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Ein bewegtes Jahrhundertleben: Johanna Scherle aus Eggelstetten

Eggelstetten

Ein Jahrhundert zwischen Bomben und Backstube: Johanna Scherles bewegte Geschichte

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    Die 100-jährige Johanna Scherle (Mitte) mit ihren beiden Töchtern Inge Dirr (rechts) und Johanna Berchtenbreiter.
    Die 100-jährige Johanna Scherle (Mitte) mit ihren beiden Töchtern Inge Dirr (rechts) und Johanna Berchtenbreiter. Foto: Barbara Würmseher

    Der Garten des Eggelstettener Anwesen ist ein prächtiger Freiluft-Saal in sattem Grün - herausgeputzt mit Zelt und Accessoires, die dem Anlass gerecht werden. Immerhin ist er Schauplatz eines denkwürdiges Ereignis: für Johanna Scherles Geburtstagsfeier. Die rüstige Dame - einst Inhaberin der legendären Bäckerei „Druisebäck“ in Druisheim und Mertingen - wurde jetzt 100 Jahre alt.

    Im Kreis ihrer Großfamilie, in der sie ein Leben lang geborgen war und ist, hat sie darauf angestoßen. Waren es zu Beginn ihres Lebens ihre eigenen Eltern und fünf Geschwister, so gehören heute neben ihren beiden Töchtern sieben Enkel, und elf Urenkel dazu - nebst angeheirateten Verwandten. Die beste Voraussetzung also für ein rauschendes Fest.

    Johanna Scherle war der gute Geist im „Druisebäck“

    So mancher kennt Johanna Scherle noch als den guten Geist der früheren Bäckerei Scherle, die es von 1923 bis 2003 in Druisheim gegeben hat. 1985 kam die Mertinger Filiale dazu. Und auch ihr inzwischen verstorbener Ehemann Josef Scherle war als Bäckermeister und fahrender Bäcker mit seinem VW-Bus eine feste Größe. Wenn er Semmeln, Brot und Kuchen auslieferte, waren nicht selten auch die Kinder Rudolf, Inge und Johanna dabei. In der Gegend um Druisheim viele Jahre ein vertrauter Anblick.

    Erinnerungen wie diese werden bei Johanna Scherles Gedanken wach. Wer auf ein 100-jähriges Leben blickt, kann viel erzählen. Viel Schönes, manches mit Wehmut verwoben. Aber auch Schlimmes wie die Kriegsjahre mit den schwärzesten Tagen für Donauwörth, dem 11. und dem 19. April 1945, als bei Luftangriffen 75 Prozent der Reichsstraße zerstört wurden. Johanna Scherle war dabei. Sie kauerte während der Bombardierung direkt im Zentrum der Stadt, in der Pflegstraße, im Hohlraum unter einem Backofen.

    Johanna Scherle im Alter von Anfang 20.
    Johanna Scherle im Alter von Anfang 20. Foto: privat

    Sie war knapp 19 Jahre alt und hatte in der Bäckerei Motzler ihre zweite Arbeitsstelle angetreten. Als 13-Jährige war sie nach der Volksschule zunächst aus ihrem Geburtsort Ehingen (bei Nordendorf) von den Eltern in ein Nachbardorf als Kindsmagd vermittelt worden. Später wollte sie Modistin in Augsburg lernen, doch ihr Vater musste in den Krieg und da wurde es nichts mit der Lehre in der Großstadt. Stattdessen kam Johanna nach Donauwörth in die Bäckerei - „als Mädchen für alles“, wie sie schmunzelnd sagt.

    Über das geheime Zimmer durfte sie nicht verraten. „Mund halten“ hatte ihr Chef gesagt.

    In dieser schlechten Zeit gab es zwar Mehl über Bezugsscheine und Eier direkt beim Bauern - oft im Tausch -, aber an besonderen Zutaten für Konditorware mangelte es. „Bei uns allerdings nicht“, erzählt die Jubilarin. „Mein Chef hatte unterm Dach ein geheimes Zimmer, das ich nicht verraten durfte. ‚Mund halten‘ hat er zu mir gesagt“. Dort hatte er besondere Vorräte gehortet: Zucker, Sultaninen, Schokolade und mehr. „Das vergesse ich mein Lebtag nicht!“ Luxus in Tagen, als es fast nichts mehr gab!

    Es ging ihr gut bei ihrem Dienstherrn und seiner Familie. Und sie hatte unfassbares Glück, als die Bomben auf Donauwörth fielen. „Mit der Tochter der Bäckerfamilie hab ich mich im Loch unter dem Backofen versteckt“, schildert sie. Das Haus blieb verschont, während draußen vieles in Schutt und Asche gelegt wurde. Viel mag sie heute nicht mehr davon erzählen. Nur das: „Ich weiß noch heute, wie sie damals die Toten mit Leiterwagen weggekarrt haben.“ Ihr älterer Bruder war an der Front gefallen. Umso schmerzlicher war für sie der Anblick von Soldaten in Donauwörth. „Das hab ich nicht mehr ertragen. Ich wollte weg.“

    Josef warb lange und hartnäckig um Johanna

    Johanna ging zurück nach Ehingen und arbeitete mit ihrer Schwester Beppi in eine Augsburger Textilfabrik bis 1950. „Als die pleite ging, stand ich auf der Straße.“ - Nicht lange allerdings. Und danach fügte sich alles beinahe schicksalhaft. Denn Johanna landete wieder bei genau der Tätigkeit, die sie schon beherrschte: „Mein Vater hatte in Druisheim beim Bäcker erfahren, dass ein Dienstmädchen gesucht wurde.“ Dort gab es das Bäckerehepaar Scherle mit vier Söhnen - der jüngste von ihnen war Josef, dem sie gleich gefiel. Anfangs wollte sie nichts von ihm wissen, doch schließlich gab sie seinem heftigen Werben nach.

    In der Backstube des "Druisebäck" 1984 (stehend von links): Johanna Scherle, zwei Mitarbeiter, Tochter Johanna Berchtenbreiter, (unten von links) Sohn Rudolf mit Frau Renate und Tochter Katja.
    In der Backstube des "Druisebäck" 1984 (stehend von links): Johanna Scherle, zwei Mitarbeiter, Tochter Johanna Berchtenbreiter, (unten von links) Sohn Rudolf mit Frau Renate und Tochter Katja. Foto: privat

    Sie heirateten im November 1952 - und nur fünf Monate später war Sohn Rudolf auf der Welt. Ihm folgten die Töchter Inge (heute Dirr) und Johanna (Berchtenbreiter). „Wir haben in den ersten Jahren auf engstem Raum gelebt, aber es waren schöne Jahre.“ An ihre Schwiegermutter hat Johanna Scherle nur liebevolle Erinnerungen: „Gestritten haben wir überhaupt nur ein einziges Mal, als sie unbedingt vor Weihnachten noch Loible backen wollte und ich nicht. Aber auch dieser Streit hat nicht lang angehalten.“

    Mit Sohn Rudolf begann die dritte Generation des „Druisebäck“

    Wie alle ihre Kinder hatte auch Sohn Rudolf das Bäckergen in sich, lernte im Rheinland, kam zurück, um die Nachfolge des Vaters anzutreten. Es war ein echter Familienbetrieb in drei Generationen. Irgendwann entdeckten Johanna Scherle und Ehemann Josef auch ihre Lust am Reisen und genossen - neben Camping-Wochenenden im Allgäu - besondere Urlaubsziele wie Russland, Kenia, Sri Lanka, Mexico oder das Nordkap.

    Als Ehemann Josef 1999 starb, übernahmen die Kinder die Fürsorge für ihre Mama, standen und stehen ihr bei. Sohn Rudolf ist inzwischen verstorben, die Großfamilie aber umsorgt sie. Ein weiterer einschneidender Moment war die Geschäftsaufgabe 2003. „Es war am Karsamstag und ein sehr prägendes Erlebnis.“, schildert Tochter Johanna Berchtenbreiter. „Geweint haben wir alle - die Familie und die gesamte Belegschaft. Irgendwann aber mussten wir uns damit abfinden.“

    Gibt es ein Rezept fürs Altwerden? Johanna Scherle schmunzelt. Wenn überhaupt, dann dieses: „Unsere Mutter hat das Sterben immer aufgeschoben“, erzählen ihre Töchter. „Bei allem, was in der Familie anstand - ob ein neues Baby, die nächste Kommunion oder andere Ereignisse - hat sie immer gesagt: Oh wie schön, das möchte ich noch erleben!“ - Auf diese Weise bleibt einfach keine Zeit, sich vorher von dieser Welt zu verabschieden...

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