Genderkingen: So haucht eine Genderkingerin ihren Krippenfiguren Leben ein
Genderkingen
So haucht eine Genderkingerin ihren Krippenfiguren Leben ein
Sieglinde Schmid-Hartmuth aus Genderkingen fertigt Unikate und bekleidet sie. Für diese filigrane Arbeit braucht sie vor allem drei Eigenschaften.
Von Jürgen Ziegelmeir|25.05.22 - aktualisiert:
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Sie ist nicht nur Schneiderin: Sieglinde Schmid-Hartmuth aus Genderkingen bastelt auch die Krippen selber. Dabei versucht sie mit ihrer Liebe zum Detail, ihre Figuren quasi zum Leben zu erwecken.
Die Rohlinge aus Holz, die sortiert auf dem Tisch liegen, wirken zunächst wie ganz normale Ersatzteile für Puppen. Nichts deutet darauf hin, dass sich die verschiedenen Gliedmaßen später einmal zu Maria, Josef, Hirten und dem Jesuskind zusammenfügen. Wer jedoch die Mimik der handgeschnitzten Exponate aus Südtirol näher betrachtet, erkennt, dass sie jede Menge Potenzial für eine kreative Schneiderin bergen. „Ich lebe mich in die Figur ein, die ich darstellen werde“, beschreibt Sieglinde Schmid-Hartmuth den visuellen Teil ihrer Arbeit, der der handwerklichen Kunst vorausgeht. Deren hohes Niveau lebt von kleinsten Details und stellt selbst nach jahrzehntelanger Erfahrung immer wieder Herausforderungen.
Als seien es die Segmente von Marionetten, so reihen sich Köpfe, Arme, Beine und Rümpfe aneinander. Diese verbindet Schmid-Hartmuth mit einem Kupferdraht, den sie festklebt. Anschließend wickelt sie ein elastisches Stoffband darum, bis es wie ein gebundener Körper aussieht, was die Expertin Fatschen nennt. Dieser erste Abschnitt ist handwerklich betrachtet, leichter zu absolvieren. „Nun jedoch hauche ich meinen Figuren Leben ein“, betont Schmid-Hartmuth mit einem Lächeln. Die 58-Jährige wohnt seit 23 Jahren mit ihrem Mann und Sohn in Genderkingen.
Die Genderkingerin hat 500 Stoffsorten in ihrem Sortiment
Grundlage dafür, dass die Puppen später aussehen wie in einem Film, bilden 500 Stoffsorten, die die Schneiderin in ihrem Atelier lagert. „Ich nähe alles per Hand“, verdeutlicht sie, indem sie ihr Nadelsortiment zeigt. Die Nähmaschine hinterlasse eine zu harte Naht, die sich hernach nicht filigran biegen lasse. Allein die Schuhe einer nur 14 Zentimeter großen Gestalt lassen erahnen, wie viel Gefühl es braucht, diese mit einer goldenen Borte zu verzieren. Und gerade diese Details schaffen individuelle Ausdrucksweisen, die die Kunden loben.
„Ändern Sie ja nicht Ihren Stil“, forderte kürzlich jemand. Der sei natürlich, lebendig, wie im Film. Schmid-Hartmuth gelingt dieses Kunststück, indem sie den Stoff so stärkt, dass dessen Struktur erhalten bleibt. Auf die Frage, wie so ein Ergebnis möglich werde, schmunzelt die Künstlerin wieder und antwortet, dass es dafür vor allem drei Eigenschaften brauche: „Fingerspitzengefühl, Geduld und einen guten Optiker.“
Das handwerkliche Talent liegt in ihren Genen
Wie sehr die Kunden ihre Arbeit schätzen, bestätigte jemand aus dem Saarland, der etwa 20 Unikate bei ihr bestellte. Er stelle jeden Abend ein anderes neben sein Bett, um es zu betrachten, bis er einschlafe. Diese Professionalität hat sich lange entwickelt und liegt in ihren Genen.
Die Heiligen Drei Könige bezeichnet die Künstlerin als ihr Meisterwerk. Auffällig sind vor allem die edlen Gewänder.Foto: Jürgen Ziegelmeir
Ihre Eltern und Großeltern waren schon talentiert. Da war es letztlich kein Wunder, dass sie bereits als Kind Handarbeit in allen Variationen liebte. 1992 renovierte sie in Dinkelscherben 100 Krippenfiguren. Hier reifte schließlich der Gedanke, und Schmid-Hartmuth entwickelte sich zur Künstlerin, die ihren Beruf als kaufmännische Angestellte aufgab, um sich ganz ihrer Leidenschaft zu widmen. Sie habe mehr Zeit gebraucht, denn „pausenlos fallen mir neue Haltungen und neue Schnitte ein, die ich verwirklichen möchte“. Und plötzlich schmunzelt sie wieder, weil sie jemand neulich als gute Fee bezeichnete, die ihre Figuren zum Leben erweckt.
Manchmal sind Parallelen zu Pinocchio erkennbar
Ja, sie lasse sich diesen Vergleich gern gefallen, denn Parallelen zu Pinocchio seien tatsächlich erkennbar. „Sehen sie diesen müden Mann“, deutet Schmid-Hartmuth auf jemand, der in einer Ecke der Krippe sitzt. Es ist keine Fantasie erforderlich, sich vorzustellen, dass ihm die Augen gleich zufallen. Daneben strahlt Maria, die das Jesuskind im Arm hält, als wolle sie die ganze Welt an ihrer Freude teilhaben lassen.
So trägt diese außergewöhnliche Künstlerin die Frohe Botschaft nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr hinaus in die Welt. Sie selbst sieht das als wichtigsten Teil ihrer Arbeit: „Durch meine Figuren Nächstenliebe zu verbreiten.“