Charlotte Tangerding war nicht nur Mitbegründerin der Südstahl GmbH in Mertingen, sie engagierte sich auch gesellschaftlich und kulturell. Unter anderem veröffentlichte sie eigene Gedichtbände, gründete eine Stiftung, um kulturelle Projekte zu fördern, initiierte Kunstsymposien und setzte sich insbesondere auch für junge Künstler ein. Ende Oktober wäre die Mäzenin 110 Jahre alt geworden. Anlässlich ihres Geburtstages durften die Besucherinnen und Besucher auf Schloss Leitheim einen Liederabend besonderer Art erleben.
Der Musiker, Komponist und Arrangeur Tom Lier hatte Gedichte von ihr sowie anderen Dichtern in Musik gefasst und unter dem Motto „Von Menschen und vom Leben“ zusammengestellt. Die Interpreten Daniel Böhm (Bariton), Anne-Kathrin Abel (Sopran), Julia Meiershofer (Klarinette) sowie Bernd Jung (Klavier) nahmen das Publikum mit auf die eigene Lebensreise mit allen ihren Höhen und Tiefen, leisen und lauten Momenten, Augenblicken zwischen verzagtem Bangen, sehnsuchtsvoller Hoffnung und auch überschwänglicher Freude. So schaffte Julia Meiershofer mit den elegischen, melodisch und expressiv vorgetragenen Intermezzi „Der Pilger“ sowie „An Alrune“ eine Grundstimmung, die zum Träumen, aber auch Nachdenken einlud. Wunderbar weich und fließend interpretierte sie elegische Melodiebögen, setzte dynamische Akzente und Phrasierungen, stets einfühlsam und souverän von Bernd Jung am Klavier begleitet.
Anne-Sophie Abel überzeugt das Publikum auf Schloss Leitheim
Der Bariton Daniel Böhm verstand es mit seiner sonoren Stimme dem Publikum sowohl emotionale Wärme als auch dramatische Spannung zu vermitteln. Agierte er in Liedern wie „Der Pilger“ zunächst sehnsüchtig und mit verhaltener Stimmgebung, wandelte sich dies im Laufe des Liedes in ein Drängen, den Schluss gestaltete Böhm in kräftigem, fast forderndem Ton. Ähnlich differenziert intonierte er Stücke wie „Letzte Erkenntnis“, „Im Nebel“ und besonders eindrucksvoll auch in „Heimkehr“, wo von einer erwartungsfrohen Heimkehr die Rede ist, was sich jedoch bald wandelt, da anstelle der Mutter nur fremde Leute anzutreffen sind. Wieder trug Bernd Jung am Klavier dazu bei, dass die Stimmungen der Lieder – ganz im Sinne der Kompositionen Liers - untermalt, ausgedeutet und häufig um lautmalerische Elemente bereichert wurden.
Anne-Sophie Abel ergänzte mit ihrer hellen Sopranstimme authentisch die nachdenkliche, aber auch erwartungsfrohe Stimmung im Publikum. Aktueller denn je ist der Text des von Charlotte Tangerding verfassten Gedichts „Was für eine Zeit“, wo die Autorin schreibt: „Viele sind so gescheit. - Was heißt schon wissen? Spüren ist´s, was wir lernen müssen.“ Der Sopranistin gelang es, diese und auch die hektische Stimmung in „Worte, Worte“ überzeugend zu intonieren, wusste auf der anderen Seite mit „Wohin du gehst“ die liedhafte Melodie, die erhebend von der Klarinette umspielt wurde, wunderbar weich zu intonieren. Das verbindende Element zwischen den einzelnen Darbietungen bildete Jürgen Lechner, bekannt aus der TV-Serie „Dahoam is dahoam“ oder von „Bernis bunter Bühne“. Mit ungeheurer Bühnenpräsenz verstand er es, mit seinen berührenden und zugleich erhebenden Texten sowie seinem „Lebenspuzzle“ emotional zu binden und durch den Abend zu führen. Verbunden mit Tom Liers Kompositionen, die von hoher Musikalität, tiefer musikalischer Empfindung sowie Gespür für die Aussagen und den Gehalt der Texte zeugten, durften das Publikum eine besondere Stimmung erleben: einerseits nachdenklich und reflektierend, andererseits lebensbejahend und erhebend.
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