„Mein schönster Tod wäre, über dem Amboss z‘ambrechen“ – das wünschte sich der Kunstschmied, Maler und Bildhauer Erich Nüchter. Hintergründig, skurril und witzig wie sein frommer Todeswunsch, so war er auch als Mensch, durch und durch. Neben seiner Arbeit als Kunstschmied schuf Nüchter umfangreiches Werk als Maler von Aquarellen, Ölbildern und Grafiken. Seine Arbeiten zeigen jedoch eine Vorliebe für Karikaturen. Vor allem absonderliche, kauzige, originelle, kuriose Mitmenschen, die er genau beobachtete, hatten es ihm angetan: Trinker, Penner, Hagestolze, den Bücherfreund, aber auch Gestalten der Literatur und Figuren aus der Opernwelt.
Noch oft vor Ort zückte er seinen Stift und brachte die Gestalten zu Papier. Die Blätter seiner Zeichnungen dienten ihm als Vorlage während des Schmiedens. Damit er sie stets vor Augen hatte, hängte er sie an einen Haken neben dem Schmiedeofen. Dieses Hakenloch oben in der Mitte ist fast ein Markenzeichen dieser Blätter von Nüchter. Ihm gelang es nach seiner zeichnerischen Vorlage meisterhaft, aus dem harten und starren Material Eisen am Amboss kunstvolle, geschmeidig und lebendig wirkende Karikaturen zu schmieden. Nüchters Karikaturen wirken in ihrer Witzigkeit menschlich, aber nie herabsetzend. Überhaupt scheint er ein humorvoller Menschen- und Tierfreund gewesen zu sein. Letzteres belegt er mit einer geschmiedeten Selbstkarikatur: Sein geliebter Hund durfte alles, sogar sein Herrchen „markieren“.
Das Schmieden hatte der 1903 als Sohn eines Buchbinders in Creglingen/Baden-Württemberg geborene Nüchter von der Pike auf gelernt. Nach seiner Schulzeit in Ingolstadt, wo sein Vater ein Schreibwarengeschäft betrieb, begann er in einer Augsburger Firma eine Lehre als Schlosser. Schon früh entdeckte er seine künstlerische Ader. Parallel zu seiner handwerklichen Ausbildung begann er mit 17 Jahren an der Kunstschule in Augsburg Malerei zu studieren. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er bei Riedinger und dann bei MAN. Nach einem Betriebsunfall wechselte er innerhalb des MAN-Betriebes in ein Zeichenbüro und später in die Werbeabteilung. Die Idee, figürliche Darstellungen zu schmieden, kam ihm, als er einem Schmied in Unterschöneberg bei der Arbeit half.
Schmiedewerkstatt bei der Firma Frisch in Kissing
Es war ein Glücksfall für Erich Nüchter, als er 1949 einen Auftrag vom Eisenwerk Gebrüder Frisch in Kissing erhielt. Die Firmenleitung erkannte sein Talent und gestattete ihm die Einrichtung einer kleinen Schmiede in einer Ecke der Werkshalle. Viele seiner frühen Plastiken gingen als Geschenke der Firma Frisch an Kunden in alle Welt. Nicht nur in der Lehrschmiede dieser Firma, sondern dann auch bei den Goetzewerken Friedberg bildete Nüchter viele Jahre, bis mindestens 1983 Lehrlinge im Schmiedehandwerk aus.
Seine schmiedeeisernen Arbeiten waren vielfältig. Vorwiegend Villen stattete er mit Heizungsverkleidungen, Raumteilern, Fenstergittern und Gartentoren, Tischen, Blumenständern aus. Er schuf unter anderem Tierfiguren, Sonnenuhren, Lampen, Serviettenhalter und weitere Ziergegenstände. Als sein umfangreichstes Werk gilt die aus vielen Teilen bestehende handgeschmiedete Weihnachtskrippe, die er 1951 als Geschenk für den kaufmännischen Leiter des Eisenwerks Frisch schuf. Sie gilt als die einzig handgeschmiedete Krippe überhaupt.
Ein weiteres Meisterwerk gelang Nüchter mit dem sogenannten Fuggerzug. Es stellt einen mittelalterlichen, mit Pferden und Hunden komplett ausgestalteten Handelszug dar. Die Kunstsammlungen Augsburg würdigten die historische Bedeutung für die Fuggerstadt und präsentierten das Werk im Zentrum einer Ausstellung mit dem Titel „Vom Zeichnen zum Schmieden - Erich Nüchter“ ab November 2025 im Grafischen Kabinett in Augsburg.
Spuren in Friedberg hinterlassen
Aber auch in Verbindung mit Friedberg schuf Nüchter Kunstwerke. Er schmiedete einen „Brunnen mit Zwei Vögeln“ für die Pius-Häusler-Siedlung, ebenso einen Brunnen für eine Anlage der Baugenossenschaft. Da ihm mit zunehmendem Alter die Schmiedearbeit immer schwerer fiel, verlagerte er seinen Fokus auf die Malerei. Noch ein Jahr vor seinem Tod kaufte er sich einen BMW, der ihm als „rollendes Atelier“ diente. Er steuerte das Auto stets so in Position, dass er von seinem Beifahrersitz aus Landschaftsmotive vorwiegend im Raum Aichach/Friedberg, wo er sich besonders wohlfühlte, in Aquarellen festhielt. Da ihm verschiedene Blickperspektiven wichtig erschienen, wechselte er zum Zeichnen mit seinem Auto mehrmals den Standort. Als er einmal wegfahren wollte, war er so tief in die Wiese eingesunken, dass ihm ein mitleidiger Bauer half, den Wagen wieder herauszuziehen.
Sein Wunsch, über dem Amboss das Leben auszuhauchen, ging nicht in Erfüllung. Er starb nach kurzer Krankheit im Alter von 86 Jahren am 24. November 1989 im Krankenhaus in Friedberg.
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