Lange Zeit wurde die CO2-Bilanz von Gebäuden allein am Energieverbrauch und den dafür eingesetzten Energieträgern festgemacht – was beim Neubau zu kurz greift. Mehr und mehr rückt daher ein umfassenderes Instrument in den Mittelpunkt: die Lebenszyklusanalyse. Sie betrachtet nicht nur den Betrieb eines Hauses, sondern dessen gesamtes „Leben“ – von der Rohstoffgewinnung über den Betrieb bis zum Rückbau. Darin drückt sich aus, dass Nachhaltigkeit mehr ist als nur ein niedriger Heizenergieverbrauch.
Die Lebenszyklusanalyse (englisch: Life Cycle Assessment, LCA) ist dabei eine weitverbreitete Methode zur systematischen Bewertung der Umweltwirkungen eines Produkts oder Systems über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg. Bei Gebäuden werden alle Prozesse berücksichtigt – von der Herstellung der Baustoffe, dem Transport zur Baustelle, der Bauphase, einer theoretische Nutzungszeit von 50 Jahren, der Instandhaltung und Sanierung sowie schließlich Abriss, Recycling oder Entsorgung.
Die zwei Säulen der Lebenszyklusanalyse
Die Lebenszyklusanalyse basiert dabei auf zwei Säulen: den gebäudebezogenen und den nutzungsbezogenen Anteil. Für ersteren werden unter anderem die eingesetzten Bauteile und Materialien erfasst: wie viel Beton, Stahl oder Holz wird verbaut? Es gibt Kennwerte für die verwendeten Baustoffe, die mit den verbauten Mengen multipliziert werden. Dazu kommt noch ein Sockelbetrag für die sogenannte technische Gebäudeausrüstung wie Leitungen und Rohre. Auch Großgeräte wie Heizungs- oder Fotovoltaikanlage werden separat erfasst. Da der Betrachtungszeitraum bei der Lebenszyklusanalyse 50 Jahre beträgt, wird in die Bilanz zudem die Erneuerung und Sanierung bestimmter Gebäudeteile mitberücksichtigt, die in dieser Zeitspanne notwendig sein wird.
In den nutzungsbezogenen Anteil fließt insbesondere der Energieverbrauch fürs Heizen und die Warmwasserbereitung ein. Er wird auf der Grundlage des angestrebten Energiestandards des Gebäudes für 50 Jahre errechnet. Dazu kommt noch der Strombedarf von Nutzerseite, der pauschal mit 20 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angesetzt wird.
Wie senke ich den LCA-Wert
Gebäude- und nutzerbezogener Anteil werden dann zusammengezählt und durch 50 Jahre und die Nettoraumnutzfläche in Quadratmeter geteilt. Daraus ergibt sich der sogenannte LCA-Kennwert in kWh/m2a für den Primärenergiebedarf beziehungsweise kgCO₂eq/m²a für den Treibhausgas-Ausstoß.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den LCA-Wert zu senken. Hier ist insbesondere die Auswahl der Baumaterialien zu nennen: Holz wird deutlich besser bewertet als beispielsweise Beton, da die Zementproduktion sehr energieintensiv ist. Auch eine modulare Bauweise, die einen leichteren Rückbau und bessere Wiederverwertung ermöglicht, bringt Pluspunkte ebenso der Einsatz langlebiger Bauteile. Eine gute Trennbarkeit der Baumaterialien wirkt sich ebenfalls positiv auf den LCA-Wert aus. Aber ungeachtet eines guten Wertes für einen Neubau: die Sanierung eines bestehenden Gebäudes auf einen guten Energiestandard und dann entsprechend langfristige Weiternutzung wird meistens zu einem besseren Ergebnis für den gesamten Lebenszyklus führen als ein Abriss und anschließender Neubau.
Was macht die Politik?
Diese Kennwerte werden zunehmend in Förderprogrammen genutzt. Um beispielsweise in den Genuss einer KfW-Neubauförderung zu kommen, mit der zinsgünstige Kredite in Anspruch genommen werden können, muss ein Gebäude bestimmte Anforderungen in puncto Treibhausgas-Emissionen in seinem Lebenszyklus erfüllen. Auch auf europäischer Ebene wird mittlerweile diskutiert, die Ökobilanz von Gebäuden stärker in den Bauvorschriften zu verankern.
Zur Person
Martin Sambale ist Geschäftsführer des Energie- und Umweltzentrums Allgäu – kurz eza! – in Kempten.
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