Der britische Geheimdienst GCHQ soll Medienberichten zufolge Webcam-Chats von Millionen Yahoo-Nutzern weltweit angezapft haben. Diese weckten nicht nur bei Verschwörungstheoretikern schlimme Befürchtungen.
Kann es sein, dass ausgerechnet die westliche Welt den düsteren Überwachungs-Visionen aus George Orwells Anti-Utopie "1984" unheimlich nahe gekommen ist? Laut den neuesten Enthüllungen aus dem Fundus von Whistleblower Edward Snowden scheinen Orwells Landsleute beim britischen Abhördienst GCHQ den Roman als Ideengrube entdeckt zu haben.
Abhöraktion des britischen Geheimdienstes erinnert an Orwells "1984"
Orwells Welt hatte die allgegenwärtigen "Telescreens": Bildschirme, die Menschen mit Propaganda überschütteten und zugleich beobachteten. Das GCHQ-Projekt "Optic Nerve" teilt sich mit Orwells Telescreens zumindest eine Grundidee: Die heimliche Bildüberwachung ohne jeden Verdacht.
So werden Sie heute überwacht
Polizei und Geheimdienste haben die Überwachung unserer Kommunikation in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Egal ob Telefon, Mail, SMS oder Chat - praktisch alles wird gespeichert, gescannt, mitgehört, mitgelesen.
In Deutschland werden monatlich rund 500 Millionen Kommunikationsverbindungen durch den US-Geheimdienst NSA überwacht, heißt es.
Tempora: Der britische Geheimdienst GCHQ zapft seit Jahren ein Glasfaserkabel an, über das der internationale Datenverkehr zwischen Europa und Übersee läuft. Gespeichert werden Verbindungsdaten für 30 Tage, Mails und Nachrichten und Telefongespräche für drei Tage.
Prism: Unter diesem Namen spioniert der US-Geheimdienst NSA Nachrichten, Mails und Fotos aus. Betroffen sind Kunden von Firmen wie Facebook und Google.
Jeder, der seit 2008 den Videochat-Dienst des Internet-Konzerns Yahoo benutzt hat, muss davon ausgehen, dass beim GCHQ Standbilder aus seinen Unterhaltungen gelandet sein könnten. Es geht um Millionen Menschen. Und was ist mit anderen Diensten? Snowdens Unterlagen öffneten bisher nur einen recht schmalen Spalt in die geheime Welt der Netz-Überwachung von GCHQ und seinem großen US-Bruderdienst NSA. Mit dem wachsenden Ausmaß der Enthüllungen scheint nahezu alles denkbar.
Schockierende Enthüllungen: Geheimdienst überwacht Yahoo-Kunden
"Optic Nerve" führt den Bruch der Privatsphäre mit seinen heimlichen Screenshots in eine neue Dimension. Bislang ging es um das massenhafte Abgreifen von E-Mails, Adressbüchern, Kurznachrichten oder Ortungsdaten. Nun steht in Frage, ob der Geheimdienst Millionen Menschen dabei beobachtet hat, wie sie in ganz privaten Situationen über das Web kommunizieren.
Britischer Geheimdienst späht intime Webcam-Chats aus
Der Fall Snowden - Eine Chronologie
Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden ist seit Wochen auf der Flucht. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen der Affäre:
5. Juni: Die britische Zeitung «The Guardian» berichtet, dass der Handynetzbetreiber Verizon dem US-Geheimdienst NSA auf der Grundlage eines geheimen Gerichtsurteils täglich Informationen zu allen Telefonanrufen innerhalb der USA sowie zwischen der USA und anderen Ländern übermitteln muss.
6. Juni: Berichten der «Washington Post» und des «Guardian» zufolge dürfen die NSA und die Bundespolizei FBI auf Serverdaten der Internetkonzerne Google, Microsoft, Yahoo, Facebook, Apple, Youtube, Skype, AOL und PalTalk zugreifen. Das geheime Überwachungsprogramm wurde demnach 2007 eingeführt.
7. Juni: US-Präsident Barack Obama spricht von einem notwendigen Kompromiss zwischen Privatsphäre und Sicherheit.
9. Juni: Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, der über Hawaii nach Hongkong geflohen war, gibt sich als Quelle der Enthüllungen zu erkennen. Drei Tage später beschuldigt er Washington, weltweit «hunderttausende Computer» zu überwachen.
21. Juni: Die US-Regierung beschuldigt Snowden der Spionage, des Diebstahls und der illegalen Nutzung von Regierungseigentum. Washington verlangt von Hongkong die Auslieferung des IT-Experten.
23. Juni: Snowden, gegen den inzwischen ein Haftbefehl vorliegt, reist nach Moskau. Sein Reisepass wurde von den US-Behörden ungültig gemacht. Der ecuadorianischen Regierung liegt nach eigenen Angaben ein Asylantrag Snowdens vor. Washington warnt Moskau und Peking vor diplomatischen Konsequenzen.
25. Juni: Russlands Präsident Wladimir Putin bestätigt, dass sich der Ex-Geheimdienstmitarbeiter weiterhin im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo aufhält.
30. Juni: Auch die EU ist laut Berichten des Magazins «Der Spiegel» Opfer der NSA-Spionage geworden. Der Geheimdienst habe unter anderem die EU-Vertretung in Washington und New York abgehört. Frankreich und Deutschland verlangen Aufklärung von der US-Regierung. Obama verspricht, alle Informationen vorzulegen.
1. Juli: Putin bietet Snowden ein Aufenthaltsrecht in Russland an, fordert aber, dass der Informant seine Aktivitäten gegen die USA einstellt. Nach Angaben der Plattform «Wikileaks» hat Snowden in zahlreichen Ländern, darunter Deutschland, um politisches Asyl ersucht.
2. Juli: Mehrere Staaten lehnen Snowdens Asylantrag ab. Nach Ländern wie Deutschland, Österreich, Brasilien, Spanien und Polen erteilen ihm am Tag darauf auch Frankreich und Italien eine Absage.
3. Juli: Der Fall Snowden führt zu weiteren diplomatischen Verwicklungen. Der bolivianische Präsident Evo Morales muss während eines Flugs von Moskau in seine Heimat einen 13-stündigen Zwangsstopp in Wien einlegen, nachdem ihm mehrere EU-Länder den Überflug verwehrt hatten. Hintergrund sind offenbar Gerüchte, dass sich Snowden an Bord der Maschine befand.
5. Juli: Nicaragua, Venezuela und Bolivien erklären sich bereit, Snowden aufzunehmen.
7. Juli: Snowden beschuldigt den Bundesnachrichtendienst in einem «Spiegel»-Interview, schon seit langem mit der NSA zusammenzuarbeiten.
12. Juli: Snowden beantragt vorübergehendes Asyl in Russland, um anschließend nach Lateinamerika ausreisen zu können. Der russische Parlamentspräsident Sergej Naryschkin, ein Vertrauter Putins, spricht sich dafür aus, Snowden zumindest zeitlich begrenzt politisches Asyl zu gewähren.
20. August: Die englische Regierung zwingt Redakteure des "Guardian", Material zur NSA-Affäre zu vernichten. Es seien mehrere Festplatten im Keller der Redaktion zerstört worden, berichtet "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger.
27. Oktober 2013: Durch die Informationen von Edward Snowden kommt ans Licht, dass die USA das Handy der Bundeskanzlerin abgehört haben. Angeblich hat die NSA 35 Staatsführer weltweit belauscht.
31. Oktober 2013: Der Berliner Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele reist unter größter Geheimhaltung nach Moskau und trifft Edward Snowden.
Ströbele bringt einen Brief Snowdens mit nach Deutschland: Darin bietet er an, in Deutschland auszusagen - erbittet im Gegenzug aber Asyl in der Bundesrepublik.
"Unglücklicherweise (...) scheint es, dass eine überraschend hohe Zahl von Menschen die Webcam-Gespräche nutzen, um der anderen Person intime Körperteile zu zeigen", umschrieben die britischen Spione vornehm den beobachteten Cybersex. Der voyeuristische Beifang hilft nicht beim angeblichen Ziel des Projekts - mit Hilfe von Gesichtserkennung zu klären, ob hinter verschiedenen Nutzerkonten die gleichen Verdächtigen stecken. Dafür machen die Bilder viele Menschen zumindest potenziell erpressbar.
Bürgerrechtler empört über Ausmaß des Abhöraktion
Die amerikanische Bürgerrechts-Organisation ACLU (American Civil Liberties Union) sprach umgehend von einer "schockierenden Enthüllung" und sieht dringenden Handlungsbedarf. "In einer Welt, in der es keine technologische Hürde für durchdringende Überwachung gibt, muss das Ausmaß der Überwachungs-Aktivitäten der Regierung von der Öffentlichkeit entschieden werden", forderte ACLU-Jurist Alex Abdo.
NSA an Überwachung von Millionen Yahoo-Nutzern beteiligt?
Zugleich warf er die Frage nach einer Beteiligung der NSA auf. "Wir müssen mehr darüber erfahren, was die NSA wusste und welche Rolle sie gespielt hat." Denn laut früheren Snowden-Enthüllungen holt der GCHQ oft für die NSA die Kastanien aus dem Feuer. Dem US-Geheimdienst ist es verboten, Amerikaner zu überwachen. Wenn dies die Briten tun und dann ihre Daten zur Verfügung stellen, hat die NSA zumindest wissentlich keine US-Bürger ins Visier genommen.
"Guardian"-Reporter Spencer Ackermann schaffte es, die Frage nach der Rolle bei der Webcam-Überwachung nach einer Anhörung im US-Senat NSA-Chef Keith Alexander zuzuwerfen. "Hmm, Webcam. Das ist eine gute Frage", ließ der General nur im Vorbeigehen fallen, berichtete Ackermann. AZ/dpa