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Dillingen: 100. Geburtstag: Mit 14 war Herma Hörwick DJ im Café der Eltern

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100. Geburtstag: Mit 14 war Herma Hörwick DJ im Café der Eltern

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    Kaffeekränzchen sind „eigentlich nicht so meine Sache“, sagt Herma Hörwick. Als jahrzehntelange Geschäftsführerin des beliebten Café Nagler am Dillinger Stadtberg ist ihr die andere Seite lieber. Am heutigen Freitag feiert die Dillingerin ihren 100. Geburtstag und lässt sich auch einmal ein bisschen verwöhnen.
    Kaffeekränzchen sind „eigentlich nicht so meine Sache“, sagt Herma Hörwick. Als jahrzehntelange Geschäftsführerin des beliebten Café Nagler am Dillinger Stadtberg ist ihr die andere Seite lieber. Am heutigen Freitag feiert die Dillingerin ihren 100. Geburtstag und lässt sich auch einmal ein bisschen verwöhnen.

    Sie hätte jede Menge zu erzählen und zu plaudern. Ein hundertjähriges Leben in Dillingen, über 50 Jahre davon in dem Café am Platz – erst als Tochter des Hauses, später als Geschäftsführerin. Da kommt einiges an Geschichten und Anekdoten zusammen. Dillinger Professorengattinnen, die sich zum Nachmittagstee treffen, junge Paare, die schüchtern zum ersten Mal Händchen halten, amerikanische Soldaten, die die hausgemachten Torten und Pralinen lieben, aber auch unvergessliche Tanzabende mit Livemusik, Swing und Foxtrott gehören zur Geschichte des Café Nagler am Stadtberg – und zur Lebensgeschichte von Herma Hörwick, die am heutigen Freitag 100 Jahre alt wird.

    Herma Hörwick bewahrt die Geheimnisse ihrer Gäste

    Doch Herma Hörwick ist bis heute der obersten Maxime eines jeden guten Gastronomen treu geblieben. „Diskretion muss gewahrt sein. Über Gäste wird nicht gesprochen“, sagt die ehemalige Geschäftsführerin und beantwortet manche Frage nur mit einem ebenso verschmitzten wie vielsagenden Lächeln. Nicht nur die Diskretion hat sich Herma Hörwick über die Jahre bewahrt, ein wacher Geist, Unternehmungslust, die Pflege sozialer Kontakte, Anpassungsfähigkeit und nicht zuletzt Stärke und Durchsetzungsvermögen als Geschäftsfrau und Mutter von sieben Kindern begleiteten sie durch die gesamte Lebenszeit hindurch.

    Geboren wurde Herma Hörwick als Herma Anna-Maria Nagler im Mai 1921 als jüngstes von drei Kindern des Konditorenpaares Leonhard und Anna Nagler. Die Eltern hatten zwei Jahre zuvor das Café Nagler, damals noch am Stadtberg 9, in Dillingen eröffnet. Die Erinnerung an die Kindheit im Café mit angeschlossenem Geschäft ist geprägt von den Nachwehen des Ersten Weltkriegs. „Es gab so viele Arbeitslose und arme Menschen. Manchmal habe ich mich als junges Mädchen regelrecht geschämt, weil bei uns die schönsten Kuchen und Torten angeboten wurden, während andere Menschen in der Stadt sich nicht genug zu essen leisten konnten“, erinnert sich Herma Hörwick.

    Die Zeiten machten es nötig, dass in der feinen Confiserie des Vaters nun auch Brot gebacken und verkauft wurde. „Das war aber eigentlich unter unserem Niveau“, sagt Herma Hörwick – schließlich sei der Vater auf feines Gebäck und Pralinen spezialisiert gewesen, doch das war purer Luxus. Anfang der Dreißigerjahre zog das Café Nagler um, an den Stadtberg 30, wo sich bis dato die Konditorei Artmann befand. Deren Besitzer hatten das markante vierstöckige Haus mit den großen Rundbogenfenstern im Jahr 1911 erbaut. Im Erdgeschoss richteten die Naglers ihr Ladengeschäft ein, im ersten Stock das elegante Kaffeehaus, das viele ältere Dillinger noch in guter Erinnerung haben.

    Samstags durfte Herma als junges Mädchen Platten auflegen

    Herma half selbstverständlich schon als junges Mädchen täglich im Laden mit. Die größte Freude hatte sie, wenn sie als 14-Jährige am Samstagabend Schellackplatten auflegen durfte – dann nämlich war Tanz angesagt im feinen Café Nagler. Die Klientel war gehoben. „Dillingen war schon damals eine Beamtenstadt, im Gegensatz zu Lauingen, wo es die Fabrik gab“, erinnert sich Herma Hörwick.

    Zur Schule ging sie zunächst in Dillingen, später für zwei Jahre auf die Schule „für höhere Töchter“ bei den Englischen Fräulein in Wallerstein. Von dort im Ries stammten beide Elternteile, und die junge Frau wohnte während dieser Zeit bei einer Tante. Im darauffolgenden Sommer – wir schreiben das Jahr 1939 – half Herma noch bei der Ernte in Maihingen mit. Als sie zurückkam, brach der Zweite Weltkrieg aus – „und mit einem Schlag war die Jugend vorbei“, berichtet die Jubilarin.

    Nachdem die beiden Geschwister kein Interesse an der Übernahme des elterlichen Betriebs zeigten, absolvierte Herma die dreijährige Lehre zur Verkäuferin und blieb dem elterlichen Unternehmen treu. Gewohnt haben die Familie und viele der insgesamt rund 20 Angestellten in den beiden oberen Stockwerken des Hauses. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs richteten die amerikanischen Soldaten ihre Kommandantur in dem Haus ein. Das Café konnte die Familie Hörwick als amerikanisches Militär-Casino weiterführen, gewohnt hat sie während dieser Zeit vorübergehend im Haus der Oberen Stadtapotheke.

    In Kollegenkreisen des Vaters hatte sich derweil herumgesprochen, dass es im Café Nagler eine hübsche Tochter im heiratsfähigen Alter gebe, und so stellte sich eines Tages Hermann Hörwick, ein junger Mann aus der Nähe von Jettingen, als Brautwerber im Geschäft vor. Er arbeitete als Konditor im renommierten Augsburger Café Drexl und konnte sich gut vorstellen, nach Dillingen zu kommen. Herma Hörwick hat der junge Mann gefallen, und so haben die beiden im Jahr 1949 geheiratet und schließlich das Café der Eltern übernommen.

    Das Café Nagler ist für Herma Hörwick Jahrzehnte lange der Mittelpunkt

    Das Café Nagler blieb über Jahrzehnte hinweg die erste Adresse am Ort und Herma Hörwick war der Mittelpunkt, dort wie in der Familie. Sieben Kinder, geboren zwischen 1950 und 1964, gingen aus der Ehe von Herma und Hermann Hörwick hervor. Die Jüngste von ihnen, Jutta, erzählt von der Zeit, wie sie sie erlebt hat: „Bei uns war immer etwas los, meine Geschwister und ich waren stets eingebunden in das Geschäft. Richtung Donaualtheim hatten meine Eltern einen großen Garten, da wurde einiges angepflanzt, was wir dann in der Konditorei verarbeitet haben: Stachelbeeren, Kirschen, Himbeeren, jede Menge Äpfel und Zwetschgen. Und an Sonntagsausflug war bei uns natürlich nicht zu denken, da war Hochbetrieb im Café“, erinnert sich die 56-Jährige, die seit gut fünf Jahren bei ihrer Mutter lebt und ihr im Alltag zur Hand geht. Denn auch wenn Herma Hörwick bis ins hohe Alter geistig und körperlich bei bester Verfassung war, treten nun doch Ermüdungserscheinungen auf.

    Dass sie gewohnt war, sich um vieles gleichzeitig und mitunter auch alleine kümmern zu müssen, merkt man ihr an. Man kann sie durchaus eine taffe, moderne Frau nennen. Mit gerade einmal 50 Jahren wurde sie überraschend Witwe und musste den Anforderungen von Unternehmen und Familie plötzlich alleine gerecht werden. „Ich hatte zum Glück immer viele Menschen um mich, die mich unterstützt haben“, sagt Herma Hörwick bescheiden. Trotzdem wurde irgendwann alles zu viel. So entschied sie sich im Jahr 1975 zum Verkauf des Café Nagler an die Bäckerfamilie Stadler, erwarb ein Grundstück im Dillinger Westen, ließ dort ein Isartaler Holzfertighaus errichten und begann noch einmal ein ganz neues Leben. Reisen – unter anderem bis nach Ägypten, St. Petersburg und Hawaii –, Lesen, Kegeln, Turnen, Englisch lernen, Kartenspielen und vieles mehr, für das früher keine Zeit war, entdeckte sie für sich und ließ keine Langeweile aufkommen. Bis heute, mit nun 100 Jahren, pflegt Herma Hörwick das Scrabble- oder Canasta-Spiel mit Tochter Jutta als tägliches Ritual, ebenso wie (inzwischen von der Tochter) selbst gebackene Köstlichkeiten zum guten Filterkaffe, hin und wieder auch begleitet von einem Schnaps oder Likör.

    Groß gefeiert werden kann der 100. Geburtstag nun coronabedingt nicht, aber die sieben Kinder, sechs Enkel und sieben Urenkel, die in ganz Deutschland verstreut wohnen, werden nach und nach zum Gratulieren kommen.

    Wie sieht er nun aus, der Blick zurück auf ein hundertjähriges Leben? Anders machen würde sie eigentlich nichts, sagt Herma Hörwick, sie habe alles in allem ein gutes Leben und sei zufrieden.

    Auf die Frage, was sie jungen Menschen von heute denn mit auf den Weg geben würde, denkt die charismatische alte Dame kurz nach, lächelt und sagt: „Mehr Vertrauen haben in die Zukunft, das sollten sie!“

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