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Gundelfingen

10.11.2020

Ex-Abgeordneter Johannes Strasser sitzt im Gefängnis

Der Gundelfinger Unternehmer und frühere Landtagsabgeordnete Johannes Strasser verbüßt gegenwärtig eine Freiheitsstrafe.
Bild: Berthold Veh (Archiv)

Plus Der Unternehmer und ehemalige Landtagsabgeordnete Johannes Strasser aus Gundelfingen verbüßt eine elfmonatige Freiheitsstrafe. Wie konnte es so weit kommen?

Noch vor zwei Jahren war der ehemalige Landtagsabgeordnete und Unternehmer Johannes Strasser in zwei Verhandlungen am Dillinger Amtsgericht und dem Augsburger Landgericht von Betrugsvorwürfen freigesprochen worden. Jetzt sitzt der Gundelfinger im Gefängnis. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Augsburg, Matthias Nickolai, auf Anfrage mitteilt, verbüßt Strasser derzeit in einer Justizvollzugsanstalt eine elfmonatige Freiheitsstrafe, die zunächst auf Bewährung verhängt worden war.

Zwei Rechtsanwälte hatten Anzeige gegen Johannes Strasser erstattet

2017 hatte das Dillinger Amtsgericht Johannes Strasser und seine Frau von den Vorwürfen des Betrugs freigesprochen. Das Landgericht in Augsburg bestätigte im Mai 2018 das Urteil, die Staatsanwaltschaft Augsburg legte Revision ein, nahm diese jedoch wenige Wochen später zurück. Zu dem Verfahren war es gekommen, weil zwei Rechtsanwälte Anzeige erstattet hatten. Die Juristen sollten Strasser in einer Zivilklage vertreten. Eine große Firma für Fotovoltaikanlagen hatte dem Gundelfinger, der sich auf dem Feld der erneuerbaren Energien engagiert, nach dessen Angaben eine höhere sechsstellige Summe geschuldet. Vor dem Prozess wurde eine Erfolgshonorarvereinbarung abgeschlossen. 25 Prozent der 100.000 Euro, die infolge eines Vergleiches heraussprangen, sollten an die Anwälte gehen. Doch dazu kam es nicht – denn gegen Strasser standen Pfändungen im Raum. Der Vorwurf: Das hätten Strasser und seine Frau, die die Vereinbarung mit den Anwälten unterschrieb, wissen müssen. Das Gericht sprach die Strassers aber frei, denn es habe nicht ausgeschlossen werden können, dass die Kanzlei den Auftrag „auch unter Kenntnis der Umstände angenommen“ habe.

2019 gab es am Dillinger Amtsgericht ein zweites Verfahren gegen Strasser

2019 gab es allerdings am Amtsgericht in Dillingen ein zweites Verfahren. Dabei soll es unter anderem um eine offene Handwerkerrechnung, Urkundenfälschung und ein Darlehen bei einem Unternehmer gegangen sein, das Strasser nicht zurückbezahlt habe. Nach Informationen unserer Redaktion erließ das Gericht im Mai 2019 wegen Betrugs und Urkundenfälschung einen Strafbefehl und verhängte dabei eine Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung. Im Juli 2020 widerrief das Dillinger Amtsgericht, wie unserer Redaktion jetzt bekannt wurde, die Strafaussetzung zur Bewährung. Strasser soll demnach die Auflagen nicht erfüllt und keine Wiedergutmachung des Schadens geleistet haben. Dem Vernehmen nach soll das Gericht bereits im Sommer des vergangenen Jahres Strasser eine letzte Frist gewährt haben.

Anwalt: "Anzeichen, dass hier etwas nicht korrekt abläuft"

Oberstaatsanwalt Nickolai bestätigt, dass der Beschluss des Dillinger Amtsgerichts inzwischen vollstreckt wurde. Seit Montag voriger Woche verbüßt Strasser die gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe in einer Justizvollzugsanstalt. Der Anwalt des 75-Jährigen, Stefan Glatzl, zeigt sich verwundert über das Dillinger Amtsgericht. „Die Entscheidungen sind juristisch noch vertretbar, aber sie sind sehr hart“, sagt der Anwalt aus Bensheim bei Darmstadt. Das habe er in seiner 17-jährigen juristischen Laufbahn in dieser Form noch nicht erlebt. Glatzl ist überzeugt, dass Strasser von der Haft hätte verschont werden können. „Es mehren sich für mich die Anzeichen, dass hier etwas nicht korrekt abläuft“, sagt Glatzl. Informationen, auch vertrauliche, würden sehr bewusst gestreut. Das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Verdienstorden habe der Gundelfinger in Windeseile zurückgeben müssen. Dabei sei der ehemalige SPD-Politiker nicht durch eigenes Verschulden in die Bredouille geraten. Die Insolvenz eines international tätigen Fotovoltaik-Unternehmens habe Strasser in die finanzielle Schieflage gebracht. Glatzl will mit Beschwerden eine Haftverschonung oder zumindest eine Hafterleichterung erreichen. Er habe beantragt, dass der 75-Jährige einen Bewährungshelfer an die Seite bekommt. Strasser gehe es derzeit „gesundheitlich sehr schlecht“. Der Unternehmer selbst hält das Verfahren für einen „politischen Skandal“. Strasser verweist darauf, dass er vom Dillinger Finanzamt „terrorisiert“ worden sei. Im Juli 2018 habe ihn die Behörde benachrichtigt, dass er dem Freistaat Bayern 282710 Euro an Steuern schulde. Gut ein Jahr später habe er dann erfahren, dass dieser Vollstreckungsbescheid ein Versehen gewesen sei.

Ein Unternehmen erhebt Vorwürfe in einem offenen Brief

Vorwürfe gegen Strasser erhebt in diesen Tagen auch das Unternehmen Greenvest Solar aus Starnberg. In einem offenen Brief warnt die Firma vor unlauteren Vermittlern in der Fotovoltaikbranche. Diese würden teils mit überhöhten Pachtpreisen werben, die nie gezahlt werden, teils mit einem guten lokalen Netzwerk. Solch ein Netzwerk nutze auch Strasser, der das Büro Energy Forever betreibt. Der 75-Jährige habe zunächst mit der Greenvest Solar GmbH als Vermittler von Projektrechten zusammengearbeitet und unter anderem Pachtverträge vermittelt. Danach soll, so die Firma, Strasser mit Dritten zusammengearbeitet haben. Dabei soll er die Kenntnisse aus den für Greenvest Solar geführten Vertragsverhandlungen über die Flächenverfügbarkeit, Vergütungsfähigkeit, Vertragspartner, Vertragsentgelte und sonstige Vertragsinhalte genutzt haben, um diese Dritten zu Angeboten zu veranlassen, die für die Eigentümer wirtschaftlich besser erscheinen, und dies in dem Wissen um die bestehenden Verträge. Wider besseres Wissen habe Strasser behauptet, diese Verträge seien unwirksam. Diese Behauptung sei mittlerweile durch eine gerichtliche Entscheidung widerlegt worden.

Strasser habe zudem die Reputation seiner ehemaligen politischen Ämter genutzt, um juristisch unerfahrene Grundstückseigentümer zum Abschluss eines neuen Nutzungsvertrages zu veranlassen, ohne die damit für die Eigentümer verbundenen Risiken zu erwähnen. Greenvest Solar wirft Strasser vor, sein vordringliches Ziel sei es gewesen, erneut Provisionen zu erhalten.

Strassers Doktorarbeit behandelte "Schwachstellen der Politik"

Der SPD-Politiker hatte einst eine steile politische Karriere hingelegt. Mit 27 wurde der frühere Volksschullehrer zum Tapfheimer Bürgermeister gewählt. Von 1986 bis 2003 saß Strasser für die Genossen im Bayerischen Landtag. Er war Kreisrat im Kreistag Donau-Ries (1978 bis 2000) und Dillingen (2002 bis 2008) und stellvertretender SPD-Bezirksvorsitzender. Nach seiner politischen Karriere schrieb er eine Doktorarbeit zum Thema „Schwachstellen der Politik“. 2004 bis 2007 hatte Strasser Lehraufträge an der Universität der Bundeswehr München und der Uni Augsburg. Seit Beendigung der Dozententätigkeit ist er im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, betreibt ein eigenes Büro in Gundelfingen und ist deutschlandweit als Unternehmensberater unterwegs. Für sein Engagement wurde Strasser vielfach geehrt. (mit corh)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Ein Schatten auf Strassers Lebenswerk

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