeigehen noch ein Lebkuchenherz für acht Euro abstauben, denn ein Lebkuchenherz gehört nun mal zu einem Rummelbummel dazu. „Ja so warn's, die alten Rittersleut“ singen sie in der Schütznlisl. Was kommt auf den Mittagstisch? Die Maß muss sein, das sind hier 14,90 Euro. Bleiben 21 Euro und zehn Cent fürs Essen. Für die Klassiker will das nicht reichen: 22,80 Euro kostet der Schweinsbraten, ein halbes Hendl 20,50 Euro, die Ente aus Niederbayern macht 40,50 Euro. Am Ende also Spätzle aus sämiger Soße gabeln für 19,60 Euro. Der Dessertmagen kriegt die restlichen gebrannten Mandeln. Die sind in der Handtasche ausgekühlt.
Was also hilft, wenn das Geld auf der Wiesn nicht reicht? Vielleicht der Rat eines Münchner Urgesteins. Das nennt sich Wolfi, trägt eine graue Strickjacke und einen Filzhut und bummelt mit Frau und drei Töchtern über die Oide Wiesn. Das Urgestein kann sich an die Bierleichen erinnern, die zu Kindheitszeiten schon an der Bavaria-Statue herumgekugelt sind. „Als Jugendlicher war ich fast selber eine“, fügt Wolfi hinzu und lacht. Die Wiesn sei über die Jahre kommerzieller geworden, natürlich. Die saftigen Preise? „Das wär kein Grund, nicht auf die Wiesn zu gehen. Das eine Mal im Jahr.“
In der Schütznlisl wählt Barbara im rosaroten Kaschmirpullover den Weg der Genügsamkeit: 10,50 Euro hat sie für ihren Aperol Spritz hingelegt, extrem günstig, wie sie sagt. Sie will dabei bleiben, es soll ihr einziges Getränk heute auf dem Oktoberfest sein. „Mehr Umdrehungen als Bier bei weniger Geld. Eine tolle Glas-Preis-Leistung“, sagt sie und lacht. Dabei feiert sie heute ihren 60. Geburtstag.
1 Euro minus 1 Euro macht 0 Euro
Weil der Geldbeutel leer ist, bleibt nichts anderes übrig, als dem Oktoberfest den Rücken zuzukehren. Noch einmal an den Zuckerwattebuden und den Geisterbahn-Werwölfen vorbeischlendern, noch einmal Bratenfett-Geruch einatmen. Der letzte Euro landet auf dem Trinkgeldteller der Toilette. Mit 100 Euro auf die Wiesn, da kommt man nicht weit. Aber was heißt das schon. Am Ende zahlt eben jeder, was ihm die Wiesn wert ist.
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