Lehrerinnen und Lehrer werden immer häufiger Opfer von Gewalt. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, ist dennoch davon überzeugt, dass sich vor allem die Schulen aktiv gegen eine Verrohung der Gesellschaft stellen. „Wir sind die Bildungs- und Erziehungsinstitution, die dagegenhält“, sagt die ehemalige Schulleiterin unserer Redaktion. „Wir üben mit den Kindern Demokratie, vermitteln Respekt und gewaltfreie Kommunikation.“ Ja, es sei wichtig, Schülern den Satz des Pythagoras beizubringen. „Aber sozialen Zusammenhalt zu lehren, ist noch viel wichtiger.“ Gerade jetzt.
Nach einer Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik für die vergangenen Jahre 2015 bis 2024 ist die Zahl der Fälle, in denen Lehrkräfte als Opfer vorsätzlicher einfacher Körperverletzung aktenkundig wurden, in diesem Zeitraum von 717 auf zuletzt 1.283 gestiegen. Dazu kommen noch mehr als 500 Fälle von schwerer Gewalt. In diese Kategorie fallen beispielsweise Raub, sexuelle Übergriffe oder schwere und gefährliche Körperverletzung. Stefan Düll, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, nennt die Zahlen alarmierend. „Sie bestätigen, was viele Lehrkräfte seit Jahren erleben: Gewalt, Bedrohungen und Respektlosigkeit.“ Als Gewalttaten gegen Lehrkräfte zählt die Polizei dabei nur Angriffe, bei denen es einen Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit einer Lehrerin oder eines Lehrers gibt.
Bayern bietet spezielle Fortbildungen über Gewalt gegen Lehrer an
In Bayern hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa zuletzt im Herbst 2024 eine große Untersuchung zur Gewalt gegen Lehrkräfte durchgeführt. 59 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter sagten damals, dass Übergriffe an ihrer Schule innerhalb von fünf Jahren zugenommen hätten. Etwa zwei Drittel berichteten von körperlichen Angriffen, Bedrohungen, Belästigungen und Mobbing – sowohl durch Schüler als auch Eltern. Jede dritte Schulleitung im Freistaat bedauerte, dass mit dem Thema Gewalt nicht offen genug umgegangen werde. Oft scheitere die Aufarbeitung an uneinsichtigen Täterinnen und Tätern und Eltern, die nicht kooperierten, heißt es in der Analyse.
Das bayerische Kultusministerium betont auf Anfrage, dass es Lehrkräfte in Bayern bestmöglich vor Gewalt schützen wolle. Jeder gemeldete Vorfall werde verfolgt, egal ob es sich um physische oder psychische Gewalt wie verbale Beleidigungen in Online-Chats handle. Außerdem verweist das Ministerium auf Fortbildungen, in denen Lehrkräfte lernen, wie sie mit „herausfordernden Situationen im Klassenzimmer“ richtig umgehen. Eine spezielle Handreichung soll Schulen ferner helfen, bei Übergriffen auf Lehrkräfte „entschieden und gleichzeitig umsichtig“ zu handeln. Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Marcel Emmerich, fordert darüber hinaus bessere Schutzkonzepte für die Schulen – etwa in Form moderner Alarmsysteme.
Gewaltprävention: Lehrkräfte sehen auch die Familien in der Pflicht
Lehrerpräsidentin Fleischmann verlangt überdies, „dass sich der Dienstherr bei jedem Gewaltfall ganz klar vor die betroffene Lehrkraft stellt: die Schulämter, die Regierung, die Kultusministerin und der Innenminister“. Ihr Verband stellt betroffenen Lehrkräften juristische Hilfe zur Seite. Die Präsidentin sieht allerdings auch Familien in der Pflicht: „Wenn ein Kind schon morgens am Frühstückstisch hört, wie die Eltern über die vermeintlich unfähige Lehrkraft herziehen, dann wirkt sich das natürlich auch auf den Umgang des Kindes mit dieser Lehrkraft aus.“ (mit dpa)
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