Am Montag jährt sich zum fünften Mal das Merkel-Zitat „Wir schaffen das“: Was verbinden Sie damit?
Georg Schrenk: Damit verbinde ich, dass die Kanzlerin dem Ideenreichtum, der Einsatzbereitschaft der Bürger sowie der Leistungsfähigkeit der zuständigen staatlichen und kommunalen Stellen vertraute. Dass sich vielerorts bereits damals Widerstand regte, hat damit zu tun, dass oftmals nicht auf das Los der Menschen, die kamen, geschaut wurde, sondern alles „Fremde“ als Gefahr gesehen wurde. Nicht zu unterschätzen war und ist auch die Angst von Politikern, dass man bei zu großer Empathie gegenüber den Geflüchteten Stimmen an den rechten Rand verlieren könnte. Da gerieten selbst die „hehren“ Werte des christlichen Abendlandes und unsere Geschichte in den Hintergrund.
Was gab Ihnen den Anlass, sich in der Flüchtlingshilfe in Dillingen zu engagieren?
Georg Schrenk: Für mich war dies nichts Neues, da ich bereits Ende der 80-Jahre in der Übersiedlerhilfe, als viele Menschen aus der damaligen Sowjetunion zu uns kamen, engagiert war. Hier in Dillingen bekam ich den Anstoß durch einen Aufruf im Mitteilungsblatt der katholischen Pfarreiengemeinschaft St. Peter, indem Helfer gesucht wurden.
Wann war das?
Georg Schrenk: Das war im Juni 2014.
Erinnerungen an die Anfänge 2014 in Dillingen
Wie liefen die Anfänge in Dillingen?
Georg Schrenk: Als ehemaliger Berufsoffizier bedient man sich der in der Dienstzeit eingeübter Praktiken. Ich machte zuerst eine Lagefeststellung und habe mich mit einigen anderen Helfern um die Bewohner der dezentralen Unterkunft in der Weberstraße gekümmert. Dadurch bekam ich Kontakt zu anderen Dillingern, die bereits aktiv waren. Insbesondere war dies eine Gruppe um Erika Lüters aus der evangelischen Kirchengemeinde. Damals hatten wir 64 Flüchtlinge in vier dezentralen Unterkünften in der Stadt. Das Landratsamt setzte eine Ehrenamtskoordinatorin ein und der Landrat bat darum, dass in den Ortschaften, die Helfer hatten, ebenfalls Ehrenamtskoordinatoren und ein Vertreter benannt wurde.
Daraufhin bat ich die beiden Pfarrer, Wolfgang Schneck und Manuel Kleiner, alle Helfer zu einem Treffen einzuladen. Dies fand im Oktober statt. Dabei wurde ich gebeten, das Amt des Koordinators zu übernehmen. Es wurden dann wöchentlich Flüchtlinge Dillingen zugewiesen und wir versuchten ihnen das Eingewöhnen zu erleichtern. Das funktionierte recht gut auch aufgrund der Tatsache, dass mit Joachim Kummer ein Bearbeiter im Landratsamt zuständig wurde, der mit uns bis heute eine exzellente Zusammenarbeit pflegt. Die Ehrenamtlichen trafen/treffen sich in Dillingen regelmäßig zu Rundgesprächen. Vor uns steht jetzt das 41. Rundgespräch am 22. September im Stadtsaal. Dort wollen wir unter „Corona-Bedingungen“ uns über das Thema: „Wir schaffen das – haben wir geschafft?“ unterhalten.
Wann haben Sie Ihr Engagement von der lokalen Ebene ausgeweitet und wie?
Georg Schrenk: Zuerst versuchte ich bis Ende 2014 die Vernetzung innerhalb des Landkreises zu verbessern. Ich nahm und nehme an überregionalen Tagungen und Schulungen etwa der Lagfa (Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen/-zentren bürgerschaftlichen Engagements) sowie des Bayerischen Flüchtlingsrates teil. Dadurch bekam ich Kontakt zu anderen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern in Bayern. Unsere damals lose Gruppe wurde Bestandteil eines Flüchtlingshelfernetzwerkes in Bayern. Inzwischen gibt es „Unser Veto“, Verband der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Bayern. Dort bin ich Beisitzer im Vorstand.
Rückblickend was hat in den fünf Jahren überwogen: Frust oder Freude?
Georg Schrenk: Ich möchte es anders formulieren: Enttäuschungen oder Bestätigung. Die Bestätigung, wenn man zurückblickt, überwiegt. Enttäuschend ist, dass es nicht gelungen ist, realistische/humane Lösungen zu finden, etwa bezüglich der Behandlung Langzeitgeduldeter und die teilweise festzustellende Arbeitsweise von zuständigen Stellen.
Was in Dillingen gut gelaufen ist
Bitte nennen Sie uns ein paar Beispiele für eine erfolgreiche Integration.
Georg Schrenk: Wenn Sie die Berichte von Schulabschluss- oder auch Freisprechungsfeiern verfolgen, werden sie feststellen, dass unter den Ausgezeichneten immer wieder Geflüchtete sind. Dass wir, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, aus Dillingen derzeit fünf Geflüchtete im Studium haben und der/die Ein- oder Andere den Sprung in weiterführende Schulen geschafft haben, ist zweifellos ein Erfolg. Gerade die Kinder haben sich zum großen Teil, Ausnahmen gibt es immer, gut in den Schulalltag integriert. Bis zu Beginn der Pandemie hatten wir in Dillingen einen recht hohen Anteil an Geflüchteten, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen oder standen.
Wie haben sich die Probleme seit damals verändert?
Georg Schrenk: Bei neu zugewiesenen Geflüchteten sind die Herausforderungen unverändert. Meist sind diese in der Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Schwaben untergebracht, was aus meiner Sicht der Integration nicht immer förderlich ist. Die vom Landkreis Dillingen praktizierte Unterbringung in dezentralen Unterkünften ist wesentlich förderlicher für die Integration, da hier der Kontakt zu Nachbarn einfacher ist. Unverändert kämpfen die Flüchtlinge und die noch vorhandenen Ehrenamtlichen mit dem Papierkrieg.
Die Begleitung der Geflüchteten, die längere Zeit hier sind, hat sich verändert. Neben der Hilfe bei Behördengängen ist es aus meiner Sicht besonders wichtig geworden, sie mitzunehmen, etwa zu Veranstaltungen. Leider sind diese Bemühungen durch Corona stark eingeschränkt. Die Flüchtlinge müssen unsere Kultur erleben. Geändert hat sich der Deutschunterricht: Während dies in der Anfangszeit ein absoluter Schwerpunkt unserer ehrenamtlichen Tätigkeit war, wird das inzwischen von unterschiedlichen Trägern übernommen. Wir sind, gerade unter Berücksichtigung der Einschränkungen in den Schulen durch die Pandemie, mehr in der Nachhilfe und auch Hausaufgabenbetreuung gefordert. Unverändert ist das Wohnungsproblem bei Anerkannten eine große Herausforderung.
Was müsste dringend getan werden?
Georg Schrenk: a) Die Bemühungen Geflüchtete, auch Frauen, in Berufsausbildung oder in eine Beschäftigung bringen, müssen weiter intensiviert werden.
b) Wir brauchen, nicht nur für Geflüchtete, bezahlbaren, ihrem Leistungsvermögen angepassten Wohnraum. Bei Bedarf muss durch Kommunen Wohnraum geschaffen werden.
c) Nur durch Kontakte kann Integration gelingen. Flüchtlinge müssen in die Vereine mitgenommen werden. Das muss ständig durch Einheimische praktiziert werden. Hier ist die ganze Gesellschaft gefordert.
d) In allen Gemeinden mit mehr als 100 Geflüchteten wäre ein ausgebildeter Integrationsberater in den Rathäusern notwendig. Er könnte bereits bei der polizeilichen Anmeldung den Kontakt herstellen.
e) Die Sprache in den Behörden muss sich ändern. Sie muss für die Geflüchteten verständlich aber auch höflich sein.
f) Ungelöst ist in vielen Fällen die Behandlung traumatisierter Geflüchteter. Die vorhandenen Stellen reichen nicht. Wenn hier keine Änderung erfolgt, muss man damit rechnen, dass sich die Auswirkungen durch Ansteigen von Kriminalität aber auch Verhaltensstörungen bemerkbar machen. Staatliche Stellen müssten das notwendige Fachpersonal finanzieren.
Hatte Angela Merkel recht?
Würden Sie Angela Merkel jetzt nach fünf Jahren recht geben?
Georg Schrenk: Ich stehe hinter ihrem Satz, allerdings hätte ich nicht erwartet, dass selbst Politiker aus den Regierungsparteien versuchen, ihr Handeln lächerlich zu machen.
Woraus speist sich Ihre Energie, jeden Tag weiterzumachen?
Georg Schrenk: An oberster Stelle fühle ich mich der Botschaft Jesu Christi verpflichtet, auch wenn ich der Amtskirche kritisch gegenüberstehe. Dazu kommt, dass ich über 40 Jahre Soldat war. Meine im Diensteid abgelegte Verpflichtung „Treu zu dienen“ hat noch große Bedeutung für mich. Zudem steht für mich der Artikel 1 des Grundgesetzes über allen Gesetzen. Und ich erfahre sehr viel Unterstützung von Einheimischen und Geflüchteten.
Sein besonderer Dank geht nicht nur an die beiden Dillinger Pfarrer
Ein besonderer Dank gebührt dem Team Soziales/Asyl des Landratsamtes für die gute Zusammenarbeit sowie Stadtpfarrer Schneck und Pfarrer Kleinert, die immer an meiner Seite standen und Landtagsabgeordneter Johann Häusler, der unsere Anregungen auch gegenüber dem Innenministerium in München vertrat. Unser Verein hat 80 Mitglieder, die Mehrzahl gehört zur Corona-Risikogruppe. Wirklich aktiv tätig sind 50. Das reicht nicht, um die Herausforderungen bei etwa 550 Geflüchteten in der Stadt Dillingen zu bewältigen. Wir freuen uns über neue Mitstreiter, so können wir es schaffen.
Die Fragen stellte Cordula Homann
Lesen Sie dazu auch aus unserer Schwerpunktausgabe "Geschafft?"
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